Als Literaturwissenschaftler ist Cornelius Dieckmann eher ein Exot unter den Cubern. Foto: Hannes Opel

Keine Frage, der junge Mann, der unlängst ein Praktikum in unserer Redaktion gemacht hat, hat das Zeug zum Journalisten. Ein Meister ist er schon jetzt in einem ganz anderen Fach. Cornelius Dieckmann braucht keine acht Sekunden, um Rubik’s Cube, den Zauberwürfel, in die Ausgangsposition zu bringen.

Stuttgart. Der gute alte Zauberwürfel hat es Cornelius Dieckmann angetan. Im Interview verrät er warum.

Herr Dieckmann, wie kommt ein junger Mensch wie Sie zu so einem alten Spielzeug?
Ich kannte den Würfel natürlich – wie jeder. Ich bin jetzt 23 und beschäftige mich seit fast zehn Jahren mit dem Zauberwürfel.
Wie wurden Sie vom Kenner zum Könner?
Anfangs habe ich es für unmöglich gehalten, den Würfel hinzubekommen. Aber dann war da ein Klassenkamerad, der schaffte es in zweieinhalb Minuten. Das war unglaublich. Also habe ich mir auch einen Würfel gekauft und es probiert, habe aber nur eine Seite hinbekommen. Frustriert habe ich ihn weggelegt, es nach einem Monat noch mal versucht – und es mit Anleitung geschafft. Das war am 27. Januar 2009, in der Woche, als Barack Obama seinen Amtseid abgelegt hat.
Das wissen Sie noch so genau?
Ja, das war ein Erweckungserlebnis.
Den Würfel, den Sie dabei haben, ist das noch der alte?
Nein, der hier dreht sich viel besser. Das ist ein Wettkampfwürfel meines Sponsors. Als ich damals endlich hinter die Lösung gekommen bin, wusste ich sofort, dass ich jetzt auch noch schnell sein wollte.
Demnächst werden Sie bei den Europameisterschaften in Madrid antreten. Wie läuft so ein Wettbewerb ab?
Im Grunde tritt jeder gegen jeden an. Es gibt verschiedene Durchgänge, und bei jedem hat man fünf Versuche. Der beste und der schlechteste Versuch werden gestrichen, aus den drei verbliebenen der Schnitt errechnet.
Wie bereiten Sie sich auf den Wettkampf vor?
Im Moment fehlt mir leider die Zeit zum Trainieren. Aber ich habe fast immer einen Würfel dabei. In Situationen, in den andere Leute mit dem Kugelschreiber spielen, beschäftige ich mich mit dem Zauberwürfel. Das funktioniert auch nebenbei, zum Beispiel beim Fußballgucken, wenn es nicht so spannend ist.
Es gibt unterschiedliche Disziplinen. Wo liegt Ihre Stärke?
Meine Spezialität ist es, den Würfel mit einer Hand zu lösen. Da halte ich mit etwas mehr als elf Sekunden den deutschen Rekord.
Kollegen von Ihnen schaffen es, einen Würfel mit verbundenen Augen richtig hinzudrehen.
Nicht nur einen, sogar mehrere Würfel. Der Weltrekord liegt bei über 40 Würfeln innerhalb eines Versuchs. Das Ganze läuft so ab, dass der Kandidat sich die Würfel einprägt und sie dann mit verbundenen Augen in die Grundposition dreht. Dafür hat er, inklusive Einprägen, eine Stunde Zeit. Bei mir ist nach sechs Würfeln Schluss.
Spielen Sie eigentlich Schach?
Nicht gut, ich habe in meinem Leben vielleicht 30 Partien gespielt. Gereizt hätte mich das schon. Wieso fragen Sie?
Weil ich gelesen habe, dass Cuber strategisch denken müssen.
Das ist richtig. Aber ob es Parallelen zu Schach gibt, kann ich nicht beurteilen. Dafür kenne ich mich zu wenig aus.
Beim Training, üben Sie da mehr Ihre Fingerfertigkeit und das Hirn?
Wenn man ein bestimmtes Level erreicht hat, geht es hauptsächlich um vorausschauendes Lösen. Das heißt, wenn ich eine Drehung mache, überlege ich schon, wie die nächste aussehen muss.
Mich würde der Würfel zur Weißglut bringen. Wie ist das bei Ihnen?
Mich entspannt er. Wenn ich gegen die Zeit spiele und einen neuen Trainingsrekord aufstelle, dann freut mich das natürlich. Aber ich lege keine Sondereinheiten ein wie Cristiano Ronaldo, der nach dem Training noch mal anderthalb Stunden Freistöße übt.
Waren Sie ein guter Schüler?
Eigentlich schon.
Vor allem in Mathe?
Ich war gut, aber nicht sehr gut in Mathe. Das Stereotyp, dass die meisten Cuber naturwissenschaftlich interessiert sind, trifft bei mir nicht zu. Mein schlechtestes Fach war Physik.
Der Würfel bereitet Mathematikern nach wie vor Kopfzerbrechen.
Stimmt. Es ist erst ein paar Jahre her, da wurde errechnet, dass man maximal 20 Züge braucht, um den Würfel in seine Ausgangsposition zu bringen. Ein Computer schafft das mit so wenigen Zügen, ein Mensch nicht.
Und dennoch sind Sie so schnell?
Um den Würfel in sieben Sekunden hinzubekommen, brauche ich 50 bis 60 Züge. Eine Lösung, die der Computer ausspuckt, ist für die menschliche Hand nicht unbedingt praktisch. Der Mensch macht lieber mehr Züge, die dafür leicht auszuführen sind.
Im Netz findet man meist männliche Cuber.
Das ist kulturell bedingt, so wie mehr Männer Informatik studieren als Frauen, obwohl die nicht weniger begabt sind. Ich finde das schade und freue mich, wenn Frauen an den Wettbewerben teilnehmen.
Sind Sie ein Spielertyp?
Früher habe ich Fußball gespielt. Ich war ehrgeizig und habe das sehr gern gemacht.
Und Kartenspiel, Skat etwa?
Skat kann ich nicht leiden, weil mein Vater da viel besser ist als ich. Klassische Strategiespiele, bei denen man viel denken muss, waren nie mein Ding. Mau Mau lag mir eher.
Sind Sie bereit, für eine Millionenfrage?
Nur zu.
Günther Jauch wollte als letzte Frage mal von einem „Wer wird Millionär?“-Kandidaten wissen, aus wie vielen Steinen der Rubik-Würfel besteht.
Das ist nicht einfach. Um die Frage zu beantworten, muss man dreidimensional denken können. Ich müsste da auch überlegen, aber da ich meinen Würfel schon oft auseinanderbaut habe, weiß ich, dass es 26 sind.
Was bringt die Fähigkeit, einen Zauberwürfel in Sekundenschnelle in die richtige Position zu bringen, für den Alltag?
Das Konkreteste, was es mir gebracht hat, waren Reisen und das Kennenlernen netter Leute. Ich bin wegen des Würfels schon nach China und in die USA gereist. Viele Leute trifft man immer wieder. Es liegt in der ­Natur der Sache, dass das meist kein kurzlebiges Interesse ist und Cuber lange dabei bleiben.
Das ist eine soziale Komponente. Ich dachte eher daran, dass es was fürs Denken bringt.
Ich habe Literaturwissenschaft studiert und mache gerade eine Reihe journalistischer Praktika. In dem Arbeitsfeld kann ich wenig mit dem Würfel anfangen. Mag sein, dass das ein Mathematiker anders sieht.
Als Literaturwissenschaftler sind Sie unter den Cubern ein Exote.
Kann man so sagen. Aber auch wenn Sie einen Informatiker fragen würden, was ihm der Würfel fürs Leben bringt, würde der wohl sagen: Er verschafft mir tolle Gelegenheiten, mich mit Gleichgesinnten überall auf der Welt zu treffen.
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