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Am 23. Mai 1949 trat das Grundgesetz in Kraft. Vier Zeitzeugen erinnern sich an die Zeit vor 70 Jahren und an die Bedeutung der neuen demokratischen Verfassung für die damalige und für die heutige Bevölkerung.

Untertürkheim - Vor 70 Jahren war die Geburtsstunde der Bundesrepublik Deutschland. Seit September 1948 hatten 65 Abgeordnete des Parlamentarischen Rats, darunter vier Frauen, um den Text der neuen Verfassung für den aus den drei Besatzungszonen bestehenden Weststaat gerungen. Am 8. Mai 1949 dann wurde das „Grundgesetz“ vom Parlamentarischen Rat mehrheitlich beschlossen und von den Alliierten genehmigt. Im Anschluss nahmen die Landtage – zunächst mit Ausnahme des Freistaats Bayern – die neue Verfassung an. Am 23. Mai vor 70 Jahren wurde das Grundgesetz feierlich verkündet. Es trat um Mitternacht in Kraft – mit Blick auf die erhoffte Wiedervereinigung zunächst noch als Provisorium.

 

Große Herausforderungen in der Nachkriegszeit

„Es war der demokratische Grundpfeiler, an dem wir uns in den nachfolgenden Jahren klammern konnten und das uns bis heute Halt gibt“, sagen Ilse und Karl-Friedrich Mammoser, die langjährigen SPD-Bezirksbeiräte aus Hedelfingen mit Blick zurück. Denn obwohl die damals 22-Jährigen 1949 bereits politisch interessiert waren, teilten sie das Schicksal vieler Deutschen: Zahlreiche Städte waren zerbombt, es herrschte Wohnungsnot, viele Menschen waren im Krieg gestorben oder heimatlos geworden und die Währungsreform trug erst zarte Früchte. „Wir mussten uns in erster Linie den Herausforderungen des Alltags stellen“, sagt auch der 1923 in Stettin/Altdamm in Pommern geborene Johannes Schwarzrock aus Untertürkheim. Er war erst 1947 aus der französischen Kriegsgefangenschaft entlassen worden, fand mit seiner Frau und seinem Sohn als Flüchtling zunächst in Schleswig-Holstein eine neue Heimat, kam dann in den frühen Fünfzigerjahren aber nach Stuttgart. Er engagierte sich in den Nachfolgejahren im Vertriebenenverband und saß unter anderem als CDU-Fraktionsvorsitzender im Bezirksbeirat in Untertürkheim.

Misstrauen gegenüber dem Staat groß

„Wir bekamen 1948 und 1949 die Debatten um das Grundgesetz im Parlamentarischen Rat zwar durchaus mit, aber wir mussten zuerst schauen, dass wir beruflich Fuß fassten und die Familie ernährten“, sagt der Untertürkheimer.

„Zudem mussten wir uns erst daran gewöhnen, dass wir keine Angst mehr haben mussten, wenn man etwas Kritisches sagt“, ergänzt Ilse Mammoser. Ihr Vater war während der NS-Zeit als SPD-Anhänger denunziert und verhaftet worden. Das Misstrauen gegenüber dem Staat und den Nachbarn wich am 23. Mai nicht von einer Nacht auf die andere. „Aber das Vertrauen in die junge Republik, aufs Grundgesetz und in die Zukunft wurde mit jedem Tag größer“, sagt die Hedelfingerin.

Es sei die Zeit der Umgewöhnung gewesen, beschreibt Johannes Schwarzrock die Monate nach dem 23. Mai 1949. „Wir sind von Befehlsempfängern zu Bürgern geworden, die sich politisch engagieren und das Leben mitgestalten durften“, erinnert sich der Untertürkheimer. Das Interesse an der Politik und der Demokratie wurde langsam geweckt.

Vorbild für andere Nationen

Gabriele Müller-Trimbusch lebte damals auf einem Hof in Schleswig-Holstein, in dem auch viele Flüchtlinge untergekommen sind. „Ich war noch ein Kind. Aber ich erinnere mich noch gut an die abendlichen Diskussionen der Erwachsenen über die neue demokratische Verfassung“, sagt die 1945 geborene FDP-Politikerin, die von 1990 bis 2010 das demokratische Wirken als Stuttgarts Sozialbürgermeisterin erlebte und lange Jahre die Vorsitzende der Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus war. „Heuss war einer jener unbelasteten Mütter und Väter des Grundgesetzes, mit dem sie uns die Eintrittskarte zu den freien Völkern der Welt bescherten“, erzählt Müller-Trimbusch. Es sei zunächst als Notbehelf bis zur Wiedervereinigung mit der damaligen sowjetisch besetzten Zone geplant gewesen, die Texte und der Geist der Verfassung hätten sich jedoch in den vergangenen Jahrzehnten als der große Halt für die Demokratie erwiesen. „Das Grundgesetz ist längst auch zum Vorbild für andere Nationen geworden“, betont Müller-Trimbusch.

Demokratie ist ein „Geschenk“

Schwarzrock hält sie für „die beste Verfassung auf Gottes Erdboden“. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, lautet der erste Artikel. „Er sagt alles aus, schützt die Persönlichkeitsrechte und weist uns als freie Menschen aus“, sagt Schwarzrock. Gerade für die Generation, die die Nazi-Diktatur erlebt habe, sei dies ein Geschenk, aber im Laufe der Jahre dann auch ein Auftrag gewesen, sich für die Gesellschaft und die Bundesrepublik zu engagieren und Demokratie zu wagen, meint das Ehepaar Mammoser. Deswegen könne zwar immer wieder einiges ergänzt werden, aber die Grundsätze seien fest verankert und müssten auch so bleiben, so Schwarzrock. „Das Grundgesetz darf nicht mit Pillepalle verwässert werden“, mahnt Müller-Trimbusch vor zu vielen Veränderungen. Die Aufgabe sei es jetzt, für die Demokratie einzustehen. Mit Blick auf manche osteuropäische oder andere Staaten fordert die FDP-Politikerin: „Die Erinnerungen, wie es sein könnte, wenn diese Rechte nicht gelten, dürfen nicht verblassen. Wir müssen weiterhin dankbar für die durch das Grundgesetz geschenkte Demokratie ein.“