Viele Vertriebene haben nach 1945 ihre Traditionen mit in die neue Heimat gebracht – das alljährliche Vinzenzifest in Wendlingen ist ein lebendiges Zeichen dafür. Foto: /Kerstin Dannath/Archiv

Knapp 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs will die Stadt „ihre“ Geschichte von Flucht und Vertreibung dokumentieren – die Zeit drängt, denn viele der Protagonisten sind hochbetagt.

Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg mit der Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Bereits davor wurden Menschen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten vertrieben oder mussten flüchten. Die Zahlen variieren von zwölf bis 18 Millionen, die von Flucht und Vertreibung betroffen waren. Eine neue Heimat fanden einige Geflüchtete damals in Wendlingen, bereits 1946 wurde der Stadt ein Kontingent von 2200 Menschen zugeteilt, weitere sollten folgen.

 

Die von den Einheimischen zunächst verachtend als „Rucksackdeutsche“ betitelten Menschen brachten sich in die Gesellschaft ein und fanden eine neue Heimat, pflegen aber teils bis heute ihre alten Traditionen. 1965 übernahm die Stadt Wendlingen offiziell die Patenschaft über die Egerländer Gmoi in Baden Württemberg. Prägnantes Zeichen ist bis heute das alljährliche Vinzenzifest, das als Erntedankfeier tief verwurzelt im Brauchtum der Stadt Eger ist.

Die Arbeit an den Interviews soll so rasch wie möglich beginnen

Aber nicht nur Egerländer kamen nach Wendlingen – auch Menschen aus Ost- und Westpreußen, aus Vorpommern, Ungarn und vielen weiteren ehemals deutschen Gebieten siedelten sich in der Stadt an. Um ihre Lebensgeschichten zu dokumentieren hat die Stadt jüngst ein Zeitzeugenprojekt ins Leben gerufen und nimmt für die professionelle Erstellung von sechs Interviews 38 000 Euro in die Hand. Auf einen Aufruf der Stadt haben sich zehn Zeitzeugen gemeldet – sie sind alle als Kinder nach Wendlingen gekommen und inzwischen hochbetagt. Von ihnen werden sechs ausgewählt, aktuell läuft das Verfahren bereits. Beauftragt mit der filmischen und tontechnischen Dokumentation wurde mit der Firma hpunkt kommunikation aus Mainz eine Fachfirma für die Aufarbeitung und Dokumentation von Firmen- und Migrationsgeschichten.

Die Arbeiten an den Interviews sollen so schnell wie möglich beginnen, kündigte Joachim Vöhringer, Leiter des Wendlinger Amts für Familie, Bildung und Soziales, an: „Angesichts des Alters der Zeitzeugen zählt bald jeder Tag.“ Wichtig ist der Stadt, dass es bei der Dokumentation nicht ausschließlich um die Egerländer geht: „Das Projekt bezieht sich auf alle von Flucht und Vertreibung betroffenen Menschen“, bestätigte Wendlingens Bürgermeister Steffen Weigel vor dem Ausschuss für Verwaltung, Bildung und Wirtschaftsförderung. Von den Fraktionen gab es einhellige Zustimmung für das Vorhaben. Von Seiten der CDU kam zunächst der Vorschlag, man könne das Projekt an das ortsansässige Robert-Bosch-Gymnasium vergeben. „Die Schulen sind ja immer offen und dankbar für solche Projekte“, erklärte Stadträtin Carolin Brändle. Die Verwaltung hat indes ihre Zweifel, ob eine solche Dokumentation im Ehrenamt machbar ist. Die Konzeption sei so weitreichend, etwa wie sich Flucht und Vertreibung auf die Familie ausgewirkt hätten, entgegnete Vöhringer: „Ich würde das aufgreifen und die Schulen miteinbeziehen, aber grundsätzlich die Profis ranlassen.“

Die Dokumentation soll auf der Website der Stadt eingebunden werden und einen Platz im Stadtmuseum sowie im Informationszentrum Treffpunkt Egerland finden.