Der VfB-Neuzugang ist eine der großen deutschen Hoffnungen für die Olympischen Spiele 2024: Er will in Paris eine Medaille holen – und peilt eine magische Marke an.
Bei der Gala des deutschen Sports wurde Leo Neugebauer neulich in Baden-Baden als „Newcomer des Jahres 2023“ ausgezeichnet. Das hat den Zehnkämpfer, der künftig für den VfB Stuttgart startet, sehr gefreut. Zufrieden gibt er sich damit nicht.
Herr Neugebauer, 2024 wird sportlich ein spannendes Jahr – was haben Sie sich vorgenommen?
Ein stärkerer Athlet zu werden, mich selbst weiter zu pushen. Und meine Bestleistung zu steigern.
Bei den Olympischen Spielen in Paris?
Das wird der größte Wettkampf des Jahres. Mein Fokus liegt darauf, am 2. und 3. August meine Leistungsspitze zu erreichen.
Wenn das gelingt, werden Sie es dann aufs Podium schaffen?
Mein Traum ist es, in Paris eine Medaille zu gewinnen – das wäre der Hammer.
Bei der WM in Budapest sind Sie vor vier Monaten mit 8645 Punkten Fünfter geworden, Ihr deutscher Rekord liegt bei 8863 Punkten, das hätte zu Silber gereicht. Was wird in Paris nötig sein, um unter die besten drei zu kommen?
Das Niveau in Budapest war unglaublich hoch, doch bei den Olympischen Spielen wird es noch höher sein, wenn alle fit sind. Ich muss in den Bereich meines Rekordes kommen, um eine Medaille zu holen.
Sie haben vorhin gesagt, dass Ihr Ziel sei, sich weiter zu steigern. In welchen Disziplinen gibt es noch Potenzial?
In allen ein bisschen. Und dann geht es darum, in einem Wettkampf in möglichst vielen Disziplinen Bestleistungen abzurufen. Dann ist einiges drin.
Selbst die Marke von 9000 Punkten?
Sie könnte fallen, wenn alles optimal passt.
Wo liegt Ihre persönliche Grenze?
Die muss ich erst noch herausfinden. Ich bin definitiv noch nicht an meinem Limit.
Zehnkampf gilt als Königswettbewerb der Leichtathletik. Was macht für Sie die Faszination aus?
Der Zehnkampf ist anders als alles andere. Der Wettkampf geht über zwei Tage, dafür braucht es ganz besondere Typen. Jeder muss sich durchkämpfen, das schweißt zusammen. Wir Athleten sind eine Gemeinschaft und am Ende alle glücklich, es irgendwie geschafft zu haben.
Wie muss ein Zehnkämpfer sein?
Mental sehr stark, um auch mal eine schlechtere Leistung wegstecken zu können. Und er muss in jede Disziplin mit derselben Energie reingehen, unabhängig davon, wie es bis dahin gelaufen ist. Das ist nicht einfach.
Haben Sie sich für den Zehnkampf entschieden – oder hat der Zehnkampf Leo Neugebauer ausgewählt?
Der Zehnkampf hat mich ausgesucht. Ich war schon immer gut in allen Bereichen der Leichtathletik, hatte deshalb nicht wirklich eine Wahl. (lacht)
Hätten Sie auch als Spezialist ein Weltklasse-Athlet werden können?
Ich glaube schon. Am ehesten wohl als Weitspringer, da war ich schon in jungen Jahren ziemlich gut. Aber Zehnkampf macht mehr Spaß. Jede Woche fünf, sechs, sieben, acht Disziplinen zu trainieren, das ist schon cool.
Über die Sportförderung in Deutschland wird derzeit viel diskutiert. Sie sind 2020 Ihren eigenen Weg gegangen – in die USA. Warum?
Ein Kumpel von mir ist rüber, das hat es für mich interessant gemacht. Daraufhin habe ich Kontakt zu Universitäten aufgenommen, drei davon besucht. Es war beeindruckend zu sehen, wie glücklich die Athleten über die Unterstützung sind, wie gut die Infrastruktur ist, welchen Stellenwert der Sport in den USA besitzt. Das hat sich sehr gut angefühlt – ich wollte auch dorthin.
Sie haben in Austin/Texas ein Vollstipendium erhalten. Was bedeutet das?
Ich bekomme alles bezahlt: Studiengebühren, Miete, Verpflegung und alles rund um den Sport. Das ist definitiv ein großer Wert.
Andererseits dürfen Sie sich nichts dazuverdienen.
Das ist richtig. Ich bin mit einem Schülervisum in den USA, nicht mit einem Arbeitsvisum. Deshalb darf ich dort kein Geld machen.
Sie beenden im Mai Ihr Wirtschaftsstudium mit dem Bachelor, sind zugleich ein Weltklasse-Zehnkämpfer. Wie wird Ihnen geholfen, beides zu vereinbaren?
Es gibt viele Leute, die einen unterstützen, egal in welchem Bereich. Alles wird organisiert: Die komplette Uni mit Vorlesungen und Kursunterlagen, die Trainingseinheiten, Regeneration, Reisen – ich kann mich voll auf Sport und Studium fokussieren. Dazu kommt, dass ich nahe am Campus wohne, mit dem E-Scooter nur zwei Minuten benötige. Uni und Mensa sind direkt neben dem Stadion. Bessere Bedingungen gibt es nicht.
Müssten nicht viel mehr Athleten versuchen, diesen Weg zu gehen?
Ich würde es jedem empfehlen – sofern es gelingt, in den USA einen guten Trainer zu finden. Aber letztlich ist es natürlich eine individuelle Entscheidung. Man ist zum Beispiel weit weg von zu Hause, darf nicht unter Heimweh leiden. Und man muss das Lebensgefühl in den USA schon auch mögen.
Der Deutsche Leichtathletik-Verband sieht es eher skeptisch, wenn Sportler in die USA gehen. Können Sie das verstehen?
Ein bisschen schon. Der DLV hat kaum Einfluss auf Athleten wie mich, das ist für einen Verband keine einfache Situation. Es besteht die Chance, sehr gut ausgebildete und leistungsstarke Athleten zurückzubekommen. Aber dafür gibt es keine Garantie.
Wie läuft es mit den Dopingkontrollen in den USA?
Die Nationale Anti-Doping-Agentur schickt aus Deutschland immer wieder Tester rüber, dazu kommen die Kontrollen des Weltverbandes. Erst vor Kurzem hatte ich im Trainingslager in Colorado Besuch eines Testers. Ich fühle mich sehr gut kontrolliert.
Sie starten künftig für den VfB Stuttgart. Wie kam es zu dem Wechsel?
Ich habe einen Anruf von Abteilungsleiter Dieter Göggel erhalten. Schnell war klar, dass dies eine coole Verbindung sein könnte.
Weil Sie schon als Kind in VfB-Bettwäsche geschlafen haben?
(lächelt) Nein. Aber der VfB war immer mein Lieblingsverein. Jetzt ein Teil davon zu sein und das Trikot mit dem Brustring zu tragen ist ein tolles Gefühl. Erst recht, weil wir diese Saison im Fußball auch noch richtig gut sind.
Was bringt Ihnen der Wechsel?
Ich bin noch bis zum Sommer in den USA. Wo ich anschließend leben und trainieren werde, ist noch offen. Der VfB unterstützt mich nicht nur finanziell, er bietet zudem eine große Plattform. Das hilft natürlich.
Sie verzichten 2024 auf die EM, die Anfang Juni in Rom stattfindet. Warum?
Eine Woche später sind in den USA die College-Meisterschaften. Dort muss ich starten – und beides wäre nicht gegangen.
Dafür schlagen Sie dann in Paris zu?
Ich bin für die Sommerspiele in einer guten Ausgangsposition, denn ich habe bei der WM in Budapest sehr viel gelernt. Der erste Tag war noch besser als bei meinem deutschen Rekord, ich lag in Führung und habe mir selbst bewiesen, dass ich es auch auf der ganz großen Bühne kann. Das war der Hammer. Andererseits ist der Druck enorm gewesen. Der zweite Tag lief weniger gut, war auch deshalb eine enorm wertvolle Erfahrung – und die perfekte Generalprobe für Paris.
Der neue Star im Zehnkampf
Athlet
Als Sechsjähriger begann Leo Neugebauer mit der Leichtathletik, 2017 gewann der Zehnkämpfer von der LG Leinfelden-Echterdingen bei der U-18-WM Bronze. Der Sprung in die Weltspitze gelang ihm 2023: Erst verbesserte er den 39 Jahre alten deutschen Rekord von Jürgen Hingsen auf 8836 Punkte, dann wurde er WM-Fünfter.
Student
Leo Neugebauer (23/geboren in Görlitz) trainiert und studiert dank eines Stipendiums an der Universität in Austin/Texas. Noch vor den Olympischen Sommerspielen 2024 in Paris will er das Studium der Wirtschaftswissenschaften abschließen.