Ein Mann, eine Show: zehn Jahre „Markus Lanz“ im ZDF Foto: ZDF

Wenn Markus Lanz am Dienstag aus der Sommerpause ins ZDF zurückkehrt, feiert er das Jubiläum seiner Talkshow. Seit zehn Jahren erzählt er Geschichten über Deutschland – und redet manchmal mehr als die geladenen Gäste.

Stuttgart - Du bist voll der Checker“, lobte Charlotte Roche. Seine Qualitäten unterstrich Markus Lanz nämlich ausgerechnet, als er 2012 zu Gast in der Talkshow „Roche und Böhmermann“ war. Lanz muss machen. Rumsitzen und zu­hören scheint nicht seines. Ungefragt glich er die fachlichen Defizite von Charlotte Roche und Jan Böhmermann aus, verknüpfte die anderen Talkgäste miteinander, hakte thematisch nach, kommentierte, erklärte, verteilte Flachwitze. Es war eine freundliche Übernahme, in aller Professionalität. „Orr, Herr Lanz! Echt Jetzt! Das ist unsere Show“, mahnte Böhmermann, nachdem gerade mal 20 Minuten der Sendung verstrichen waren. Lanz: „’Schuldigung.“

Doch Markus Lanz ist einer für die Stimmung. Er kann das wie kaum ein Talk­master sonst – auch deshalb feiert er nun das zehnjährige Jubiläum von „Markus Lanz“. Wahrscheinlich wird ihm selbst beim gemeinsamen Abendessen die Mahlzeit kalt, weil er unentwegt redet, fragt, moderiert und dennoch mit blumigen Worten den Hackbraten lobt. „Nimm doch mal das Kompliment an, verdammte Hacke“, sagte Roche – und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.

Lanz, 1969 in Bruneck in Südtirol ge­boren, ist eher der Typ Zeigefinger – in diesem Körperteil laufen die Bahnen des früheren Werbers und Radiomoderators zusammen. Er zeigt mit ihm auf Gäste, wedelt damit als Geste des Widerspruchs, nutzt ihn, um sein Bauchgefühl als moralischen Standard zu verklären. Oder er legt ihn sich bedeutungsschwanger an die Lippen und sagt Sätze wie „Was hat das mit Ihnen gemacht?“ – meist um sein Mitgefühl zu unterstreichen oder das der Zuschauer einzufordern. Längst geflügelt ist sein ständiger Einwurf, bei Gästen „einhaken“ zu müssen, wenn die etwas Interessantes sagen. Dann wirkt er wie TV-Inspektor Columbo, nur sorgfältiger gekleidet und nicht ganz so aufmerksam.

Das Joviale und der Kumpelton

Entertainment ist die Kunst, Menschen in Ruhe zu lassen und sie gleichzeitig abzuholen. Der Widerspruch allein macht das Malheur deutlich. Als Ersatz für Thomas Gottschalk bei „Wetten, dass?“, scheiterte Lanz zwischen 2012 und 2014 an sich selbst. Er versuchte, was Gottschalk immer zuwider war: es allen recht zu machen. Doch Lanz wollte „cool“ wirken bei Oma, Opa, den Eltern, den Pubertierenden und denen, die nie eine Samstagabendshow ansehen würden. Als würden sich fortan Familien vor dem Fernseher versammeln, weil Lanz dort Liegestütze mit einer Kiste Bier auf dem Rücken macht oder seine Co-Moderatorin Cindy aus Marzahn plump vor Publikum erniedrigt. Letzteres, weil Lanz die Kunst der beiläufigen Flapsigkeit völlig abgeht. Es wirkt nahezu beleidigend, wenn er so sehr Freund seines Gegenübers sein möchte und nicht bemerkt, wie ehr­abschneidend Joviales und Kumpelton sind, wenn gerade eine Million Menschen zu Hause zusehen.

Irre wird es mitunter, wenn Lanz in erschreckender Eindimensionalität dazu anhält, nicht schwarz-weiß zu denken. 2014 forderten 230 000 Zuschauer per Petition die Absetzung von Lanz. Er hatte ein Interview mit Sahra Wagenknecht gegen die Wand gefahren. Immer wieder unterbrach er die Politikerin und wiederholte fast manisch „Euro – ja oder nein?“, als ob das der Kern ihrer Europapolitik wäre. Er befragt ja auch mal Rockstars wie Lemmy Kilmister und Slash von Guns’n’Roses ausschließlich zu den Themen Sex und Drogen.

Dabei interessiert sich Lanz für Musik. Manchmal begleitet er seine musikalischen Gäste am Klavier und war selbst mal so eine Art Musiker. Als Frankreich 1995 unter Präsident Jacques Chirac Atombombentests im südpazifischen Mururoa-Atoll durchführte, veröffentlichte Lanz als, äh, Künstler Le Camembert Radioactif das Protest-Lied „F…! Chirac“, übersetzt: „Fuck Chirac!“ Auf dem Cover der Eurodance-Platte, die beim damaligen Genreprimus ZYX-Music veröffentlicht wurde, war die Faxnummer des Elysée-Palastes in Paris abgedruckt: „Fax Chirac“. So subversiv war Lanz nie wieder. Doch ist Lanz längst wo­anders. Er ist dieser durchprofessiona­lisierte Moderator: Niemand kann schöner „sehr genial“ sagen.

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