Kein Strom, kein fließendes Wasser, kein Handy – dafür Lagerfeuer und Waldabenteuer: Das Asperger Zeltlager für Jungs ist seit sieben Jahrzehnten Kult. Warum die Freizeit außerhalb der Komfortzone nach wie vor begeistert.
Asperg - Als die rund 50 Jungen am Montag vergangener Woche in Muthof bei Forchtenberg (Hohenlohekreis) aus dem Bus stiegen, wollten sie ihre Masken erst nicht absetzen. „Das ist so in ihnen drin, dass wir ihnen mehrfach sagen mussten: Ihr seid hier sicher. Alle sind getestet. Ihr könnt sie abziehen“, erzählt Leila Haidar, die zum Empfangskomitee für die Gruppe gehörte. Als der coronadominierte Bann brach, waren die Jungen wie ausgewechselt. „Es war eine Unbeschwertheit, die ich sie sonst nicht kenne“, beschreibt die Frau vom Leitungsteam die Atmosphäre. „Wir brauchten die ersten drei Tage fast kein Programm zu machen, weil sie so mit sich selbst beschäftigt waren.“ Eine kleine, heile Welt sei das. Wenigstens für zwei Wochen.
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Das Asperger Zeltlager ist eine Sommerfreizeit für Jungen, wie es in dieser Form nur noch wenige in der Region gibt. Sie zieht immer noch. Woran das liegt? Wohl daran, „dass wir ein zutiefst menschliches Bedürfnis ansprechen“, wie der Chef-Betreuer Herold Lube sagt: „Nach Bewegung in der Natur, nach Erlebnissen in der Gemeinschaft und dem Zusammengehörigkeitsgefühl, das sich schon nach wenigen Tagen einstellt.“ Dieses spezifisches Gefühl gräbt sich so ein, dass viele Jungs immer wieder dabeisein wollen. Auch die Generation, von der man meint, sie würde Handy und Playstation niemals eintauschen gegen Lagerolympiade, Singen zu Gitarrenklängen am Lagerfeuer oder Schlechtwetter-Tischtennisturnier im Aufenthaltszelt.
Auftanken nach zermürbender Zeit
Ganz genau habe sich nicht mehr herausfinden lassen, was die Motivation für das erste Zeltlager 1950 in Isny gewesen sei, erzählt Leila Haidar. „Aber die Eltern wussten sicher: Die Kinder werden gut verköstigt, und sind zwei Wochen lang aufgehoben.“ In der katholischen Jugendarbeit wurzelnd, ist das Zeltlager immer noch an die Asperger St.Bonifatius-Gemeinde angedockt, aber nicht an Konfessionen gebunden und auch nicht nur für Jungen aus Asperg offen. Zwischendurch wurde auch mal überlegt, es für Mädchen zu öffnen. „Aber es gibt so viele auf Mädchen zugeschnittene Angebote, dass Jungs manchmal ein bisschen zu kurz kommen“, sagt Haidar. Es blieb beim Jungen-Zeltlager.
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Abwechselnd werden die Zelte auf drei, so Haidar, „handverlesenen Plätzen“ in der Nähe von Künzelsau, Waldshut-Tiengen und Engen aufgebaut. Die Wiesen gehören Landwirten oder Vereinen, mit denen das Team schon lange vertraut ist. Sie sind so gelegen, dass im Unwetterfall die Kinder in feste Gebäude in der Nähe gebracht werden könnten und dass keine über die Ufer tretenden Flüsse der Zeltstadt gefährlich werden können. Das Lager wird mit viel Erfahrung und Professionalität organisiert – ehrenamtlich, von rund 20 Betreuern, die meist selbst als Kinder dabei waren und wollen, dass auch neue Generationen das „richtig coole Sommerferiending“ erleben, so Haidar. Für Herold Lube etwa gab es seit rund 30 Jahren keinen Sommer ohne Zeltlager – bis Corona kam und die Freizeit ausgerechnet im Jubiläumsjahr 2020 ausfallen musste.
Dass sie wieder stattfinden kann, trieb manchen Eltern Tränen der Erleichterung und des Glücks in die Augen – Eltern, die ihren Urlaub wegen des Lockdowns schon aufgebraucht haben, Eltern, die ihren Kindern nach zermürbenden Monaten im Homeschooling sehnlichst eine bestärkende Abwechslung wünschten. Ein penibles Hygienekonzept, Negativ-Tests als Reisevoraussetzung und ein Programm ohne Außenkontakte sollen gewährleisten, dass bis zum Ende alles gut geht. Auch in der Zeltstadt wird regelmäßig getestet. Klassiker wie Stadtspiel, Freibad-Besuch oder kleine Gänge zum Kiosk sind diesmal allerdings nicht drin.
Massen-Schmaus in 50-Liter-Töpfen
Vorbereitet wird das Lager fast ein Jahr lang. Zelte, Spielgeräte und anderes Material werden akribisch gepflegt und ausgebessert. Auch ein eigenes Dixi-Klo gehört zum Equipment. Die Zeiten mit Donnerbalken und Gruben sind vorbei. Und geduscht wird nicht mehr unterm Wasserkanister mit Löchern, sondern in Duschkabinen mit Elektropumpe. Geblieben ist die Zeltküche mit großen Gaskochern und riesigen Töpfen, in denen das Küchenteam die halbe Hundertschaft täglich bekocht.
Was die Kinder am meisten auskosten? Wohl die Dinge, die in Jungs-Alltagen, zumal unter Pandemiebedingungen, kaum mehr vorkommen: Nachtwache halten am Feuer, im Wald errichtete Lager gegeneinander verteidigen, bei Nachtwanderungen schlottern oder stundenlang kicken. Und sie nehmen, wenn auch vielleicht unbewusst, zeitlose Werte mit: sich aufeinander zu verlassen, an einem Strang zu ziehen. „Da wächst ein Teamgedanke, der von Jahr zu Jahr weitergetragen wird“, sagt Leila Haidar. Weshalb das Team nicht bezweifelt, dass das Zeltlager auch seinen 100. Geburtstag erleben wird.
Nah an der Natur
Unterm Zeltdach
Das Asperger Zeltlager für Jungen zwischen neun und 15 Jahren findet immer in den ersten beiden Sommerferienwochen statt, mitkommen können rund 50 Teilnehmer. Es gibt drei feste Zeltplätze, das Organisationsteam hält aber immer die Augen nach weiteren geeigneten Plätzen auf. Nähere Infos auf www.zeltlager-asperg.de.
Im Umkreis
Klassische Zeltlager bieten unter anderem auch der Sportkreis Ludwigsburg, das Evangelische Jugendwerk/CVJM Bezirk Marbach, der Nabu, der Bund der Deutschen Katholischen Jugend oder das Awo-Jugendwerk an. Wegen Corona wurden 2021 erneut manche abgesagt.