Zementmord-Verfahren in Stuttgart Zeugen beschreiben Yvans Mörder als hochproblematisch

Von George Stavrakis 

Ein Kreuz am Tatort in Rommelshausen zum Gedenken an Yvan Schneider Foto: Gottfried Stoppel
Ein Kreuz am Tatort in Rommelshausen zum Gedenken an Yvan Schneider Foto: Gottfried Stoppel

Der Mann, der 2007 den Schüler Yvan Schneider im Rems-Murr-Kreis ermordet und die Leiche anschließend zerstückelt hat, gibt sich vor Gericht mustergültig. Zeugen, die den Mann im Strafvollzug erlebt haben, zeichnen ein ganz anderes Bild.

Stuttgart - Vor der 3. Strafkammer des Landgerichts Stuttgart geht es darum, ob der Mann, der 2007 den 19-jährigen Gymnasiasten Yvan Schneider umgebracht, zerstückelt, in Blumenkübel einzementiert und im Neckar versenkt hat, weggeschlossen werden soll. Deniz E., inzwischen 29 Jahre alt, hat seine zehn Jahre Jugendstrafe bis zum letzten Tag abgesessen. Die Staatsanwaltschaft will, dass gegen den Stuttgarter mit türkischem Pass die nachträgliche Sicherungsverwahrung verhängt wird – weil sie ihn weiterhin als hochgradig gefährlich ansieht. Seine Komplizen, 2008 vom Landgericht zu zehn, neun und drei Jahren verurteilt, sind auf freiem Fuß.

Die 3. Strafkammer wird zwei psychiatrische Gutachter hören. Doch zuvor sind etliche Zeugen geladen, die Deniz E. aus dem Strafvollzug kennen. So mustergültig er sich vor Gericht gibt, so problematisch soll er hinter Gittern gewesen sein.

Zeugin verabschiedet sich mit Handschlag

Gleich die erste Zeugin sorgt für ein Überraschungsmoment. Die Frau, die Deniz E. sechs Jahre lang als Vollzugsbeamtin im Gefängnis in Heimsheim begleitet hat, findet positive Worte für den verurteilten Mörder. „Wir hatten einen guten Draht“, so die Zeugin. Wenn sie sich mit ihm unterhalten habe, habe ihm das gutgetan. „Man hätte jemanden finden müssen, der einen Draht zu ihm hat“, sagt sie und meint einen Psychiater. Denn Deniz E. hat hinter Gittern und in der Psychiatrie, in der er zeitweise untergebracht war, alle Therapieangebote abgelehnt. Die Zeugin beschreibt allerdings auch die andere Seite des 29-Jährigen. Er habe sich nicht behandlungsbereit gezeigt, er habe Schwächere unterdrückt und sich missverstanden gefühlt. Sie berichtet auch von Wutausbrüchen und Gewalt gegen Sachen. Bei der Medikamentenausgabe habe Deniz E., der medikamenten- und drogensüchtig sein soll, zu tricksen versucht. „Er hat die Kapseln in der Zelle erbrochen.“ Des Öfteren sei er „breit“, also nicht ansprechbar gewesen.

Am Ende ihrer Aussage verabschiedet sich die resolute Frau per Handschlag vom Mörder Yvan Schneiders. Man vereinbart, übers Internet in Kontakt zu bleiben.

Nichts Positives von der Juristin

Eine Vollzugsjuristin kann nichts Positives aussagen. „Normale Gespräche mit ihm waren nicht möglich“, sagt die Zeugin. Deniz E. sei einer der Häftlinge gewesen, die die größten Schwierigkeiten gemacht hätten. Mehrmals sei er in Hungerstreik getreten, weil er verlegt werden wollte. „Sonst passiert was“, habe er dann wissen lassen. Es sei regelmäßig zu Gewalttätigkeiten und Sachbeschädigungen gekommen. Deniz E. sei in mehrere Schlägereien verwickelt gewesen.

Offenbar hat er Mithäftlinge mit nächtlichem Rabatz in seiner Zelle provoziert. „Wenn der macht nachts bummbumm gegen Wand, dann mache ich bummbumm gegen seinen Kopf“, so ein Gefangener.

Einmal habe Deniz E. das Stromnetz im Heimsheimer Gefängnis mit einem umgebauten Wasserkocher manipuliert. Drei Zellen habe er zerstört – Kloschüssel und Waschbecken aus Boden und Wand gerissen und dergleichen. Deshalb wurde der 29-Jährige 2016 nach Bruchsal verlegt. Dort gibt es „vandalensichere“ Hafträume. Doch auch im Bruchsaler Gefängnis lebte er seine Zerstörungswut weiter aus – er kam zurück nach Heimsheim.

Zehn bis 15 Mal habe Deniz E. gedroht, er gehe in seine Zelle und bringe sich um, berichtet die Zeugin. Kurz bevor er zurück nach Heimsheim kam, sorgte er in Bruchsal für Aufregung. Er habe Rasierklingen verschluckt, so Deniz E. In der Klinik wurde er geröntgt. Die anschließende Magenoperation brachte keine Klingen zum Vorschein. Dafür aber ein mit Gummi umwickeltes Schriftstück. „Ich habe das gemacht, weil ich in Bruchsal und Heimsheim unter Psychoterror gesetzt werde“, stand darauf.

Alle Therapien ausgeschlagen

Eine seiner beiden Anwältinnen versucht das Ganze zurechtzurücken. Sein damaliger Anwalt habe ihm in Aussicht gestellt, Deniz E. könne nach der Hälfte seiner Strafe in die Türkei abgeschoben werden – eine Annahme außerhalb jeder Realität, weil er alle Therapieangebote ausgeschlagen hatte. Auch eine Ausbildung zum Schlosser, Schreiner oder Schweißer lehnte der berufslose Mann ab.

Auf die Solidarität von Mitgefangenen kann Deniz E. auch nicht hoffen. Mehrere Männer, die mit ihm in der Justizvollzugsanstalt Heimsheim saßen, verfluchen ihn geradezu. Die negative Entwicklung des Deniz E. sei einmalig in der Geschichte von Heimsheim, so ein Ex-Häftling. Er erzählt von „Gewaltauseinandersetzungen, Drohungen, Beleidigungen, Arbeitsverweigerungen“. Allein „die Gewalt, die von ihm ausgeht“, sei nicht mehr kontrollierbar.

Zwei psychiatrische Gutachter spielen in der Verhandlung eine Schlüsselrolle. Mit ihnen hat Deniz E. erstmals gesprochen. Die Hauptverhandlung wird am 13. März fortgesetzt.

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