Gut 300 Menschen versammeln sich am Himmelfahrtstag vor der Leonberger KZ-Gedenkstätte im Zeichen der Demokratie. Michael Kashi gibt Einblick in das Leben der jüdischen Gemeinde in Stuttgart.
Aus Leonberg und den Teilorten Gebersheim, Höfingen, Warmbronn und Silberberg sowie aus den Nachbarstädten Rutesheim und Gerlingen wandern oder radeln die Menschen an diesem Vatertag sternförmig in Richtung der Leonberger KZ-Gedenkstätte im alten Engelbergtunnel. Zu der Sternwanderung aufgerufen hat das „Bündnis Leonberg bleibt bunt - Gemeinsam für Demokratie und Menschenrechte“. Dieses Bündnis ist entstanden aus der Kundgebung gegen Rechtsextremismus, „Leonberg bleibt bunt“, am 28. Januar auf dem Leonberger Marktplatz. Daraus hat sich zwischenzeitlich ein parteiübergreifendes Bündnis aus Vereinen, Kirchen, Organisationen und Parteien gebildet mit dem Ziel, die Demokratie zu stärken.
Der Tag nach der bedingungslosen Kapitulation
Die Sprecherin der Veranstalter, die ehemalige Leonberger Baubürgermeisterin Inge Horn, erklärt das Ziel der Aktion: „Der Tag heute ist als Aufforderung zu verstehen, menschenverachtenden Handlungen, Gewalt und Intoleranz keinen Raum zu geben, und dafür zu sorgen, dass die Feinde der Demokratie nicht stärker werden“.
Für die Sternwanderung haben die Veranstalter ein besonderes Datum gewählt, den ersten Tag nach Ende des Zweiten Weltkriegs, der am 8. Mai 1946 mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands endete.
Der Engelbergtunnel als geschichtsträchtige Stätte
Die Sternwanderung führt zu einem besonderen Ort, denn im alten Engelbergtunnel bestand von Frühjahr 1944 bis Frühjahr 1945 ein Konzentrationslager, in dem rund 5000 Häftlinge aus 24 Nationen Zwangsarbeit leisteten. Die Firma Messerschmitt fertigte in den beiden Tunnelröhren Tragflächen für den Düsenjäger ME 262. Wegen der alliierten Luftangriffe hatten die Nazis die Produktionsstätten in unterirdische Räume verlagert. Deshalb wurde der Engelbergtunnel für den Verkehr gesperrt und umgebaut. Der Willkür der SS ausgesetzt, unzureichend ernährt und an Seuchen erkrankt starben Hunderte im KZ und auf den Todesmärschen nach Auflösung des Lagers.
Gut 300 Bürgerinnen und Bürger sind dem Aufruf des „Bündnis Leonberg bleibt bunt“ gefolgt und versammeln sich vor dem alten Engelbergtunnel, darunter eine Gruppe aus Warmbronn mit ihrer Wanderführerin Christiane Hug-von Lieven, Vertreterin der Flüchtlingsinitiative „Warmbronn hilft“, die gleichzeitig als sogenannte Ordnerin fungiert.
Wandergruppen aus Warmbronn oder aus Gerlingen
Vorgabe des Ordnungsamtes war, dass der Veranstalter für alle Gruppen Ordner stellt, um die Sternwanderung in geordneten Bahnen zu halten. Doch ganz so groß waren die einzelnen Wandergruppen nicht, viele Interessierte kamen auch individuell, mit dem Fahrrad oder auch dem Auto, zur KZ-Gedenkstätte. Immerhin 28 Teilnehmer hatten sich von Warmbronn aus auf den Weg gemacht, rund 1 ¾ Stunden benötigten sie.
Aus Gerlingen kamen gleich zwei Gruppen, eine kleinere, zu der auch Ulrike Stegmaier von der Initiative „Gerlingen steht auf“ gehört und in der Gerlingens Altbürgermeister Georg Brenner mitgelaufen ist. Eine etwas größere Gerlinger Gruppe wurde vom aktuellen Bürgermeister Dirk Oestringer geführt. Für Ulrike Stegmaier ist das heutige Ereignis wichtig, „weil es eine Brücke zur Gegenwart baut“.
Die jüdische Gemeinde in Stuttgart schottet sich wieder mehr ab
Und dass Rechtsextremismus in Deutschland trotz der bekannten deutschen Vergangenheit wieder stärker wird, spürt der 1948 in Israel geborene Michael Kashi am eigenen Leib. Er ist Vorstandsmitglied der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg mit Sitz in Stuttgart, und berichtet vor dem ehemaligen KZ Leonberg über seine aktuellen Erfahrungen. Er erzählt von den Ängsten, die die Mitglieder seiner Gemeinde heute wieder haben.
Die Gemeinde hat 3000 Mitglieder. Sie umfasst unter anderem einen Jugendclub und ein Altenheim, eine jüdische Grundschule und eine Kindertagesstätte. Und eigentlich will sich die Gemeinde weiter nach innen und außen öffnen. Aber, so berichtet Kashi, „wir sind ein Bunker geworden“. Um die Gemeinde betreten zu können, gibt es zwei besondere Eingänge mit Sicherheitsschleusen, außerdem stehen die Gebäude 24 Stunden am Tag unter Polizeischutz, weil die Gemeinde vermehrt Drohbriefe mit Schmähungen und Morddrohungen erhält. „Es ist schlimm geworden“, sagt Kashi, der selbst erst nach der Schoa, also dem Holocaust, geboren ist, dem es aber wichtig ist, die Erzählungen der Überlebenden weiterzutragen. Kashi ist froh, dass die Sternwanderung zum Kampf gegen Antisemitismus und Fremdenhass beiträgt.
Bericht von Ausländerfeindlichkeit
Angst vor Fremdenhass hat auch Mursal Rasekh, die 2015 mit ihrer Mutter und ihrer Schwester aus Afghanistan geflüchtet ist. „Es ist ein schönes Land“, erzählt sie, aber durch den Krieg ist es sehr schwer, eine gute Ausbildung zu bekommen. Aufgrund der Verhältnisse hat sie in ihrer Heimat 16 Schulen besucht, bis sie Abitur machen konnte.
Die damals 23-jährige hat nach ihrer Flucht in Leonberg zunächst ehrenamtlich in einem Kindergarten gearbeitet und dann eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht. Sehr emotional berichtet Mursal Rasekh, dass es sie traurig macht, dass einige Menschen hier sehr ausländerfeindlich sind. „Wohin sollte ich jetzt gehen mit einem kleinen Kind?“ Sie will dennoch in Deutschland bleiben und hofft auf ein weiterhin buntes Leonberg.