Die Coronazeit hat der Reichenbacher Frank Haffner produktiv genutzt. Am Telefon oder Gartenzaun hat er Zeitzeugen zum Kriegsende befragt und ihre Erinnerungen dokumentiert.
Reichenbach - Der Reichenbacher Frank Haffner hat in der Coronazeit ein Projekt umgesetzt, das ihm schon lange vorschwebte: Er hat mit verschiedenen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen über das Ende des Zweiten Weltkriegs in Reichenbach gesprochen und damit das getan, von dem viele gesagt haben: „Mr sott …“.
„Mr sott“ heißt es im Schwäbischen, wenn etwas wirklich getan werden müsste. Man sollte einen Geschichtsstammtisch zusammentrommeln, man sollte mit den Ältesten im Ort reden, bevor es zu spät ist: Das alles hat Haffner schon oft von anderen Reichenbachern gehört, besonders, als vor drei Jahren das 750-jährige Ortsjubiläum gefeiert wurde. Im Jahr 2020 jährte sich zudem das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 75. Mal. Diejenigen, die es als Teenager miterlebt haben, sind heute um die 90 Jahre alt – höchste Zeit, mit ihnen über Erinnerungen zu reden.
Gespräche am Gartenzaun
Aber Leute zusammenzutrommeln kam im vergangenen Jahr wegen Corona nicht infrage. So hat Haffner in persönlichen Gesprächen Zeitzeugenberichte gesammelt: am Telefon, im Garten, am Gartenzaun oder auch per E-Mail. Alle hätten frei übers Kriegsende gesprochen, sagt der 75-Jährige, manchmal habe er den Eindruck gehabt, dass sich die Leute freuen, dass jemand ihre Geschichten hören will. Rund 35 Personen kamen zu Wort; ihre Erinnerungen sind jetzt dokumentiert.
Haffner lebt seit 1986 in Reichenbach. Ein altes Foto, das seine Schwiegermutter ihm zeigte, weckte seinen Forschergeist. Er begann zu recherchieren, wer darauf abgebildet war und gleichzeitig nach weiteren alten Bildern Ausschau zu halten. Seit 2009 sammelt er nun Ansichten von Alt-Reichenbach. „Manche Familien haben mir ihre Erbstücke anvertraut“, verrät er. Zu den Fotos kamen Filme, darunter einige aus den Jahren 1935 bis 1938. Für die Gespräche mit den Zeitzeugen investierte er eine Menge Zeit: „Anstatt fernzusehen“ habe er das gemacht, sagt er.
Kaugummi für die Kinder
Der Einmarsch der amerikanischen Truppen war ein einschneidendes Erlebnis für viele seiner Gesprächspartner. Kurz vor Kriegsende zogen zunächst die letzten deutschen Soldaten, „eine ausgemergelte und müde Truppe“, wie einer der Befragten erzählte, über die Baltmannsweiler Straße herunter und dann über die Otto-Brücke weiter Richtung Kirchheim. Denn hier war noch ein Durchgang vom Remstal in Richtung Schwäbische Alb, wo die neue Verteidigungslinie „Albfeste“ errichtet werden sollte. Die Neckarbrücke in Plochingen war dagegen von deutschen Soldaten gesprengt und weiter östlich, in Roßwälden, waren bereits amerikanische Truppen angekommen. Sie beschossen am 20. April 1945 Reichenbach mit Granaten, wodurch vier Todesopfer zu beklagen waren: der holländische Kriegsgefangene Jop und drei Einheimische.
Dass die Otto-Brücke in Reichenbach nicht gesprengt wurde, ist mehreren Zeitzeugen zufolge drei beherzten Bürgern zu verdanken. Sie redeten den deutschen Soldaten gut zu, sodass diese schließlich vom Einsatz des reichlich vorhandenen Dynamits absahen. Am 21. April verließen die letzten dieser Soldaten den Ort, am 22. April rückten die Amerikaner „in den frühen Morgenstunden, von Hegenlohe kommend durchs Reichenbachtal und die Alte Hegenloher Straße ein“, so Haffner. Sie kamen mit ihren Jeeps, Fahrzeugen, wie sie die örtliche Bevölkerung noch nie gesehen hatte. Und sie waren freundlich, schenkten Kindern Kaugummi oder Cadbury-Schokolade, wie sich eine Reichenbacherin erinnert. Nicht nur die Kinder bestaunten die „Amis“, insbesondere die dunkelhäutigen unter ihnen.
Ein Hochzeitskleid aus Fallschirmseide
Etliche Familien aus der Wilhelm- und benachbarten Straßen mussten ihre Häuser und Wohnungen für die Besatzer räumen und bei anderen unterschlüpfen. In der Brunnenschule befand sich die Soldatenküche, die aus Göppingen beliefert wurde – beim Ausladen der Pakete soll sich auch das eine oder andere davon in den Garten der Bäckerei Müller in der Karlstraße verirrt haben.
Haffner hat zahlreiche Anekdoten über die Besatzer gesammelt. Der Kommandant im Ort, der deutsch sprach und Singer hieß, wird als streng, aber gerecht beschrieben. Er soll dafür gesorgt haben, dass französische Soldaten – Plochingen war von ihnen besetzt – einige in Reichenbach gestohlene Hühner zurückgeben mussten. Erzählt wurde ihm auch von Kriegsgefangenen, die sich wieder auf den Weg in ihre Heimat machten. Oder von einer Umbettung, die ehemalige Hitlerjungen durchführen mussten: Die verstorbenen Zwangsarbeiter, die im Krieg außerhalb des Friedhofs beerdigt worden waren, wurden nun auf diesem bestattet.
Noch vor der Besatzung blieb nach dem Beschuss durch die Amerikaner ein Zug defekt auf den Gleisen liegen. Die Bevölkerung plünderte ihn und der grüne Baumwollstoff aus seinen Waggons spazierte später in Form von Hosen durch die Gemeinde, während die Fallschirmseide nach Kriegsende unter anderem zu Hochzeitskleidern verarbeitet wurde.
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