Die Jobs der Männer und Frauen des Mercedes-Werks Untertürkheim hängen bislang vor allem an den Verbrennungsmotoren. Das soll sich ändern. Foto: Martin Stollberg

Der Konzern rechnet ab Ende Mai in Untertürkheim mit einem geringeren Personalbedarf. Das bringt schlechte Aussichten für dort tätige Leiharbeiter – und auch für Ferienjobber.

Stuttgart - Im Mercedes-Motorenwerk in Untertürkheim bangen Hunderte Zeitarbeiter um ihre Jobs. Der Konzern plant, „dass die Beschäftigung von Zeitarbeitnehmerinnen und Zeitarbeitnehmern im Produktionsbereich bis Ende Mai 2019 deutlich reduziert werden soll“, heißt es in einem internen Schreiben des Betriebsrats an die Vertrauensleute der Gewerkschaft IG Metall, das unserer Zeitung vorliegt.

Hintergrund sei, dass der Daimler-Konzern in Untertürkheim in den kommenden Monaten umbauen und die Produktion zurückfahren will. An dem Standort sollen die Entwicklung und Produktion neuer Komponenten für die Elektromobilität angesiedelt werden: „Die Werkleitung rechnet aufgrund der in diesem Jahr beginnenden Umbauphase für den Transformationsprozess mit einer abgesenkten Fahrweise“, heißt es in einem Schreiben. „Der Betriebsrat wurde darüber informiert, dass die Werkleitung in diesem Zusammenhang auch mit einem deutlich geringeren Bedarf an Leiharbeitnehmern und Ferienarbeitern ausgeht.“ Derzeit sind im Motorenwerk rund 900 Leiharbeiter beschäftigt. Letztes Jahr waren es noch mehr als 1000.

Unternehmen bestätigt Trennung von Zeitarbeitern

Bei den Leiharbeitern erzeugt die Ankündigung Unruhe. „Ich arbeite seit fünf Jahren in Untertürkeim“, sagt ein Zeitarbeiter, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. „In dieser Zeit habe ich mich keinen einzigen Tag krankgemeldet“, so der 52-Jährige. Als Grund gibt er an, dass Daimler immer wieder Leiharbeiter fest einstelle. Vergangenes Jahr waren es 175 Männer und Frauen. „Natürlich will jeder auf der Liste der Übernahmekandidaten stehen“, sagt der Produktionsmitarbeiter. „Wenn man zu lange krank ist, kann sich das negativ auf die Übernahmechancen auswirken. Darum ist man eben nicht krank.“ Arbeiter wie er fühlen sich nun vor den Kopf gestoßen, weil ihr Einsatz für das Unternehmen offenbar vergeblich war.

Ein Konzernsprecher bestätigt, dass sich das Unternehmen in den nächsten Monaten von Zeitarbeitern trennen wird, macht aber keine Angaben zur Anzahl der Betroffenen: „Während der Transformation und der damit verbundenen Umbauten haben wir im Werk einen geringeren Personalbedarf und können deshalb nicht alle Zeitarbeitskräfte weiterbeschäftigen“, teilt der Sprecher lediglich mit. Nach Angaben des Sprechers dauern die Umbauarbeiten bis Ende 2020 an.

Bislang hängt im Motorenwerk Untertürkheim ein Großteil der Arbeitsplätze an Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor. Darum haben sich die Arbeitnehmervertreter in den vergangenen Jahren dafür starkgemacht, dass der Standort auch an den Technologien der Zukunft beteiligt wird. So soll in Untertürkheim eine neue Batterieproduktion entstehen und ein sogenanntes E-Technikum, in dem künftig Prototypen für den elektrischen Antrieb entstehen. Außerdem soll die Montage von elektrischen Antriebsmodulen für Vorder- und Hinterachsen im Werk angesiedelt werden.

Betriebsrat hat nur ein Informationsrecht

Die Arbeitnehmervertreter wollen erreichen, dass die Produktionsmitarbeiter in Untertürkheim künftig den kompletten elektrischen Antriebsstrang fertigen – inklusive Elektromotors. Während der Umbauphase aber werden manche Produktionsflächen durch Baustellen besetzt sein.

Gleichzeitig gibt es auch Komponenten, die künftig nicht mehr in Untertürkheim gefertigt werden. Dazu zählt etwa die Seitenwelle – also die Verbindung zwischen dem Getriebe und den Antriebsrädern. Dort sind zwischen 600 und 700 Stammbeschäftigte tätig. Diese müssen nun eine andere Tätigkeit im Unternehmen finden. Auch das ist ein Grund, warum Leiharbeiter in nächster Zeit weichen müssen. Diese haben in ihrer Verzweiflung Unterschriftenaktionen gestartet, um gegen ihre Abmeldung zu protestieren. Aber niemand wollte die Listen entgegennehmen. „Der Betriebsrat sagt, dass er nicht der richtige Adressat ist, sondern das Unternehmen“, sagt einer von ihnen.

Der Betriebsrat verweist auf seinen geringen Handlungsspielraum. „Bei der Abmeldung von Arbeitnehmerüberlassungen hat der Betriebsrat nur ein Informations-, aber kein Mitbestimmungsrecht“, sagt Michael Häberle, der Vorsitzende des Betriebsrats in Untertürkheim. Ginge es nach ihm, sollte mindestens einem Großteil dieser Beschäftigten durch eine Festanstellung eine Perspektive im Unternehmen geboten werden. Die Entscheidung, Leiharbeiter abzumelden, lehne er ab.

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