Diskriminierung ist vielfältig. Sie kann jede und jeden treffen. Seit zehn Jahren kämpft die Antidiskriminierungsstelle Esslingen dagegen an. Die rasante Zunahme der Fallzahlen spiegelt die wachsende Sensibilität, aber wohl auch den Rechtsruck in der Gesellschaft.
Manchmal kommt Diskriminierung auf vier Beinen daher. Genauer: der Anlass der Diskriminierung. Konkreter: Blinden Menschen wird der Zutritt zum Supermarkt oder zum Café verweigert, weil sie von einen Assistenzhund begleitet werden müssen. Klare – und reale – Fälle für die Antidiskriminierungsstelle Esslingen (ADES), die Aleks Koleva schildert. Zusammen mit Sophia Hartlieb bildet sie das professionelle ADES-Duo. Zur Seite steht den beiden Sozialarbeiterinnen mit Fortbildung zu Anti-Diskriminierungsberaterinnen ein siebenköpfiges ehrenamtliches Team.
Das Assistenzhund-Beispiel zeigt, wie vielfältig Diskriminierung in Erscheinung tritt. Auch wenn sie – statistisch durchaus begründet – meist mit rassistischer oder herkunftsbezogener Ungleichbehandlung in Verbindung gebracht wird. „Solche Fälle sind nach wie vor die häufigsten, die bei uns ankommen“, sagt Sophia Hartlieb. Dennoch wäre es falsch, das Phänomen menschlicher Abwertung auf Fremdenfeindlichkeit einzuschränken. Das Ungeheuer hat viele Gesichter, so viele wie die Betroffenen, und zu denen kann jede und jeder zählen. Ebenso wie Diskriminierung von jeder und jedem ausgehen kann. Zumal ihre Akteure selbst diskriminiert sein können; und zumal sich Diskriminierungsmuster oft überschneiden, etwa wenn sie sich gegen alte Menschen mit Migrationshintergrund richten. Oder gegen Behinderte aus prekären Verhältnissen. Oder gegen muslimische Homosexuelle. „Intersektional“ lautet das Fachwort für das Gebräu der Ressentiments.
Gleichbehandlung nur im Gesetz? Handlungsbedarf vor Ort
Dem intersektionalen Ansatz, so Koleva, folgt ADES, seit die Institution vor genau zehn Jahren den Kampf gegen Machtausübung durch Diskriminierung aufgenommen hat. Die sechs Gründerinnen und Gründer im Jahr 2014, allesamt Absolventinnen und Absolventen des Studiengangs Soziale Arbeit an der Hochschule Esslingen, gingen von eigenen Diskriminierungserfahrungen aus, die teils mit Migrationshintergründen zusammenhingen. Aber eben nicht nur.
Äußerer Anstoß, so Hartlieb, war das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, das 2006 in Kraft getreten war, aber erst mit jahrelanger Verzögerung in eine Infrastruktur von lokalen Anlaufstellen mündete. Als drittälteste solcher Einrichtungen in Baden-Württemberg erfolgte die ADES-Gründung sogar relativ schnell. Zunächst arbeitete man ehrenamtlich, angedockt an das Interkulturelle Forum Esslingen. Die 2018 aufgenommene Förderung durch Land, Landkreis, Kommunen und später auch den Bund bewirkte eine Professionalisierung, der 2021 der Trägerwechsel zum Kreisverband der Arbeiterwohlfahrt (AWO) folgte. Doch blieb ADES bis jetzt in der Projektförderung stecken, muss also jährlich um Mittel feilschen.
Nicht nur ein Geburtstagsgeschenk, sondern eine begründete Forderung ist eine Förderung auf Dauer, die Koleva und Hartlieb anstreben. Begründet vor allem durch die Nachfrage: Die Fallzahlen steigen rasant. „Bis 2023 um rund 20 Prozent pro Jahr, von 2023 bis 2024 bereits um fast 50 Prozent, und das Jahr ist noch nicht mal zu Ende“, sagt Hartlieb. Wie immer, wenn von einem großen Dunkelfeld auszugehen ist, stellt sich die Frage, ob die Fälle tatsächlich zunehmen oder nur häufiger ADES erreichen. Beides, antworten die Fachfrauen. „Die Zahlen spiegeln die wachsende Sensibilität gegenüber Diskriminierungen, aber auch den Rechtsruck in der Gesellschaft“, sagt Koleva. Hakenkreuzschmierereien an Schulen etwa nähmen zu, so Hartlieb. „Schüler wie Lehrer reagieren oft verunsichert, wissen nicht, was sie dagegen tun sollen. Die klare Haltung ist manchmal schon abhanden gekommen.“
Ein Diskriminierungsklassiker ist Rassismus auf dem Wohnungsmarkt: „Manche Vermieter legen schon beim ersten Anruf gleich wieder auf, wenn sie einen migrantischen Hintergrund vermuten“, sagt Koleva. Was ein klarer – und häufiger – Verstoß gegen das Gleichbehandlungsgesetz ist. Beschimpfungen wegen der sexuellen Identität durch einen Nachbarn sind es nicht. Hartlieb und Koleva kümmern sich jedoch auch um solche Fälle. Das Gesetz setze dem rechtswirksamen Diskriminierungsbegriff zu enge Grenzen, urteilen sie. Zusammen mit weiteren Expertinnen und Experten fordern sie einen umfassenderen Rechtsrahmen.
Andere Lücken klaffen im Bewusstsein. Nicht jede ältere Frau, die von fremden Leuten als „Oma“ angequatscht wird, empfindet das als das, was es ist. Überhaupt herrscht im weiten Feld der Altersdiskriminierung Flaute bei den angezeigten Fällen – obwohl ADES in diesem Bereich sehr aktiv ist. Und obwohl, so Hartlieb, „die Benachteiligung von Menschen über 50 in der Berufswelt wissenschaftlich nachgewiesen ist“.
Die Entgrenzung des Diskriminierungsbegriffs, über die üblichen Verdächtigen und Opfern hinaus, ist ADES seit zehn Jahren ein Hauptanliegen. Zur veränderten Situation durch rechtsextreme Wahlerfolge und das Coming Out faschistoider Einstellungen geben die ADES-Frauen kein politisches Statement ab, denn, so Hartlieb: „Schon unsere Existenz ist ein politisches Statement.“
Die Antidiskriminierungsstelle feiert Geburtstag
Termin und Anmeldung
Am kommenden Freitag, 20. Juni, feiert die Antidiskriminierungsstelle Esslingen (ADES) ihr zehnjähriges Bestehen im Zentrum Zinzholz in Ostfildern-Ruit. Beginn ist um 17 Uhr. Um Anmeldung wird gebeten unter anmeldung@ad-es.de
Programm
Der Eröffnung mit der Ausstellung „Kunst gegen Diskriminierung“ und Arbeiten von Elif Celik folgen Grußworte der ADES-Mitgründerinnen Saime Ekin-Atik und Gülden Aygün sowie der Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Landes, Nina Guérin. An einem Podiumsgespräch nehmen danach neben Ekin-Atik und Celik die Autorin Anna Mendel, Pia Zazzarini vom QueerES-Vorstand und Patrizia Santomauro vom ADES-Ehrenamtsteam teil. Moderatorin ist Meryem Polat. Wichtig: Musik und Kulinarik gibt’s auch.