Ines und Max Krakauer ließen sich nach dem Holocaust in Stuttgart nieder. In württembergischen Pfarrhäusern hatten sie die letzten Monate des Krieges überlebt. Foto: privat

Zwei Pfarrer aus Plochingen und Reichenbach retten im Dritten Reich dem Ehepaar Krakauer das Leben – und riskierten dabei ihr Eigenes.

Reichenbach/Plochingen - Vielleicht prägt einen ein Pfarrhaus mehr als ein normales Elternhaus. Den Plochinger Pfarrer Joachim Hahn haben die Geschichten, die er als neunjähriger Junge von seinen Eltern hörte, nicht mehr losgelassen. Es waren Geschichten von Mut, Zivilcourage und Überlebenswillen. Denn neben seinem Kinderzimmer im zweiten Stock des Reichenbacher Pfarrhauses hatte der Pfarrer Otto Dipper mindestens zwölf Juden während des Zweiten Weltkriegs versteckt.

Joachim Hahn hat versucht, die Schicksale dieser Menschen zu recherchieren. Bei Max und Ines Krakauer ist er fündig worden, zumal sie selbst die Geschichte ihrer Flucht aufgeschrieben haben und unter dem Titel: „Lichter im Dunkeln“ bereits im Jahr 1947 veröffentlichten, mittlerweile gibt es eine Neuauflage. 27 lange Monate, durch 66 Häuser, die den Verfolgten für kürzere oder längere Zeit Asyl boten, dauerte die Flucht, bis schließlich die am 21. April 1945 in den Raum Stuttgart vordringenden amerikanischen Einheiten den Krakauers die Rettung brachten. Über ihr Leben hat Joachim Hahn jüngst in Plochingen einen Vortrag gehalten.

Flucht mit einem abgelaufenen Postausweis

Die Krakauers stammten aus Leipzig, wo Max Krakauer eine Filmverleihfirma leitete. Nach 1933 wurde der Betrieb „arisiert“, was bedeutete, dass Krakauer seine Geschäftsanteile verkaufen musste, die Familie ging nach Berlin, auch in der Hoffnung, in der Großstadt besser untertauchen zu können. Dort lebten sie, ständig verfolgt bis zum 29. Januar 1943, als sie nur knapp der Deportation in ein KZ entgingen und damit dem sicheren Tod. Sie schafften es, aus Berlin zu flüchten, weil ihnen ein Bekannter einen abgelaufenen Postausweis geschenkt hatte. Max Krakauer klebte sein Bild auf und zog den Stempel nach, und mit diesem ziemlich behelfsmäßigen Dokument schafften sie es nach Pommern aufs Land. Doch auch dort waren sie bald nicht mehr sicher. Sie musste nach Berlin zurück.

Dort nahmen sie Kontakt zu Theodor Burckhardt auf, der Pfarrer der bekennenden Kirche war, einer Gruppierung innerhalb der evangelischen Kirche, die in Opposition zu den Nationalsozialisten gegangen war. Burckhardt vermittelte sie zum Pfarrer Kurt Müller nach Stuttgart.

Es war die Zeit, als große Teile der Deutschen noch an den Endsieg glaubten, obwohl sich die Niederlage im Osten bereits abzeichnete. Kurt Müller indessen glaubte an die Gebote seines Gottes, die Nächstenliebe, Güte, aber auch Mut in der Verfolgung forderten. Kurt Müller zog das Hilfsnetz „württembergische Pfarrhauskette“ auf, in dem mehr als 40 Pfarrhäuser beteiligt waren. Sie schleusten die verfolgten Juden von Pfarrhaus zu Pfarrhaus, indem sie sie als Verwandte oder als Ausgebombte ausgaben. Das war unauffällig, weil in Pfarrhäusern stets Leute ein- und ausgingen. Im Neckartal halfen Theodor Dipper aus Reichenbach, Eugen Stöffler aus Köngen und Richard Gölz aus Wankheim. Um das Risiko klein zu halten, blieben die Krakauers immer nur kurz in den Quartieren.

Riskantes Spiel auf Zeit

Es war ein riskantes Spiel auf Zeit, das die Pfarrer in den folgenden Monaten betrieben. Ihnen war klar, dass der Krieg verloren gehen würde, und ihre Hoffnung war, die Verfolgten so lange zu verstecken, bis Deutschland von den Nazis befreit war. Die Krakauers kamen an Weihnachten 1944 ins Reichenbacher Pfarrhaus. Die Rote Armee hatte schon deutschen Boten betreten, im Westen rückten die Alliierten auf Straßburg. Nach drei Wochen wurden die Krakauers ins Plochinger Pfarrhaus weitergereicht, wo sie bis zum 1. Februar blieben.

Die dortige Pfarrfrau Else Palmbach hatte das Pfarrhaus zu einer Art Sozialstation umgebaut, es war voll von Kriegsopfern. Von dort wurde das Ehepaar in eine Einliegerwohnung in der Esslinger Straße in Plochingen verlegt, das Essen für die Krakauers zweigte die Eigentümerin Hildegard Bopp in der Esslinger Nanz-Filiale ab, wo sie arbeitete. Die Krakauers flohen von Köngen über Wankheim und Gebersheim bis nach Stetten im Remstal, wo sie am 21. April von der US-Armee gerettet wurden, nach 27 Monaten Flucht.

Obwohl sie viel erduldet hatten, blieben sie nach dem Krieg in Deutschland. Sie ließen sich in Stuttgart nieder – vielleicht wollten sie in der Gegend bleiben, in der ihr Leben gerettet wurde.

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