Die ersten Neuankömmlinge sind am Mittwoch auf dem Cannstatter Wasen eingetroffen – ob und wie lange sie bleiben, entscheiden nicht immer die Behörden. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Am Mittwoch sind die ersten Flüchtlinge in eine Notunterkunft des Landes im Stuttgarter Reitstadion gezogen. Dort sollen sie aber nur möglichst kurz bleiben – denn sonst ist nach den jüngsten Erfahrungen ein erheblicher unkontrollierter Schwund zu erwarten.

Stuttgart - Der Sand ist unter einer dicken Schotterschicht verschwunden. Eine weiße Zelthalle reiht sich an die andere. Die Bundeswehr hat Duschzelte aufgestellt, am Tor kontrolliert ein Sicherheitsdienst. Trinkwasserspender stehen im Versorgungszelt, Bierbänke sind aufgereiht und eingedeckt. Das Reitstadion auf dem Cannstatter Wasen hat sich in den vergangenen Wochen gründlich verändert. Am Mittwoch sind dort die ersten 100 von letztlich bis zu 1160 Flüchtlingen eingezogen.

Das Regierungspräsidium Stuttgart hat im Auftrag des Landes eine Notunterkunft für frisch in Baden-Württemberg angekommene Asylbewerber eingerichtet. Die ersten beiden Busse haben Flüchtlinge aus einem Lager im bayerischen Erding gebracht. Im Laufe dieses Donnerstags sollen weitere 500 Menschen folgen und die sieben großen Zelthallen belegen. Zum Einzug informiert sich bei einem Rundgang auch Regierungspräsident Johannes Schmalzl über die Situation. Und berichtet dabei Erstaunliches.

Leute wollen das Gefühl haben, dass ihr Asylverfahren in Gang kommt

„Die Leute sollen nur ein oder zwei Wochen hier bleiben“, sagt Schmalzl. Danach sollen sie weiterverteilt werden, andere Neuankömmlinge nachrücken. Das liegt aber nicht etwa am bevorstehenden Winter – die Zelte sind gut geheizt. Stattdessen machen sich die Behörden Sorgen darüber, wer am nächsten Tag wohl noch da ist. „Das Problem in den Notunterkünften besteht darin, dass die Leute vom ersten Tag an das Gefühl haben müssen, dass etwas passiert, ihr Asylverfahren in Gang kommt“, so Schmalzl. Das allerdings ist dort in der Regel nicht der Fall, denn auch im Reitstadion gibt es weder Registrierung noch Gesundheitsuntersuchung oder gar die Möglichkeit, einen Asylantrag zu stellen.

Das führt dazu, dass nicht wenige Flüchtlinge die Notquartiere einfach auf eigene Faust verlassen – und nicht mehr wiederkommen. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass vor allem die Starken weiterziehen, die Schwachen dagegen, also vor allem Familien, bleiben“, so der Stuttgarter Regierungspräsident. Und er erzählt eine kleine Episode: Aus der Esslinger Schelztorhalle, die ebenfalls als Notunterkunft des Landes genutzt wird, ist vor kurzem „über Nacht“ die Hälfte der Bewohner einfach verschwunden. Im Gegenzug tauchen an manchen anderen Quartieren auch mal plötzlich Flüchtlinge auf eigene Faust auf, die dort eigentlich nicht hingehören.

Manchmal reicht das Gerücht, anderswo sei das Essen besser

Die Gründe sind vielfältig. Mal spricht sich schlicht herum, dass anderswo das Essen besser sein soll. Manche wollen weiter in andere Länder oder zur Verwandtschaft in anderen Teilen Deutschlands. Deshalb vermeiden sie eine Registrierung und verlassen die Notquartiere heimlich. Wieder andere wollen nicht in einer Turnhalle oder einem Zelt übernachten und ziehen deshalb weiter.

Was zunächst kurios klingt, ist für die Behörden ein großes Problem. „Die Flüchtlinge sind bestens vernetzt, treten sehr selbstbewusst auf und wissen genau, wo sie hinwollen“, weiß Schmalzl. Dabei müsse der Staat aber aufpassen, noch den Überblick zu behalten: „Das ist natürlich auch eine Sicherheitsfrage. Darum muss sich die Politik kümmern“, fordert er.

Derzeit gibt es allein im Bereich des Regierungspräsidiums Stuttgart ein halbes Dutzend Notquartiere, die Zahl steigt stetig. Wie viele Flüchtlinge schon unkontrolliert von dort weitergezogen sind, lässt sich ohne Registrierung nicht beziffern. Experten sprechen davon, es handle sich auf jeden Fall um eine niedrige zweistellige Prozentzahl – angesichts des Aufkommens also mutmaßlich um Tausende Menschen. Ein Sprecher des Innenministeriums will dazu auf Anfrage keine Stellung nehmen.

Baustellengitter schaffen einzelne Schlafabteile

Im Reitstadion will man dieser Entwicklung entgegenwirken. Nicht nur durch eine kurze Verweildauer, sondern auch durch eine gute Versorgung. Neben vier Zelten zum Schlafen gibt es ein Verpflegungs-, ein Aufenthalts- und ein Verwaltungszelt. Gemütlich sind die Verhältnisse natürlich trotzdem nicht: Mit Baustellengittern sind in den Schlafzelten Abteile mit jeweils 24 Betten abgetrennt. Privatsphäre gibt es nicht. „Die Hauptsache ist, dass die Leute ein Dach über dem Kopf haben“, sagt Schmalzl. Man werde mit den soliden Zelthallen „gut über den Winter kommen“.

Die meisten der Neuankömmlinge sind erst einmal froh, sich ausruhen zu können. „Es ist gut hier“, sagt ein junger Mann aus Syrien. Zumindest so lange, bis die Leute merken, dass sie auf dem Wasen keinen Asylantrag stellen können. Oder lieber in eine andere Stadt wollen.

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