Zen-Meister in Stuttgart „Erleuchtung im romantischen Sinne ist ein Mythos“

Von Martin Haar 

Zen-Meister   Olivier Reigen Wang-Genh Foto: Haar
Zen-Meister Olivier Reigen Wang-Genh Foto: Haar

Meister Olivier Reigen Wang-Genh brachte den Zen-Buddhismus 1987 nach Stuttgart. Nun kommt er wieder, um den Stuttgartern in einem Vortrag die Bedeutung der Meditation schmackhaft zu machen. „Die Wohltaten der Meditation sind so zahlreich“, sagt er.

Stuttgart - Vor 50 Jahren kam der Zen-Buddhismus nach Europa. Dies wird auch in Stuttgart gefeiert.

Meister Wang-Genh, sind Sie glücklich?
Auf tiefe Weise, ja.
Und auf untiefe Weise?
So wie jeder Mensch. Ich habe meine Sorgen, mein Leben, aber es nicht so schlimm (lachtich habe ).
Wie muss man dieses tiefe Glück verstehen?
Es ist so eine Art emotionale Stabilität. Alle Schwierigkeiten, die man hat, gehören zum Leben. Aber das, was man Glück nennt, ist auch ein Konzept.
Und wie funktioniert es?
Nicht darin, alles zu entfernen, was uns im Leben stört.
Sondern?
Man muss das, was einem im Leben begegnet, so nehmen, wie es ist. Ohne Fatalismus und Reue. Das gilt im Übrigen auch für die angenehmen Momente.
Welche Anleitung zum Glücklichsein geben Sie unseren Lesern?
Das ist keine Anleitung. Es ist die Lehre Buddhas. Es sind die vier edlen Wahrheiten. Es ist die edle Wahrheit über das Leiden, die Wahrheit über die Entstehung des Leidens, die edle Wahrheit über die Beendigung von Leiden und die edle Wahrheit über den Pfad der Praxis, die zur Beendigung des Leidens führt. Soll heißen, in dieser Welt ist alles unbefriedigend. Selbst das Angenehme, weil es vorläufig ist. Daher sollten wir nicht an dem anhaften, was uns gefällt.
Was bringt in diesem Sinne die Praxis – die Zen-Meditation?
Die Wohltaten der Meditation sind so zahlreich, dass es schade wäre, hier die verschiedenen Punkte aufzulisten.
Geben Sie dennoch ein paar Stichworte.
Es hilft dem Geist, den Verstand zu beruhigen. Zazen, also die Sitzmeditation, ermöglicht, sich selbst zu erkennen. Es hilft zu verstehen, dass man nicht auf einer Insel lebt, sondern dass wir immer in Beziehung zu allen anderen Dingen oder Wesen stehen.
Und sie führt letztlich zur Erleuchtung . . . 
(Bläst die Backen auf) Ja, aber das Erwachen ist nicht unbedingt das Wichtigste. Es ist etwas für Leute, die weiter- und immer weitermachen wollen. Nur hin und wieder zu meditieren ist nicht genug, um zu erwachen.
Wie oft und lange soll man meditieren?
Es muss so natürlich werden wie essen und trinken.
Ein anderer Zen-Meister, Hinnerk Polenski, sagt: Man sollte täglich 20 Minuten meditieren. Und wenn man das nicht schafft, sollte man 45 Minuten sitzen.
(grinst) Dann sage ich: Meditieren Sie eine Stunde! Nein, ernsthaft: 25 Minuten wären gut.
Der Softwarehersteller SAP hat jetzt Achtsamkeitstraining eingeführt, um die Effizienz seiner Mitarbeiter zu erhöhen. Wie gefällt Ihnen das?
Es ist weder gut noch schlecht. Aber es ist keine buddhistische Meditation. Das ist spiritueller Materialismus.
Was fehlt Ihnen dabei?
Die rechte Gesinnung, die gute Absicht, die spirituelle Dimension.
Was ist Ihre Botschaft an die Welt?
Für die fast acht Milliarden Menschen? Das ist nicht Ihr Ernst?
Doch.
Okay, dann rate ich: Beruhigt euch und eure Wünsche, setzt euch hin und lasst Stille einkehren.
Botschaft und Botschafter sollten eins sein.
Ja, die Lehre und der Lehrer sollten eins sein. Heute wollen wir immer alles intellektuell verstehen, aber keiner will praktizieren. Im Zen sagen wir: Verstehen ist nicht so wichtig, das Tun ist wichtig. Was nützt es, die universellen Prinzipien zu verstehen, sich aber unmöglich zu benehmen?
Diese Praxis, sei es Zen oder Yoga, kommt aus dem Osten. Ist es auf unsere Kultur überhaupt anwendbar?
Ich glaube, heutzutage ist es schwierig, von Osten oder Westen zu sprechen. Wir leben in einer globalen Kultur. Wir begreifen heute immer mehr, dass wir den Verstand zunehmend entwickelt haben. Dabei besteht eine Notwendigkeit, in den Körper und das Hier und Jetzt zurückzukommen, um eine andere Form des Bewusstseins zu entwickeln.
In der christlichen Mystik gab es das schon. Erleben Sie auch eine Rückbesinnung der christlichen Kultur auf die Werte?
Ich erlebe das bei Dominikanermönchen. Sie praktizieren das stille Sitzen, eine christliche Zen-Meditation.
In Stuttgart, wo Sie demnächst zu Gast sind, entsteht bald so ein christlich-spirituelles Zentrum. Dort soll es auch Zen-Meditation geben. Wie sehen Sie das aus Ihrer Perspektive?
Alles, was dazu beiträgt, dass die Menschen ruhiger werden, ist willkommen.
Der Zen-Buddhismus kam vor 50 Jahren von Japan nach Europa, und auch nach Stuttgart. Ist dieser Samen aufgegangen?
Das muss die Geschichte zeigen. Den ersten Vortrag habe ich im Jahr 1988 in Stuttgart gehalten. Seitdem hat sich einiges getan. Es gibt ein Zen-Dojo und viele Menschen, die sehr ernsthaft Zen praktizieren.
Was bringen Sie bei Ihrem kommenden Besuch mit nach Stuttgart?
Ich bin kein Missionar. Aber ich möchte die Neugier auf Zen wecken und hoffe, dass die Menschen nach meinem Vortrag wenigstens einmal in ihrem Leben versuchen zu meditieren. Dass sie diese Erfahrung der Ruhe und der Stille machen.
Geben Sie in Stuttgart eine kurze Anleitung, wie man meditiert?
Aber sicher, das ist das Thema meines Vortrags: Zen-Praxis in unserer heutigen Zeit.
Zurück zum Wichtigsten: Sind Sie eigentlich erleuchtet?
(Lacht herzhaft) Genauso wie Sie. Glauben Sie es nicht?
Nein.
Doch, dass Herz des Zen ist: Sie sind erwacht! Es gibt keine Alternative. Man weiß es nur nicht. Meditieren Sie fleißig – und Sie werden sehen, wie einfach und offensichtlich das Erwachen ist. Es sind die kleinen Momente. Die Erleuchtung im romantischen Sinne ist ein Mythos. Es geht um das Erwachen im Alltag.

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