Im Breuningerland Ludwigsburg ist die Zahl der Kunden seit 2014 um gut zehn Prozent zurückgegangen. Viele sind nach Stuttgart zum Milaneo abgewandert. Foto: factum/Granville

Zum ersten Mal werden Zahlen bekannt, wonach sich die Kundenströme vom Umland nach Stuttgart ins Milaneo verlagern. In der Region verlieren etwa die Breuningerländer deutlich an Kundschaft.

Ludwigsburg/Stuttgart - Der neue Mann hat eine große Aufgabe: Jan Tangerding (42) ist der neue Centermanager des Ludwigsburger Breuningerlands. Bisher hat er die Schlossarkaden in Braunschweig geleitet, nun soll er dem Shoppingcenter neben dem Ikea-Möbelmarkt neuen Schwung verleihen. Das ist auch dringend nötig – denn der Markt hat sich dramatisch verändert. Auf der einen Seite macht der Onlinehandel den klassischen Einkaufstempeln Konkurrenz, auf der anderen Seite das riesige Milaneoam Stuttgarter Hauptbahnhof.

Erstmals sind bei der Stabübergabe an den neuen Centermanager in Ludwigsburg auch Zahlen genannt worden. „Seit 2014 verzeichnen wir zehn Prozent weniger Kunden“, sagt Torsten Keller, der bisherige Leiter des Breuningerlands. Gut 600 000 weniger pro Jahr, zuletzt kamen sechs Millionen zum Shoppen aufs Tammerfeld.

Onlinehandel setzt auch den Centern zu

„Beim Umsatz ist der Rückgang zum Glück etwas niedriger“, sagt Keller. Ähnlich sieht es im Sindelfinger Breuningerland aus. Das war auch der Grund, warum sowohl Breuninger als auch die Betreiberfirma ECE seit Jahren auf einen Ausbau der Zentren drängen. In Ludwigsburg hat man sich mit der Stadt auf 2500 Quadratmeter geeinigt, in Sindelfingen ging der Streit um 15 000 Quadratmeter sogar vor Gericht.

Der Ludwigsburger Ex-Centermanager Torsten Keller, der nach Neu-Ulm wechselt, beschreibt die Herausforderungen: „Die Kunden wollen ständig etwas Neues.“ Wenn man die Jeans im Internet bestelle, falle ein Grund für den Besuch im Center weg. Vor allem für junge Kunden ist das Milaneo mit dem Magneten Primark attraktiv. Auch der neue Manager Jan Tangerding betont: „Nahezu alle Center leiden in den Innenstädten.“ Der ehemalige Metzgerei-Ketteninhaber Wilhelm Dietz, der im Breuningerland eine Filiale betrieben hat, spricht von 25 Prozent Kundenrückgang.

Was also tun? Die Strategiepapiere liegen bei den Verantwortlichen in der Schublade – die Pläne sollen mit dem Ausbau der Eventgastronomie etwa in Ludwigsburg vielleicht noch dieses Jahr umgesetzt werden. „Einkaufen muss Spaß machen, man geht mit Freunden essen, verbringt Zeit zusammen“, sagt Jan Tangerding, „und geht dann nebenher noch einkaufen.“ Echte soziale Kontakte von Angesicht zu Angesicht – das könne das Internet nicht bieten.

Mehr Events und mehr Restaurants

Also muss das Angebot rund ums klassische Einkaufen ausgebaut werden – Restaurants statt Stehimbisse und dem schnellen Brötchen auf die Hand, Veranstaltungen statt lediglich neue Osterdekorationen. Dafür sind in Ludwigsburg 1800 zusätzliche Quadratmeter eingeplant, 700 Quadratmeter kommen für Events hinzu.

Wichtig sei, neue Marken anzusiedeln. Keller nennt Nespresso und Steiff, die nun im Center seien. Ebenso Konzepte wie Unisex-Umkleidekabinen, erzählt Torsten Keller: „Wenn Paare zusammen einkaufen, wollen sie auch zusammen anprobieren.“

Aber auch verkaufsoffene Sonntage seien nötig, wie Torsten Keller betont: „Es geht dabei nicht nur um den Umsatz, sondern auch um die Profilierung des Handels.“ Verkaufssonntage hat die Stadt Ludwigsburg allerdings für dieses Jahr bisher nur für die Innenstadt genehmigt, auch auf Druck der Gewerkschaft Verdi hin, die mit Klage drohte. Ob das Breuningerland wie in 2017 erneut zwei verkaufsoffene Sonntage erhält, ist allerdings noch offen.

In Esslingen gibt es sogar mehr Kunden

Nicht alle Einkaufszentren verlieren allerdings Kunden. In Esslingen berichtet Verena Fischer, die Leiterin von „Das ES“ am Bahnhof, dass man seit 2014 die Zahl der Besucher von 6,7 auf sieben Millionen gesteigert habe. Auch wenn zur Eröffnung des Milaneo der „Neugierdeeffekt“ groß gewesen sei. Und das Gerber in der Stuttgarter Stadtmitte verzeichnet trotz vieler Wechsel im vergangenen Jahr einen Anstieg von 6,4 auf 6,7 Millionen Kunden.

Hier macht sich vor allem der Unterschied zu den Breuningerländern bemerkbar, die auf der grünen Wiese liegen. „Wir haben weniger Frequenz als in Innenstadtlage, dafür Kunden, die gezielt einkaufen“, sagt Torsten Keller in Ludwigsburg.

In Böblingen mit den Mercaden oder in Esslingen setzt man dagegen auf die Anbindung zum Stadtkern. Verena Fischer vom „ES“ erklärt, man wolle den Branchenmix weitgehend beibehalten, möchte aber in Sachen Büroflächen und Dienstleistungen nachlegen. Fischer ist optimistisch: „Die Neugier auf das Milaneo ist bei unseren Kunden schon wieder verflogen.“

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