Am Tag nach dem Amoklauf: Trauer vor der Albertville-Realschule Foto: dpa

„Es war wie im Krieg“ schildert eine Rotkreuzhelferin, wie sie den Amoklauf in Winnenden erlebt hat. Am Montag jährt sich die Tat zum zehnten Mal: Ein 17-Jähriger hat damals 15 Menschen erschossen.

Winnenden - Der 11. März 2009 ist ein wolkenverhangener, kühler Frühlingstag. Der 17-jährige Tim K. verlässt kurz vor 9 Uhr sein Elternhaus im Leutenbacher Teilort Weiler zum Stein. Der unauffällige Teenager besucht eine private Berufsschule in Waiblingen, nachdem er ein Jahr zuvor mit der Mittleren Reife von der Albertville-Realschule in Winnenden abgegangen ist. Seiner Mutter fällt an diesem Morgen nichts Außergewöhnliches an ihrem Sohn auf.

In einem Linienbus fährt er von seinem Elternhaus nach Winnenden. Dort geht er zu Fuß zu seiner früheren Schule. Er betritt sie gegen 9.30 Uhr durch den Haupteingang an der Albertviller Straße. In einer Toilette zieht er sich dunkle Kleidung an, die er zusammen mit einer Pistole seines Vaters und rund 300 Patronen in einem Rucksack mitgebracht hat. Die Flure der Schule sind menschenleer, da zu diesem Zeitpunkt Unterricht stattfindet. Der 17-Jährige geht eine Treppe hinauf und den Flur entlang bis zur Tür des Klassenzimmers 305.

Wie in einem Computerspiel

Die Klasse 9c hat dort Deutschunterricht. Sie diskutiert über einen Aufsatz zu der Frage, wie sich Gehirne von ­Jugendlichen verändern, wenn sie häufig aggressive Computerspiele spielen. Steffen S., damals 15 Jahre alt, schildert in dem Buch „Die Schüler von Winnenden – unser Leben nach dem Amoklauf“: „Die Tür geht auf. Ich erinnere mich nicht mehr daran, ob vorher geklopft wurde, aber ich weiß noch, dass Frau B. ,Ja, bitte‘ sagte. Also hat der Junge, der jetzt bewaffnet hereinstürmt, vorher noch höflich angeklopft. Die Klasse dreht sich zu ihm, und er beginnt zu schießen. Es ist Tim K., ich erkenne ihn sofort, schließlich wohnt er im selben Ort wie ich. Es ist so bizarr: Eben diskutierten wir noch darüber, ob Killerspiele einen Jugendlichen verändern. Und zur Tür rein kommt einer, der zu Hause dauernd Killerspiele spielt.“

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Dieser schießt auf mehrere mit dem Rücken zu ihm sitzende Schülerinnen in der letzten Sitzreihe. Drei Mädchen, die in der Klasse nebeneinandersitzen, werden getötet, vier Schüler, zwei Schülerinnen und die Lehrerin werden zum Teil schwer verletzt. Eine Lehrerin hat im benachbarten Klassenzimmer die Schüsse gehört und geht auf den Flur, um nachzuschauen. Als der Täter sie sieht, schießt er mehrmals auf die Frau, trifft sie aber nicht.

Zwölf Tote in wenigen Minuten

Danach geht er zum Klassenzimmer 301 am anderen Ende des Flurs, öffnet die Tür und schießt wieder. Fünf Schülerinnen und ein Schüler werden tödlich getroffen, einer erleidet einen Streifschuss. Dann verlässt Tim K. den Raum, der Lehrer kann hinter ihm die Tür abschließen. Das Schloss hält stand, obwohl der Täter darauf schießt.

Unmittelbar nach diesen Schüssen gehen zwei Referendarinnen, die sich ein Stockwerk tiefer aufgehalten haben, die Treppe hinauf, um den Geräuschen auf den Grund zu gehen. Der Jugendliche, der auf dem Flur steht, bemerkt die Frauen und erschießt sie aus nächster Nähe. Anschließend schießt er zweimal auf die Tür des Chemieraums 317, welche die Referendarin Sabrina S. verriegelt hat. Die Projektile durchschlagen die Tür und treffen die junge Frau tödlich.

Innerhalb weniger Minuten sind acht Schülerinnen, ein Schüler und drei Lehrerinnen tot, acht Personen haben Schussverletzungen erlitten, zwei Lehrerinnen wurden durch herumfliegende Splitter verletzt. Eine Schülerin und ein Schüler verletzen sich auf der Flucht.

Der Schüler Steffen S. hat auf seinem Mobiltelefon um 9.33 Uhr den Notruf gewählt: „Kommen Sie schnell, da wird geschossen“, ruft er. Der damalige Leiter des Winnender Polizeireviers erinnert sich noch Jahre später genau an den Anruf. „Im Hintergrund hörte man Schüsse.“ Er und ein Kollege bereiten sich gerade auf eine Pressekonferenz vor. Das Thema: Verhalten bei Amokläufen. „Es war ein glücklicher Zufall, dass wir an dem Tag alle da waren.“ Alle, das sind die Beamten, die zum Interventionsteam des Reviers zählen. Sie haben die Szenarien eines Amoklaufs trainiert.

Polizisten stürmen in die Schule

Die acht Beamten brechen sofort auf. Drei Minuten nach dem Notruf hält der erste Streifenwagen vor dem Schulhaus. „Die erste Besatzung hat die Aufgabe, sofort in das Gebäude zu gehen und den Täter zu stellen. Das ist hochriskant“, erklärt der Revierleiter. Drei Polizisten stürmen in die Schule. Einer von ihnen, damals 41 Jahre alt, erinnert sich ein Jahr später: „Ich hab noch schnell gesagt: Einsatz wie trainiert, und wir machen im Bedarfsfall kompromisslos von der Schusswaffe Gebrauch. Dann sind wir rein. Was mir als Erstes auffiel, war die absolute Ruhe in dem Gebäude. Kurz darauf nahm ich oben an der Treppe einen Schatten wahr. Dann fiel ein Schuss. Die Kugel flog knapp am Kopf meines Kollegen vorbei. Wir eilten die Treppe hinauf. Auf dem Fußboden oben lagen viele leere Patronenhülsen. Dann fielen im hinteren Gebäudeteil erneut zwei Schüsse. Wir rannten hin und kamen an zwei Lehrerinnen vorbei, die erschossen worden waren. Vom Täter keine Spur.“

Zeugen sehen diesen gegen 9.40 Uhr auf dem Verbindungsweg zwischen der Albertville-Realschule und dem Zentrum für Psychiatrie im Winnender Schloss. An einem Weiher, dem sogenannten Ententeich, erschießt er einen beim Krankenhaus angestellten Installateur. Der 56-Jährige war dabei, den Abfluss des Teichs zu reinigen. Er wird von neun Kugeln getroffen.

1000 Polizisten suchen den Amokschützen

Die Polizei löst eine Großfahndung aus. In kürzester Zeit suchen rund 1000 Polizisten in der Region nach dem Amokschützen. Sämtliche öffentlichen Gebäude in Winnenden werden abgeschlossen, alle Personen auf den Straßen aufgefordert, sofort in das nächste Gebäude zu gehen. Am Himmel knattert ein Helikopter.

Ersthelfer treffen an der Albertville-Realschule ein. Unter dem Schutz der Polizei gehen sie in das Gebäude. „Ich hatte furchtbare Angst, aber ich habe mir gesagt, das muss ich jetzt tun“, berichtet eine Rotkreuzhelferin später. „Ich hab mir gedacht, so muss es im Krieg sein.“ Der Anblick in der Schule ist so schrecklich, dass einige von ihnen nach dem 11. März die Stelle wechseln oder vorzeitig in Rente gehen. „Die Bilder bekommst du nicht mehr aus dem Kopf“, klagt ein Einsatzleiter.

Schüsse in Wendlinger Gewerbegebiet

Um 9.45 Uhr wartet der 41-jährige Igor W. in seinem Auto vor dem Winnender Schloss auf seine Frau. Sie arbeitet in dem psychiatrischen Krankenhaus dort. Der 17-jährige Amokläufer setzt sich plötzlich auf die Rückbank des Autos und zwingt den Mann mit der Waffe in der Hand, mit ihm aus der Stadt zu fahren. Es ist der Beginn einer mehr als zweistündigen Irrfahrt durch den Großraum Stuttgart, die gegen 12.15 Uhr in Wendlingen (Kreis Esslingen) endet.

Eine Pistole des Vaters fehlt

Mittlerweile kennt die Polizei die Identität des Täters, doch sie weiß nicht, wo er sich aufhält. Auch nicht, dass er den 41-jährigen Autofahrer als Geisel genommen hat und mit ihm unterwegs ist: über Bad Cannstatt, Stuttgart, die A 81 in Richtung Tübingen und von dort nach Nürtingen und Wendlingen.

Die Nachricht von dem Amoklauf in der Schule hat sich inzwischen wie ein Lauffeuer verbreitet. Radiosender strahlen die Warnung der Polizei davor aus, Anhalter mitzunehmen. Ein Spezialeinsatzkommando stürmt das Haus der Familie des Täters. Wie sich herausstellt, fehlt eine Pistole, die dessen Vater legal besitzt. Wo sich der Jugendliche aufhält, ist immer noch nicht bekannt.

Gegen 12 Uhr befiehlt er Igor W., von der Autobahn 8 bei Wendlingen auf die Bundesstraße 313 abzubiegen. Der Fahrer nutzt diese Gelegenheit, um erst stark zu bremsen und dann in den Grünstreifen zu fahren, wo er stecken bleibt. Es gelingt dem 41-Jährigen, unverletzt vor dem Entführer zu fliehen und Polizisten zu alarmieren, die an der Straße kontrollieren.

Tödliches Ende einer Irrfahrt

Der Jugendliche verlässt das Auto und geht in das Gewerbegebiet Wendlingen-Wert. Dort entdeckt ihn eine Streifenwagenbesatzung, er schießt sofort auf sie. Während des Schusswechsels wird er von zwei Kugeln getroffen: im linken Sprunggelenk und in der rechten Wade. Er sinkt zu Boden und legt nach einer Aufforderung der Polizei seine Pistole auf die Fahrbahn, hebt die Hände. Ein Polizist will sich ihm nähern. Plötzlich nimmt der 17-Jährige die Pistole wieder an sich und schießt. Der Polizist muss sich hinter einem Streifenwagen in Sicherheit bringen. Der Jugendliche nutzt den Moment, um in die Niederlassung eines Autohauses an der Wertstraße zu fliehen.

Er betritt das Gebäude und fordert ein Auto. Der Verkäufer, den er bedroht, kann in einem günstigen Moment fliehen. Der Täter geht dann in den hinteren Teil des Verkaufsraums und schießt auf einen 36-jährigen Angestellten und einen 46-jährigen Kunden, die dort im Gespräch sind. 13 Schüsse feuert er auf die beiden Männer ab. Beide sind sofort tot. Zwei weitere Angestellte und ein Kunde entkommen durch den Hinterausgang, während er die Pistole nachlädt.

Der Täter richtet sich selbst

Daraufhin schießt er zwölfmal durch die Schaufensterscheiben des Autohauses auf die Polizei, bevor er ebenfalls das Gebäude durch den Hinterausgang verlässt. Von dem Firmenhof aus geht er trotz seiner schweren Verletzungen zum Nachbargrundstück. Weiter kommt er nicht, da die Polizei das Gebiet abgeriegelt hat. Eine 37-jährige Polizistin und ein 38-jähriger Polizist, die in einem Auto sitzen, werden von ihm getroffen und schwer verletzt. Die Frau erleidet eine Schussverletzung im Gesicht. Ein Mitarbeiter einer benachbarten Firma kommt mit dem Schrecken davon: Als er die Außentür verschließen will, entdeckt ihn der Amokschütze und schießt sofort auf ihn, aber glücklicherweise verfehlt er ihn.

Auf einem Parkplatz in der Nähe des Autohauses, wo er hinter abgestellten Autos Deckung gesucht hat, setzt sich Tim K. gegen 12.30 Uhr auf den Boden und schießt sich in den Kopf. Bei dem toten Täter und in der Albertville-Realschule werden 171 Patronen gefunden, die er nicht abgefeuert hat. 113 Schüsse hat der 17-Jährige im Verlauf des Tages abgegeben.