Bilder schaffen ihre eigene Wirklichkeit: 30. September 2010 in Stuttgart Foto: dapd

Der „Schwarze Donnerstag“ in Stuttgart jährt sich zum zehnten Mal. Und taugt noch immer nicht als Gründungsmythos freien Denkens, findet „Stuttgarter Nachrichten“-Titelautor Nikolai B. Forstbauer.

Stuttgart - Die Bilder wirken. Immer wieder. Hier die Staatsmacht – verschanzt hinter Schutzschilden und Helmen, dort Bürgerinnen und Bürger mit entschlossener, auch ein Stück verzweifelter Haltung. Hier die Polizei, um nach dem politischen Willen von Land und Stadt das Fällen von Bäumen zu sichern, dort die Demonstrantinnen und Demonstranten, die nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren können, sich nicht dagegengestellt zu haben.

 

Nicht Stuttgart 21 ist der Gegner

Was folgt, versinkt im Streit der Bilder, im Gefecht der Schuldzuweisungen – und in einem noch immer nicht abgeschlossenen mühsamen Weg zu einem neuen Miteinander. Geht es aber an jenem 30. September 2010 noch um das Verkehrs- und Infrastrukturprojekt Stuttgart 21 als Ganzes und den Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs von einem Kopfbahnhof in einen Durchgangsbahnhof im Eigentlichen? Sicher nicht.

Theater-Rückenwind für den „Widerstand“

Der Protest ist lange kaum existent. Es braucht einen Theaterregisseur, um eine Idee zu formen – die Idee vom Widerstand. Volker Lösch macht den Bahnhofsvorplatz zu einer Bühne, schafft öffentliches Aktionstheater, das er zuletzt in aller Konsequenz als „Bürgerchor“ wieder zurückträgt ins Schauspiel Stuttgart selbst. Hinter Masken mit dem Konterfei des damaligen CDU-Ministerpräsidenten Stefan Mappus ertönt platt das Raunen von den bösen Mächtigen.

Verstoß gegen die Freiheit

Stuttgart 21 als Chiffre des Bahnprojektes Stuttgart–Ulm ist markiert als Verstoß gegen die Freiheit. Gegen die grundsätzliche Freiheit der Stadtgesellschaft. Gegen die Freiheit aber auch, mit der Manfred Rommel als CDU-Oberbürgermeister Stuttgarts einst die toten Terroristen auf dem Dornhaldenfriedhof zu Grabe tragen ließ. Gegen die Freiheit des Andersseins an sich – das doch in Wahrheit in Stuttgart nie eine spürbare Rolle spielte.

Falsche Ansprüche

Wer gegen solche Haltung Wasserwerfer auffahren lässt, wer sie gar einsetzt, erfüllt eine Prophezeiung – fügt dem Lied von den ewig bösen Mächtigen eine neue Strophe hinzu. Doch nicht nur deshalb gilt: Der Einsatzbefehl für die Wasserwerfer hätte nie erteilt werden dürfen. Ebenso aber gilt: Wer auf die Freiheit pocht, kann nicht Einsatzfahrzeuge der Polizei attackieren und auch nicht Schülerinnen und Schüler für seine Zwecke rekrutieren.

Der 30. September blockiert noch immer

Und heute? Der 30. September 2010 blockiert noch immer beide Seiten. Er nährt noch immer das Gefühl, in der Ohnmacht gegenüber „den Mächtigen“ das Richtige getan zu haben. Er festigt das Bild einer Polizei, die in vorauseilendem Gehorsam handelt. Er verhindert klare Bekenntnisse politischen Willens. Und er führt – wie aktuell mit der Aufstellung eines neun Meter hohen plastischen Nicht-Einfalls vor dem Stadtpalais – zu verqueren Verengungen.

Rollback statt Antritt

Nein, der 30. September 2010 taugt nicht als Gründungsmythos einer freien Stadtgesellschaft. Im Gegenteil – Stuttgart erlebt in der Folge ein trauriges Rollback. Eine neue Innerlichkeit, die verführt, sich weiter mit Stuttgart 21 als Irrweg an sich zu beschäftigen, statt entschlossen die bestmögliche Umsetzung einzufordern.

Freiheit des Nichtstuns hilft nicht

Wege – etwa in eine Wissenschaftsstadt inmitten einer die technologischen Innovationen nicht bestaunenden, sondern selbst treibenden Metropolregion mit 2,8 Millionen Einwohnern – blieben und bleiben ungenutzt. Stuttgart privatisiert. Stuttgart bricht auf – in städtebaulichen Detailfragen. Das ist auch eine Freiheit. Aber das wird im Ringen der Regionen nicht reichen. Das Schauspiel Stuttgart hat dies längst erkannt, konfrontiert die Stadtgesellschaft mit immer neuen Debatten. Fordernd, Mythen, auch eigene, missachtend. Gut so. Anders, als über die jeweils eigenen zu springen, wird Stuttgart den langen Schatten des Schwarzen Donnerstags nicht los.

nikolai.forstbauer@stuttgarter-nachrichten.de