Krankheitsschub auf der Baustelle: Julia Koschitz als Marie Foto: ZDF

„Balanceakt“ ist ein intensives und dennoch oft verblüffend heiteres Drama. Julia Koschitz spielt darin eine erfolgreiche Architektin, die an Multipler Sklerose erkrankt.

Stuttgart - Die erfolgreiche Wiener Architektin Marie hat ihr Leben auch als Frau und Mutter perfekt im Griff. Eines Tages jedoch entgleiten ihr die Dinge, im übertragenen Sinn sowie buchstäblich: Ihre rechte Hand fühlt sich immer öfter an, als wäre sie eingeschlafen. Als ihr Sohn beim Kletterausflug beinahe abstürzt, weil sie sein Seil nicht halten kann, lässt sie sich untersuchen. Die Diagnose ist niederschmetternd: Multiple Sklerose.

Der deutsche Fernsehfilm besteht größtenteils aus Krimis und Komödien. Vermutlich werden sich viele Schauspielerinnen fragen, warum die wenigen dramatische Rollen so oft an Julia Koschitz gehen. Die Antwort lautet Johannes Fabrick. In den Filmen des österreichischen Regisseurs geht es regelmäßig um existenzielle Herausforderungen, meist ist Koschitz dabei erste Wahl. In „Der letzte schöne Tag“ (2012, ARD; Grimme-Preis für Fabrick) verkörperte sie eine Mutter, die sich das Leben nimmt, in „Pass gut auf ihn auf!“ (2013, ZDF) eine unheilbar an Krebs erkrankte Frau, die ihren Mann mit seiner Ex-Frau verkuppeln will, in „Zweimal lebenslänglich“ (2017, ZDF) die Frau eines verurteilten Mörders. Kein Wunder, dass Koschitz auch gesetzt ist, wenn Fabrick gar nicht beteiligt ist.

Treffend gewählter Titel

Die Regisseurin Vivian Naefe („Die wilden Hühner“) hat in letzter Zeit zwar vermehrt Komödien („Die Braut sagt leider nein“, ZDF 2017) oder Freitagsfilme für die ARD-Tochter Degeto („Reiterhof Wildenstein“, 2019) gedreht, aber ernste Stoffe beherrscht sie ebenfalls. Auch in solchen Fällen haben ihre Inszenierungen gern eine komische Note. In „Balanceakt“ jedoch überwiegt das Drama, weil ein Dasein völlig aus dem Gleichgewicht gerät. Der Titel ist treffend gewählt, denn Marie muss ihr Leben neu ordnen und einen Ausgleich finden zwischen Krankheit, Familie und Beruf. Gegenüber ihrer wichtigsten Auftraggeberin erfindet die Architektin immer neue Unpässlichkeiten, auch ihren Eltern würde sie die Diagnose am liebsten verschweigen. Es ist ihr Mann Axel (David Rott), der bei einem Besuch damit herausplatzt, und das ausgerechnet in dem Moment, als Maries Schwester Kerstin ihre Hochzeit ankündigt.

Die Autorin Agnes Pluch hat unter anderem mit Nikolaus Leytner das Drehbuch zu dessen Drama „Am Ende des Sommers“ (2015, ARD) geschrieben, die mit viel Feingefühl erzählte Geschichte eines jungen Mannes, der erfährt, dass er bei einer Vergewaltigung gezeugt worden ist (mit Julia Koschitz als Mutter). An ­Leytners Drama „Die Auslöschung“ (2013, ARD) war Pluch ebenfalls maßgeblich beteiligt. Dieser Film handelt vordergründig zwar von einer Alzheimer-Erkrankung, ist im Grunde aber eine Liebesgeschichte. Ähnlich funktioniert auch „Balanceakt“. Der Verlauf der Krankheit spielt zwar eine maßgebliche Rolle, aber das Drehbuch konzentriert sich zunächst auf die Beziehung des Paars. Zunehmende Bedeutung bekommt auch das Verhältnis der völlig verschiedenen Schwestern: Marie hat stets gewusst, was sie wollte; Kerstin führt ein eher unstetes Dasein. Wenn sich die beiden begegnen, brechen alte Feindseligkeiten durch. Die Rolle des Lebensgefährten ist ebenfalls vielschichtig: Axel ist Komponist und Musiker, seine Kunst jedoch brotlos. Marie ist die Ernährerin der Familie, und dass sie dies beim Streit betont, trägt maßgeblich dazu bei, dass die Hauptfigur keine makellose Heldin ist.

Ein schicksalhaftes Angebot

Vivian Naefe weiß, wovon sie erzählt: Ihre Mutter ist einst an den Folgen von Multipler Sklerose gestorben; kein Wunder, dass die Regisseurin das Angebot als „schicksalhaft“ bezeichnet. Bei der Umsetzung des Drehbuchs ist Naefe ebenfalls ein Balanceakt gelungen, da sie das Auf und Ab der Geschichte aller Tragik zum Trotz vergleichsweise nüchtern erzählt. Für ein solches Drama enthält die Geschichte zudem einige verblüffend ausgelassene Momente. Der lebensbejahende Film endet daher auch mit Maries positiver Botschaft: „Ich lebe weiter. Nicht trotz der Krankheit, sondern mit ihr.“

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