Nach innen für die Anhänger Geborgenheit bieten, nach außen für alle Gegner die nackte Faust – das Erfolgsrezept radikaler Gruppen. Foto: ZDF/Getty Images/Matthew Steward Ben

Militante Fußballfans, eifernde Islamisten, wütende Trump-Anhänger und paranoide Neonazis: Die Dokumentarserie „Warum wir hassen“ auf ZDF Info sucht nach Gemeinsamkeiten dieser Gruppen. Steven Spielberg war einer der Produzenten.

Stuttgart - Fangen wir mit dem Hoffnungsvollen an: Megan Phelps-Roper war mal eine Vorzeigeaktivistin der christlichen Fundamentalisten in den USA. Sie gehörte der Westboro Baptist Church an, einer radikalen Gemeinde, die andere ultrakonservative Kirchen an im Kampf gegen die moderne liberale Gesellschaft übertreffen will. Die Westboro-Baptisten nutzen die sozialen Netzwerke für Schmähungen gegen Schwule, Lesben, Juden. Transsexuelle und alle anderen, die ihnen verdammenswert erscheinen, sie organisieren Demos und Mahnwachen, bei denen die hochgehaltenen Schilder werbewirksames Spektakelfutter für Kameras bieten: „Gott hasst Euch“ steht da etwa. Megan Phelps-Roper, die Enkelin des Kirchengründers, war ein Beispiel für die neue Dynamik alter Bosheiten: Sie war jung, hübsch, intelligent, kommunikationsfreudig – und trotzdem eine Werbeschreierin für das finsterste Mittelalter in heutigen Köpfen.

Radikaler Wandel

Um auf das Hoffnungsvolle zurückzukommen: In der Dokumentarserie „Warum wir hassen“ auf ZDF Info tritt Megan Phelps-Roper als Geläuterte auf, die ihren früheren Ansichten abgeschworen hat. Im Rahmen einer Online-Mobbing-Aktion gegen prominente Juden kam sie auf Twitter mit David Abitbol, dem Gründer des Blogs „Jewlicious“, ins Gespräch. Aus dem Versuch der Anfeindung wurde ein Dialog, aus dem Dialog erwuchs die Hinterfragung der eigenen Position.

Dass es bei dieser Korrektur eigener Irrtümer um radikale Entwurzelung und Neuerfindung geht, macht der unter anderem von Steven Spielberg und dem Dokumentarfilmer Alex Gibney („Taxi to the dark Side“) produzierte Sechsteiler immer wieder klar. Bei Hassgruppen dürfe man eben nicht nur auf ihr aggressives Auftreten nach außen schauen, sonst verstehe man ihre Attraktivität für die Mitglieder nicht, mahnt Sasha Havlicek von der Londoner Denkfabrik Institute for Strategic Dialogue. „Wir neigen dazu, bei diesen Gruppen nur die Gewalt zu sehen. Tatsächlich bieten sie ihren Mitgliedern aber auch emotionale Bindung, Zugehörigkeit und Geborgenheit.“

Immer erst mal Opfer sein

Das wird hier vielfach deutlich, etwa wenn ein ehemaliger islamistischer Hassprediger erzählt, wie er erst im strikten Glauben und dann in der Propaganda für den Heiligen Krieg gegen Ungläubige Sinn, Halt und Heilung von seiner Drogensucht fand. Auf der anderen Seite der imaginären Frontlinie kann ein Neonazi-Aussteiger Ähnliches erzählen: Wenn dieser Frank Meeink schildert, wie er als vom Stiefvater aus dem Haus geprügeltes Kind bei den Skinheads seinen Platz im Leben zu finden meinte, fällt allerdings noch ein anderer wichtiger Satz: „Endlich sprach es jemand aus“, erinnert sich Meeink, „du bist das Opfer!“

Ob Fußballfans oder politische Eiferer: Wer sich radikalisiert, sieht sich nicht als Täter, sondern als Opfer. Die Aggression, gegen die man sich und andere schützen muss, geht in der eigenen Wahrnehmung immer vom Gegner aus. Interviews mit Experten und Aussagen von Betroffenen machen auch deutlich: Der Radikale sieht sich selbst meist als maßvoll, ausgeglichen und vernünftig. Extreme Handlungen und Haltungen sind nur die nötige Reaktion auf den Extremismus der anderen. Amerikas Neonazis etwa begreifen sich als Notwehrkämpfer gegen den angeblichen Versuch von Gelben, Schwarzen, Buntkarierten, die weiße Rasse auszulöschen.

Wie bei den Schimpansen

„Warum wir hassen“ erzählt zwar auch von sozialen Experimenten, bei denen normale Menschen sehr schnell dazu zu bringen waren, Mitmenschen als Feinde zu begreifen und zu behandeln. Aber die Erklärung dafür wird nicht nur in sozialen Umständen oder der Macht der Propaganda gesehen, sondern in unserem biologischen Erbe.

Was der Primatenforscher Frans de Waal und andere über unsere nächsten Verwandten, die Menschenaffen, zu erzählen haben, das erinnert gruselig an Übergriffe, Pogrome und Völkermordaktionen der Menschheit. Schimpansengruppen etwa behandeln benachbarte Gruppen konsequent als Feinde, als Nahrungskonkurrenten, die es nicht nur zu vertreiben gilt: Deren Nachwuchs wird getötet und gefressen. Weshalb man hier so dankbar ist für Megan Phelps-Roper und ein paar andere: Sie zeigen, dass wir den Affen in uns auch besiegen können.

Ausstrahlung: Die ersten beiden Folgen sind bei ZDF Info nacheinander am Sonntag, 10. November, ab 20.15 Uhr zu sehen, die weiteren am 11., 12., 13. und 18. November. Am 19. November ab 14.15 Uhr laufen alle sechs Folgen am Stück. Am 12. November um 20.15 Uhr läuft die Folge „Extremismus“ auch im ZDF-Hauptprogramm.

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