Kampfszene aus dem Vietnamkrieg. Die zahlreichen Helikoptereinsätze sind den Helfern des Malteserdienstes noch immer im Gedächtnis eingebrannt. Foto: Imago

Helfer des Malteserdienstes aus der Region Stuttgart waren während des Vietnamkrieges in einem Krankenhaus in Da Nang tätig. Einige von ihnen treffen sich noch regelmäßig.

Es ist dieser Kontrast der friedlichen Gegenwart und der Erzählungen von Adelheid Klauser, 80, die einen frösteln lassen. Das Treffen mit ihr findet bei Cappuccino und Beerentörtchen in einem freundlichen Café am Esslinger Marktplatz statt. Die Sonne lacht, ein Tourist fotografiert eine Außenreparatur per Hubleiter am Turm der Stadtkirche – wie aufregend!

 

Aber sobald Adelheid Klauser von ihrer Zeit in Vietnam berichtet, taucht der Zuhörer ab in eine ferne, brutale Welt. Sie ging von 1968 bis 1975 während des Vietnamkrieges – mit einiger Unterbrechung – zur Mitarbeit in ein Krankenhaus des deutschen Malteser-Hilfsdienstes nach Da Nang. Gemeinsam arbeitete sie dort mit anderen aus ganz Deutschland, die heute zwischen 75 und 88 sind, und von denen sich einige regelmäßig zum Austausch in Stuttgart treffen. Natürlich in einem vietnamesischen Restaurant.

„Ich wollte dem geschundenen Volk helfen“, erinnert sich die aus Berlin stammende Adelheid Klauser. Über einen Zeitungsbericht war die Medizinisch-Technische Assistentin auf die Malteser aufmerksam geworden, im September 1968 flog sie nach Saigon. Sie zeigt ein verblichenes Foto, wie sie als 24-Jährige mit anderen in hellgrauen Uniformen der Malteser auf der Rolltreppe einer Lufthansa-Maschine steht. Sie sehen schick aus, wie eine Flugzeug-Crew. Eine zweite junge Frau aus der Gruppe kam nie zurück – sie starb bei einer Entführung durch die Vietkong.

Die Amerikaner im Krieg gegen eine Dschungelarmee

Vor ihrem Abflug aus Deutschland habe sie gedacht, sagt Klauser, dass die Amerikaner und die Südvietnamesen den Krieg gewinnen werden, zeugten nicht auch die ständigen Berichte über die Bombardements in der „Tagesschau“ von der militärischen Kraft der USA? 1968 seien fast eine halbe Million US-Soldaten in Vietnam gewesen – „aber ich war nur wenige Wochen in Da Nang, da wusste ich, dieser Krieg ist für die USA nicht zu gewinnen“. Hier traf nicht eine Militärmacht auf eine andere, hier kämpften die Amerikaner gegen eine Dschungelarmee, gegen eine Guerilla-Truppe, die tief in der Bevölkerung des Südens infiltriert war.

Das Malteser-Krankenhaus von Da Nang war ein neutraler Ort, weder Soldaten noch Rebellen durften behandelt werden, der Versorgungsauftrag galt Zivilisten. In einem Klinik-Außenposten in An Hoa kümmerte man sich aber auch um Vietkong ohne Uniform: „Wir erkannten sie schnell an ihren Körpern: ausgemergelt, muskulös, drahtig. Sie lebten von einer Schale Reis mit Gemüse am Tag“, sagt Klauser. Aus der Krankenhausapotheke wurden öfter Medikamente entwendet, die Diebe hinterließen stets eine Liste mit den Arzneien, die jetzt fehlten.

Sie habe viel Dankbarkeit von den Vietnamesen erfahren, sagt Adelheid Klauser. Ein Lepra-Kranker habe ihr einmal ein Spanferkel geschenkt, sie gab es ans vietnamesische Personal weiter. Ein Junge habe für sie aus alten Kanülen zwei Helikopter gebastelt, die hat sie heute noch im Wohnzimmer.

Überhaupt die Helikopter. Alle aus der Malteser-Gruppe berichten, wie prägend die Hubschraubereinsätze für sie waren. Mit einem US-Militärhubschrauber, dem Chinook, der wie eine Banane aussieht, musste Klauser einige Monate lang zwischen Da Nang und dem Außenposten An Hoa pendeln. Die US-Soldaten hätten auf dem Flug aus der offenen Luke auf alles gefeuert, was sich am Boden bewegte. Der Blutzoll der Zivilisten war immens. Nach historischen Schätzungen sind im Vietnamkrieg bis zu zwei Millionen Zivilisten gestorben, 1,3 Millionen vietnamesische Soldaten und 58 000 US-Soldaten. In An Hoa habe man oft Patienten mit Brandwunden von Napalm-Bombenabwürfen behandelt. „Da mussten wir die verbrannte Haut abziehen“, sagt Adelheid Klauser. Von diesen Patienten hätten nur sehr wenige überlebt.

Minen, als Cola-Dosen getarnt

Die Brutalität war auf beiden Seiten. Wenn ein Klinikteam mit dem Jeep über Land fuhr, brauchten sie vorher ein Clearing der Amerikaner, dass die Straße morgens von Minen (den Booby-Traps) geräumt worden sei. „Aber im Laufe des Tages legten die Vietkong neue Minen, manchmal als Cola-Dose getarnt.“ Einmal sei direkt vor ihrem Wagen ein Jeep explodiert, menschliche Überreste flogen an die Windschutzscheibe. Als sie zurück in Deutschland war, habe sie im Auto stets ein mulmiges Gefühl gehabt, wenn ein Gegenstand auf der Fahrbahn lag. Auch sonst wirkte Vietnam nach. „Bei Kinobesuchen konnte ich nur an der Seite sitzen, ich dachte immer an einen Fluchtweg.“

Auf einer der Ausfahrten im Jeep wurden 1969 fünf Malteser von den Vietkong entführt und verschleppt. Drei von ihnen starben in Gefangenschaft, zwei von ihnen sind nach vier Jahren frei gelassen worden, sichtlich gezeichnet von den Strapazen. Die Lebensgefahr war immer da. Auch in Da Nang. Einmal habe sie Neulinge aus Deutschland einweisen sollen, erzählt Adelheid Klauser, Man habe auf der Veranda eines Restaurants gesessen, da ging in einem benachbarten Lokal eine Granate hoch: „Ein Knall, Splitter regneten auf uns.“ Auch die Ausgangssperren am Abend waren fatal. Wer nachts auf der Straße herumlief, sei erschossen worden. „Nur für die Verkäuferinnen der Enteneier galt eine Ausnahme, die durften nachts die frischen Eier von Haus zu Haus bringen.“ Durch einen besonderen Singsang hätten sie sich als Eierverkäuferinnen ausgewiesen.

Thomas Reuther, 80, aus Plochingen hatte seinen Job als Verwaltungswirt beim Regierungspräsidium Tübingen aufgegeben, um von 1971 bis 1973 als Projektleiter für die Malteser nach Da Nang zu gehen – zuständig für insgesamt 55 Ärzte und Krankenschwestern aus Deutschland und 250 vietnamesische Fachkräfte.

Das Hospital platzte immer aus allen Nähten, berichtet er. Es hatte offiziell 180 Betten, war aber mit bis zu 400 Patienten belegt. Alle halfen, wenn ein Helikopter mit Verletzten auf dem Dach landete. Einmal sei er als letzter gekommen, die Patienten waren schon abtransportiert, da habe er noch mal in den Hubschrauber geguckt: „Da lag noch ein Arm.“ Das Bild komme immer wieder, wenn er heute Helikoptergeknatter höre.

Reuther erinnert daran, dass das humanitäre Engagement Deutschlands auf eine Vereinbarung von US-Präsident Lyndon B. Johnson mit Bundeskanzler Ludwig Erhard im Jahr 1965 zurück ging. Johnson habe eine Kriegsbeteiligung der Deutschen gefordert, Erhard habe das mit humanitärem Einsatz abwehren können. Die Malteser betrieben bis zu vier Kliniken, das Rote Kreuz entsandte das Hospitalschiff Helgoland, die Konrad-Adenauer-Stiftung engagierte sich in der Berufsausbildung – das war der Deal.

„Die Malteser waren ein Zeichen der Hoffnung“

Für den Projektleiter Reuther war oft Improvisation erforderlich. Ostern 1972 hätten die Nordvietnamesen bei Hue eine Offensive gestartet, binnen 48 Stunden habe man in Da Nang 400 000 Flüchtlinge in der Stadt gehabt. Trinkwasser war knapp. Er sei zum US-Camp gefahren, habe zwei Kisten mit deutschem Bier für die Wache mitgebracht und sich zwei Wassertanks „organisiert“.

Im Rückblick sagt Reuther, dass sich der neunjährige Einsatz der Malteser „gelohnt“ habe. Das könnten Zehntausende Patienten bezeugen, und die Malteser hätten 1968 in Da Nang den Kern für ein heute modernes Krankenhaus gelegt. „Die Malteser waren ein Zeichen der Hilfe und der Hoffnung.“

Dabei war der Abschied dramatisch. Am 30. April 1975 nahm die nordvietnamesische Armee Saigon ein, das nördlich gelegene Da Nang war früher dran. Die Stuttgarter Ärztin Gudrun Zimmermann, 88, schreibt über ihre Evakuierung am 28. März 1975: „Im Morgengrauen wurde es unruhig. Ein Jeep nahm uns auf freies, umzäuntes Feld. Ein Hubschrauber kam, und von allen Seiten stürzten Menschen auf das Feld.“ Der Helikopter drehte noch zwei Runden, kam dann wieder. Sie erinnert sich, wie sie in die Maschine kletterte: „Ein kräftiger Arm hielt mich, während die Beine frei baumelten und die Zehen die Flipflops festhielten.“

Der Ärztin ist der Abschied schwer gefallen. Einen Tag später, in Saigon, schreibt sie über den Zwischenaufenthalt: „Meine Gedanken waren noch in Da Nang und belasteten mich zutiefst wegen unseres unfairen, abschiedslosen Verdrückens von vertrauten Menschen, die man allein ihrem unsicheren Schicksal ausgeliefert hatte.“ Zuhause sei sie in ein Loch von „Versagens- und Schuldgefühlen“ gestürzt. Aber was wäre passiert, wenn die Deutschen geblieben wären?

Werner Huget, 75, könnte eine Antwort geben auf diese Frage, er sitzt in seinem Haus in Obernheim im Zollernalbkreis und lässt wie der Buddha in seinem Garten den Blick in die Ferne schweifen. Huget war dreieinhalb Jahre lang Koch und Techniker im Krankenhaus von Da Nang, er gehörte zu den drei Deutschen, die in letzter Minute die Stadt verließen. Sich vom Vietkong überrollen lassen, wäre das möglich gewesen? „Ich war immer neutral. Ich habe nie negativ über die Nordvietnamesen gesprochen“, sagt Huget. Aber zu bleiben, wäre hochriskant gewesen. Es habe ja die Devise geherrscht: erst schießen, dann fragen. „Gut möglich, junge Soldaten hätten beim Einmarsch jeden Weißen für einen Amerikaner gehalten. Wenn später Verantwortliche nachgerückt wären, wäre das eigene Schicksal längst besiegelt gewesen.“

Huget und seine Kollegen wollten am nächsten Morgen fliegen, doch der Airport geriet unter Beschuss, ging in Flammen auf, die Luftrettung war blockiert. „Niemand hatte einen Plan.“ Da habe man sich mit einigen Amerikanern zum Hafen durchgeschlagen. Da kam ihm die Idee mit den Booten. Er habe privat ein kleines Boot gehabt, die Amerikaner hätten auch zwei gehabt, die holte man aus dem Bootshaus. Unter einem Halbkreis von „Special Forces“ in Zivil, die bewaffnet die Abreisenden vor der Menge schützten – habe man die Boote zu Wasser gelassen. „Damit sind wir aufs Chinesische Meer: Oleg, Alfons und ich. Ohne Wasser, ohne Ziel“, erinnert sich Huget.

Die Flüchtlings-Katastrophe

Irgendwann habe sie ein Frachtschiff aufgegriffen, es wollte nach Hongkong. Doch dann habe der Kapitän den Befehl erhalten, zur Küste zurückzufahren, um Flüchtlinge aufzunehmen. „Als wir uns umsahen, wurde uns das Ausmaß der Katastrophe bewusst“, erzählt Huget. „Männer, Frauen, Kinder, sie hielten sich an Reifen, Brettern, Bambusmatten und allem, was schwimmen konnte, fest. Viele trieben regungslos im Wasser. Andere schrien nach Hilfe.“

Die Südvietnamesen hätten panische Angst vor den Nordvietnamesen gehabt. Der Kapitän ließ eine Treppe an der Bordwand runter und nahm die Flüchtlinge auf. Er als „Rundauge“ habe die Aufgabe erhalten, die Aufgenommenen nach Waffen zu durchsuchen, sagt Huget. Das Schiff war so voll, dass die Stehenden nicht umfallen konnten. Als sie von Bord gingen, lagen Tote am Deck.

Huget und seine Freunde liefen stundenlang über Land, bis sie von einem Flugzeug aufgenommen, über Saigon, Bangkok ausgeflogen wurden. Von den Strapazen ist Huget damals krank geworden. Als er in Deutschland ankam, habe das Kündigungsschreiben der Malteser auf dem Tisch gelegen, eine bittere Enttäuschung. Später erhielt er, als 26-Jähriger, das Bundesverdienstkreuz. „Da bin ich etwas stolz drauf“, sagt Huget. Und Adelheid Klauser sagt einen Satz, den alle in der Gruppe unterschreiben können: „Ich möchte nie wieder einen Krieg erleben.“