Obwohl die Organspendezahlen steigen, können längst nicht alle Wartenden versorgt werden. Was es heißt, auf den erlösenden Anruf zu hoffen, weiß Heinrich Haag aus Sielmingen.
Heinrich Haag trägt viele Narben am Oberkörper. An der Optik stört er sich nicht. „Früher sind Ritter mit Narben verehrt worden, so habe ich es auch gesehen“, sagt er und lacht. So weit hergeholt ist der Vergleich gar nicht. Auch bei Heinrich Haag steht jede Narbe für einen Sieg. Dem 68-Jährigen aus Filderstadt-Sielmingen wurde bereits dreimal eine neue Niere transplantiert. Die dritte hat er vor bald drei Jahren erhalten. Am Sonntagabend vor Weihnachten kam der Anruf. 17.30 Uhr, das weiß er noch genau. „Wir haben eine Niere für Sie“, hieß es am Telefon, „wollen Sie sie haben?“ Zehn Jahre hatte er auf genau dieses Telefonat gewartet. „Zehneinhalb sogar“, sagt er.
Haags Niere kommt aus Belgien
Bereits in jungen Jahren wurde bei Heinrich Haag eine Niereninsuffizienz festgestellt. Die Organe scheiden Abfallprodukte des Stoffwechsels nicht aus. „Meine erste Dialyse hatte ich einen Tag nach meinem 33. Geburtstag“, sagt er. Ohne wäre er mit Mitte 30 gestorben. Die erste Transplantation 1997 glückte nicht. Sein Körper stieß die Niere ab. Ein Jahr später lag Heinrich Haag wieder auf dem OP-Tisch. Diesmal klappte alles, aber mittlerweile hat das Organ die Entgiftungsfunktion eingestellt. Die nun dritte Niere ist wieder eine postmortale Spende. Der Mensch, dessen Organ er jetzt in sich trägt, ist tot. Viel weiß Heinrich Haag nicht, nur, dass die Niere aus Belgien stammt.
Operiert wurde er im Klinikum Stuttgart. Dort sitzt eines von 46 Transplantationszentren in Deutschland, spezialisiert auf Nieren. Vedat Schwenger, Ärztlicher Direktor der Klinik für Nieren-, Hochdruck- und Autoimmunerkrankungen, leitet es. Der Medizin-Professor berichtet von durchschnittlich 60 bis 70 Transplantationen pro Jahr in Stuttgart, davon überproportional viele Lebendspenden. Warum? Weil in Deutschland viel zu wenige postmortale Organspenden verfügbar seien. Die Wartezeit für eine Niere betrage im Schnitt neun Jahre. Die Dialyse sei keine Dauerlösung. Sie sei kräftezehrend und gehe mit körperlichem Verfall einher. Laut Vedat Schwenger sterben jedes Jahr bundesweit etwa 350 Patienten, während sie auf eine Niere warten.
Heinrich Haag hatte Glück. „Ich bin einer der Wenigen, die schon dreimal transplantiert wurden“, sagt er. Dreimal in der Woche musste er früher zu Dialyse, stundenlang. „Viele verzweifeln daran“, sagt er. Seine jetzige Niere funktioniere noch sehr gut. Dennoch muss er aufpassen. Sein Immunsystem ist heruntergefahren, damit es nicht zur Abstoßung kommt. Täglich muss er Medikamente nehmen.
Die Leute haben Ängste
Dennoch sagt er: „Mein Leben ist jetzt einfacher.“ Der Sielminger ist der Vorsitzende der Regionalgruppe Stuttgart-Filder im Verein „Niere Baden-Württemberg“, der Selbsthilfeorganisation der Dialysepatienten und Transplantierten im Südwesten. Zudem ist er Vorsitzender für ganz Baden-Württemberg und auf Bundesebene aktiv – und versucht aufzuklären. Er unterhält sich viel. „Die Leute haben Angst, dass sie ausgeschlachtet werden und nicht richtig tot sind“, erzählt er, dabei müssten vor einer Entnahme stets zwei unabhängige Ärzte gehört werden. Auch fürchte mancher, als Spender nach einem Unfall nicht ordentlich behandelt zu werden.
Postmortal Organe spenden kann grundsätzlich jeder und jede, erläutert die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO). „Die bisher älteste Organspenderin Deutschlands war 98 Jahre alt, und ihre Leber konnte erfolgreich transplantiert werden“, teilt die DSO mit. Im März 2024 wurde in Deutschland das Organspende-Register eingeführt. Bislang haben dort 398447 Menschen (Stand: 27. Oktober) ihren Willen festgehalten. Die DSO-Sprecherin Susanne Venhaus erklärt: Gebe es keine dokumentierte Entscheidung, würden die Angehörigen gebeten zu entscheiden. „Nur bei 15,3 Prozent der möglichen Organspender im Jahr 2024 war ein schriftlicher Wille vorhanden. Bei diesen lag die Einwilligungsrate zu einer Organentnahme bei 75,4 Prozent. Mussten die Angehörigen hingegen nach eigenen Wertvorstellungen entscheiden, lag die Zustimmungsrate wohl aus Unsicherheit in der belastenden Situation nur bei 25,4 Prozent“, erklärt sie.
Mögliche Spender entscheiden, welche Organe in Frage kommen
Heinrich Haag bekennt: „Bis ich selber krank geworden bin, hatte ich keinen Organspendeausweis.“ Heute setzt er auf Aufklärung. „Wichtig ist, dass man sich entscheidet, auch, welche Organe entnommen werden dürfen. Und dass man seine Entscheidung gegenüber Angehörigen kundtut“, sagt er. Vedat Schwenger sieht es auch so. „Wichtig ist, dass der Mensch sich damit in einer entspannten Atmosphäre auseinandersetzt.“ In einer Stresssituation, schlimmstenfalls am Sterbebett eines Angehörigen, könne man das nur schwer entscheiden.
So viele Menschen warten auf ein Organ
Zahlen
Lange Jahre waren die Organspendezahlen bundesweit rückläufig, seit 2022 gehen sie laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation wieder hoch, wenn auch nicht konstant. 2022 haben sich 869 Menschen nach ihrem Tod Organe entnehmen lassen, 2023 waren es 965. Im Jahr 2024 ging die Zahl leicht runter auf 953 Personen; das entspricht 11,4 Spendern pro einer Million Einwohner.
Warteliste
Am 1. Oktober dieses Jahres warteten 8145 Menschen in Deutschland auf mindestens ein Spenderorgan, 884 davon lebten in Baden-Württemberg. Die mit Abstand meisten Menschen in Deutschland benötigten eine Niere (6154 Personen). Infos findet man auf www.niere-bw.de. car