Zur Eröffnung kam Johannes Rau Foto: dpa

Das Theodor-Heuss-Haus auf dem Killesberg feiert sein zehnjähriges Bestehen. Christian Wulff sollte Ehrengast beim Festakt sein. Das hat sich erledigt.

Stuttgart-Nord - Selbstverständlich ahnte John F. Kennedy nicht, dass sich seine Genesungswünsche aus geschichtlicher Sicht wie ein Gruß aus dem Grab lesen würden. Im Sommer 1963 schickte der amerikanische Präsident ein Telegramm, in dem er Theodor Heuss gute Besserung wünschte. Der Alt-Bundespräsident hatte sich ein Raucherbein amputieren lassen müssen. Der betagte Heuss starb an den Folgen der Operation, allerdings erst einen Monat, nachdem Kennedy erschossen wurde.

Das Telegramm ist im Theodor-Heuss-Haus auf dem Killesberg ausgestellt. Der Mann, der die Geschichte dazu erzählt, heißt Thomas Hertfelder. Seit der Gründung der Gedenkstätte in Heuss’ Alterswohnsitz am Feuerbacher Weg ist er Geschäftsführer der Stiftung, die das Haus betreibt. Das sind inzwischen zehn Jahre, und der runde Jahrestag wird mit einem Jubiläumsprogramm gewürdigt, denn das Heuss-Haus soll nicht nur an Leben und Wirken des ersten Bundespräsidenten der Republik erinnern, es ist gleichzeitig Veranstaltungs-, Forschungs- und Bildungszentrum. Sonst „wäre das hier auf Dauer zu langweilig“, sagt Hertfelder.

Ansichtssache. Allein die architektonische Schlichtheit des Heussschen Eigenheims ist aus heutiger Sicht einen Gang durchs Haus wert. Schon die recht bescheidene Zimmergröße im Alterswohnsitz lässt ahnen, dass der Alt-Bundespräsident schwäbisch-bürgerlich lebte. Abgesehen vielleicht von den Ölgemälden, für die Heuss einen feinen Sinn hatte, gibt es kein Möbel in dem unveränderten Wohn-, Ess- und Arbeitszimmer, das damals nicht in jedem anderen Haushalt hätte stehen können. Weitläufig ist nur das Untergeschoss. Um dort die 300 Quadratmeter große Ausstellungsfläche zu schaffen, musste das Fundament um anderthalb Meter gesenkt und verstärkt werden.

Theodor Heuss vertraute beim Hausbau auf Wüstenrot

Heuss war nicht nur Kunstsammler, er zeichnete auch selbst. Bei Staatsbesuchen im Ausland verblüffte er gern seine Gastgeber, indem er sich von einem Assistenten Block und Buntstifte reichen ließ, um eine pittoreske Szene festzuhalten. Mit Ausnahme des Nicht-mehr-Bundespräsidenten Christian Wulff dürfte so ziemlich jeden das Detail amüsieren, wie Heuss sein Eigenheim finanzierte: mit einem gewöhnlichen Bausparvertrag bei Wüstenrot. Das ist inzwischen ebenso eine Fußnote der Geschichte wie Wulffs Absage für einen Festakt in einem Monat. Er sollte der Ehrengast sein. Zur Eröffnung am 8. März 2002 hatte der damalige Bundespräsident Johannes Rau die Festrede gehalten.

Der junge Heuss war zu Studienzeiten nächtlichen Gelagen zugeneigt. Einen Hinweis darauf gibt gewissermaßen das Thema seiner Doktorarbeit: Weinwirtschaft. Den alten Heuss plagten Probleme, wie sie für einen neudeutsch Elder Statesman benannten Politpensionär nicht eben typisch sind. Das „Papa“ nervte ihn. Nicht, dass er sich herabgewürdigt fühlte, weil das Volk ihn Papa Heuss nannte, sondern aus Gründen des Sprachgeschmacks. Jedenfalls klagte Heuss in einem Brief, dass die Unsitte um sich greife, den Vater gegen den Papa zu ersetzen, und dass die Oma im Volksmund die Großmutter verdrängt.

Als Politiker war Heuss lange erfolglos

Humor hatte Heuss in jungen wie in alten Tagen. „Eigentlich wäre ich gern ein Bohemien gewesen, aber dazu gehören Liebesgeschichten und Schulden. Beides hatte ich nicht.“ Diese Zeilen schrieb er in Studientagen. Bei einem Besuch der Bundeswehr verabschiedete der Präsident sich mit den Worten: „Nun siegt mal schön.“ Politisch Interessierte mag verblüffen, dass Heuss in seinem eigentlichen Beruf als Journalist und Schriftsteller stetig aufstieg, aber bei seinen Versuchen, zum Parlamentarier zu werden, reihte sich Misserfolg an Misserfolg. Als Landtagskandidat fiel er durch und beschied sich mit dem Amt des Stadtrats. Seine Partei, die Deutsche Staatspartei, schrumpfte schon vor Hitlers Machtergreifung zu einem Niveau „wie heute etwa die FDP“, sagt Hertfelder, „also um die 1,5 Prozent“.

Während Hitlers Diktatur galt Demokrat als Schimpfwort. Den überzeugten Demokraten Heuss sortierte das Regime aus, sowohl politisch als auch in seinem Stammberuf als Journalist. Als ihm nach dem Krieg ein amerikanischer Offizier die Botschaft überbrachte, er sei bestimmt, beim Aufbau einer Republik zu helfen, antwortete Heuss eher missmutig: „Da muss ich erst meine Frau fragen.“ Die Nachricht erreichte den späteren Bundespräsidenten übrigens beim Teppichklopfen.

All dies ist im Theodor-Heuss-Haus dokumentiert, in Wort, Bild und Ton. Und es wird Weiteres dokumentiert. Allein das Sichten und sortieren der rund 60 000 Briefe, die Heuss hinterlassen hat, ist noch immer nicht beendet. „Das Bundesarchiv ist an dieser Aufgabe gescheitert“, sagt Hertfelder. Im Verlauf des Jahres will er die Briefe veröffentlichen – in acht Bänden. Damit dürften neue Details aus Heuss Leben für weitere zehn Jahre gesichert sein.

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