Impressionen vom Dreh: „Zwischen zwei Bildern – Die SWR Zeitreise“. Foto: TeamWerk für den SWR

Ein Film dokumentiert das Leben von fünf jungen Italienern aus Fellbach in den vergangenen 40 Jahren. Moderatorin Lilly Wagner begibt sich für die SWR-Produktion „Zwischen zwei Bildern“ für diese vierte Episode der insgesamt fünfteiligen Reihe zusammen mit Regisseur Uwe Kassai und einem kleinen Drehteam auf Zeitreise-Spurensuche.

Fellbach - Fünf junge Italiener lächeln in die Kamera: Verschüchtert sind die 18- und 19-Jährigen nicht, die selbstbewusste Fröhlichkeit des Quintetts ist auf Anhieb erkennbar. Sie heißen Angelo, Raffaele, Francesco, Enzo und Cataldo – womöglich erinnern sich sogar heute noch einige Fellbacher der Generation Ü 55 an die Jungs von damals – denn das junge Quintett bildete 1977, als dieses Bild geknipst wurde, den „Disco Clan“ im Jugendhaus.

Eine andere Abbildung ist erst wenige Wochen alt: vier Herren in den besten Jahren, mit sehr schütterem oder ergrautem Haarwuchs, in fast identischer Position im selben Dachzimmer wie einst. 41 Jahre sind seit dem ersten Bild vergangen. Wie war seinerzeit das Leben als „Gastarbeiterkind“ in Fellbach? Was ist aus der damaligen Clique geworden? Welche Wege haben die jungen Burschen eingeschlagen? Welche Schicksalsschläge mussten sie verdauen? Wo leben sie heute? Und warum ist auf dem neuen Foto nur ein Quartett zu sehen?

Ausschnitte aus schwarz-weißen Abendschaufolgen der 60er und 70er Jahre machen die Erfahrungen und auch Frustrationen junger italienischer Familienväter deutlich

Derartigen Fragen geht Lilly Wagner nach. Sie ist Moderatorin der SWR-Produktion „Zwischen zwei Bildern“ und begibt sich für diese vierte Episode der insgesamt fünfteiligen Reihe zusammen mit Regisseur Uwe Kassai und einem kleinen Drehteam auf Zeitreise-Spurensuche in Fellbach. Erster Ansprechpartner und zentraler Protagonist des knapp 45-minütigen Films ist Enzo Zuccaro, im italienischen Feinkostladen plaudert sie mit ihm über die alten Zeiten – damals, als jenes Ausgangsfoto im Jugendhaus entstand.

Denn der seinerzeit erst kurz zuvor eröffnete Rundbau an der Esslinger Straße war für viele junge Italiener ein zentraler Anlaufpunkt, erläutert Enzo Zuccaro auch im Anschluss an diese „Welturaufführung“ des Films am Mittwochabend im proppenvollen Centro Italiano in der Schorndorfer Straße. „Es war Ende Juli 77“, erinnert er sich noch genau, „es war ziemlich warm“. So warm, dass die fünf Jungs, die wie eine frühe Boygroup wirken, natürlich in Schlaghosen sowie im eigens bedruckten weißen T-Shirt unterwegs waren. Fünf hübsche, modisch topaktuell gekleidete junge Männer, die einen Schlag bei den Fellbacher Mädchen hatten – was manchen deutschen Konkurrenten schwer irritierte. Es war ein wenig „Dolce Vita unterm Kappelberg“, wie es einmal ironisch im Film heißt. Angelo erinnerte mit seinem Look an John Travolta. „Mich hat man mit dem Sänger der Bay City Rollers verglichen“, sagt Zuccaro heute noch lächelnd. „Die sehen eigentlich cooler aus als die Jugendlichen von heute“, urteilt Regisseur Kassai.

Ausschnitte aus schwarz-weißen Abendschaufolgen der 60er und 70er Jahre machen die Erfahrungen und auch Frustrationen junger italienischer Familienväter deutlich, die auf 24-stündiger Fahrt mit großen Lederkoffern in engen, miefigen Zügen aus Verona oder Neapel nach Deutschland kamen, weil’s dort eben Arbeit gab. Ex-OB Friedrich-Wilhelm Kiel äußert sich in einem 30 Jahre alten wie in einem ergänzenden aktuellen Interview (im Rathaus-Innenhof) über die vorbildliche Integration und den von ihm umgesetzten, deutschlandweit beachteten Ausländerbeirat in Fellbach. Denn hier entwickelte sich fast ein „Little Italy“, eine besonders umtriebige „Italian Community“.

Raffaele reist fürs Treffen extra mit dem Flieger aus Neapel an

Moderatorin Wagner besucht den seit 40 Jahren für die Firma Stihl tätigen Maschinenschlosser Zuccaro in der Küche der Familie, plaudert mit seiner Ehefrau über die schwäbische Kehrwoch’, schlendert mit ihm durch die Hintere Straße, begleitet ihn beim Einsatz als freiwilliger Polizeihelfer vor dem Fellbacher Revier, besucht den italienischen Volkstanzkurs (denn im Club geht’s um „Tarantella und Parlare“) und die Senioren auf der Bocciabahn.

Am intensivsten sind natürlich die Wiederbegegnungen der alten Kumpels – Enzo, Angelo und Raffaele leben alle noch in Fellbach, sehen sich aber oft monatelang nicht. Raffaele reist fürs Treffen extra mit dem Flieger aus Neapel an. Gemeinsam besuchen sie das Grab ihres vor drei Jahren verstorbenen Freunds Francesco. Und am Ende der sieben Drehtage, nachdem sie in einem Stuttgarter Secondhand-Laden fürs Schlussfoto noch pinkfarbene Rüschenhemden, karierte Sakkos und blickdichte Sonnenbrillen besorgt haben, stimmen die mittlerweile 60-jährigen italienischen Schwaben, die schwäbischen Italiener im Jugendhaus gemeinsam noch einmal jenes Lied aus dem Album „Sabato pomeriggio“ („Samstagnachmittag“) des bis heute aktiven und populären Cantautores Claudio Baglioni an – das sie am selben Ort auch damals immer wieder gesungen haben.

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