Ein zerstörtes Dorf im Südlibanon im Oktober 2006 Foto: EPA

Seit zehn Jahren ist es ruhig geblieben an der Nordgrenze Israels zum Libanon, aber die Angst ist immer noch präsent.

Jiron - Bunte Puzzleteile aus weichem Gummi bedecken den Boden. In der Ecke steht ein Spielzelt, gefüllt mit Bällen. Wäre die Luft nicht so muffig, könnte man glatt vergessen, dass diese Kinderstube Teil einer Bunkeranlage ist. Für die Kids aus dem Kibbuz Jiron ist es auch eher ein Abenteuer, wenn Noa Ben-Schlusch, die Kindergärtnerin, alle paar Wochen mit ihnen die Stufen hinabsteigt, den schmalen Gang aus Eisenbeton runter in den Miklat, den Schutzkeller. Damit sie im Ernstfall vertraut sind mit den fensterlosen Räumlichkeiten.

Ihre Schützlinge wissen nicht, was Krieg ist. Zum Glück. Seit zehn Jahren ist es ruhig geblieben, hier oben im atemberaubend schönen israelischen Norden, vis-a-vis der libanesischen Grenze. Aber aus den Gesprächen der Erwachsenen haben schon die Jüngsten aus dem Kibbuz das Wort „Krieg“ aufgeschnappt. Auf ihre Fragen nach seiner Bedeutung erklärt Noa, eine hübsche Frau mit blondgelockter Mähne und inzwischen dreifache Mutter, ihnen „so wenig wie möglich“. Sie möchte ihnen die damit verbundenen Ängste ersparen.

Allzu präsent sitzen sie ihr selbst noch im Hinterkopf. Damals, im Sommer 2010, als der zweite Libanonkrieg ausbrach, hat Noa Ben-Schlusch als Wehrdienstleistende mit den Bewohnern aus Jiron während der ersten Tage im Bunker gehockt. Bis klar wurde, dass es sich bei dem Katjuscha-Regen der Hisbollah um kein vorübergehendes Gewitter handelte. Noa wurde abkommandiert, die Frauen und Kinder in den sicheren Landessüden zu begleiten. Rund 300 000 andere Israelis flohen mit ihnen vor den Raketen der pro-iranischen Miliz, die bald schon auch in Haifa und in Tiberias am See Genezareth einschlugen. Die Männer und die Alten blieben in der Gefahrenzone und verbrachten, so wie eine Million israelischer Zivilisten, die meiste Zeit im Miklat.

Viele Kinder und Familien unter den Toten

Millionen Libanesen suchten derweil auf der anderen Seite der Front das Weite. Nur dass sie fast nirgends vor dem schweren Bombardement der Israelis sicher waren. Als nach 34 langen Kriegstagen der Waffenstillstand mit der ausgehandelten UN-Resolution 1701 endlich griff, zogen beide Seiten bittere Bilanz. Israel zählte 121 gefallene Soldaten und 44 getötete Zivilisten. Libanon beklagte mindestens 1100 Todesopfer, fast sieben Mal so viele. Knapp die Hälfte von ihnen waren „Gotteskrieger“, aber unter den Toten befanden sich auch viele Kinder und komplette Familien.

Das Ausmaß der Zerstörung war gewaltig. Zahlreiche Dörfer in Südlibanon lagen in Schutt und Asche. Der Flughafen von Beirut war ein Trümmerfeld, ebenso das Stadtviertel, das als Hochburg der Hisbollah galt. Israelische Streubomben hatten zudem Unmengen an explosiven Splittern hinterlassen. Hätte er die Folgen geahnt, hätte er von der Entführung der beiden israelischen Soldaten Abstand genommen, gestand Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah später ein. Für Israel war diese Kidnapping-Aktion der Casus Belli. Am Morgen des 12. Juli 2006 hatte ein Hisbollah-Trupp an der Grenze eine israelische Patrouillenstreife überfallen. Drei Insassen starben auf der Stelle, zwei Reservisten wurden nach Libanon verschleppt.

Bombardierung aus der Luft

„Es gab keinen Zweifel, dass es auch es die Beiden böse erwischt haben musste“, erinnert sich Gal Hirsch, der seinerzeit als Befehlshaber der im israelischen Norden stationierten Division 91 zum Tatort geeilt war. Das von Panzergranaten getroffene Patrouillenfahrzeug war mit Blut durchtränkt. Aber man wollte wider besseres Wissen die Hoffnung nicht aufgeben, dass die Verschleppten vielleicht doch überlebt hätten. Die israelische Volksseele kochte, angeheizt auch dadurch, dass 18 Tage zuvor der Soldat Gilat Schalit von der Hamas nach Gaza entführt worden war. Die Regierung Ehud Olmert geriet unter enormen Druck, „unsere Jungs“ zu befreien. Noch in der Nacht ordnete der Krisenstab an, Libanon aus der Luft zu bombardieren.

Es war eine Entscheidung aus dem Bauch, ohne klare Strategie. Die Zielvorgabe, die Sache von der Airforce erledigen zu lassen, erwies sich als unrealistisch. Man hatte die in ihrem unterirdischen Tunnelsystem verschanzte Hisbollah unterschätzt, die ungemindert Raketen abfeuerte. Die Bodenoffensive, die Israel schließlich begann, erwies sich vielerorts als Fiasko. Die eingezogenen Reservisten waren nicht genügend für den Häuserkampf mit einer Guerillaarmee trainiert. Pannen und Chaos in der Befehlszentrale kamen hinzu. Die nach dem Krieg von Israel eingesetzte Untersuchungskommission, geführt von dem pensionierten Richter Eliahu Winograd, machte dafür Planungsfehler und strategisches Versagen bis hin zum obersten Kommandanten verantwortlich.

Ein Erfolg für Israel

Für General Gal Hirsch war es ein Karriereeinschnitt. Auch Amir Peretz musste seinen Hut als Verteidigungsminister nehmen. Die Popularität von Premier Olmert plumpste in den Keller. Und doch gilt der zweite Libanonkrieg in der israelischen Rückschau von heute als Erfolg. Trotz Wiederbewaffnung der schiitischen Hisbollah, die ihr früheres Raketenarsenal mit iranischer Finanzhilfe um ein Vielfaches aufzustocken vermochte. Aber sie hat keine neuen Grenzüberfälle gewagt – nicht zuletzt, weil sie seit fünf Jahren im syrischen Bürgerkrieg verstrickt ist. „Alles eine Frage der Zeit“, meint Hirsch skeptisch. Er steht an Israels nördlichstem Grenzpunkt und deutet auf die rot geziegelten Dächer eines libanesischen Dorfes. „Viele dieser harmlos anmutenden Häuser sind versteckte Hisbollah-Zentren und Munitionslager.“ Er rate dringend allen Israelis, sich für den nächsten Krieg zu wappnen.

Nicht allein solche Warnungen sorgen im weiter westlich gelegenen Kibbuz Jiron für mulmige Gefühle. Drüben auf einer Anhöhe liegt Marun al-Ras, gekrönt von der goldenen Kuppel einer Moschee: ein in Libanon schon legendärer Schiitenort, in dem israelische Bodentruppen 2006 eine böse Schlappe erlitten. Wenn die Hisbollah ihre alljährliche Show abzieht, wie sie die Israelis in die Falle laufen ließen, kommen noch immer tausende Libanesen, sogar aus Beirut. Dann sitzen sie auf den Bänken eines Freilufttheaters und schauen rüber nach Jiron wie auf eine Bühne. „Wir sind es schon gewöhnt“, sagt Schlomi Flax, der Sicherheitsbeauftragte des Kibbuz, den nichts so schnell aus der Ruhe bringt. Auch wenn es „ein bisschen so ist, als wenn man am Rande eines Vulkans lebt“. Deshalb sei gut, dass jeder Bewohner den schnellsten Weg zum nächsten Bunker kenne. Aber ein neuer Krieg werde nichts lösen. „Ich glaube“, sagt er und schiebt die Schirmmütze zurück, „dass eine Menge Libanesen genauso denken.“

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