Deutsch oder türkisch? In dem Film „Almanya – Willkommen in Deutschland“ stellen sich drei Generationen der Familie Yılmaz die Frage nach der Identität. Der Großvater kam als Gastarbeiter, sein Enkel spricht kein Türkisch. Foto: Concorde

Gibt es im Zeitalter der Globalisierung noch Platz für nationale Identitäten? Der Soziologe Yasar Aydın und der Autor Feridun Zaimoglu – zwei Wanderer zwischen den Kulturen – haben im Literaturhaus Stuttgart diskutiert.

Stuttgart - „Stell dir vor, du kannst deutsch und trotzdem Türke sein“, rappte der Stuttgarter Max Herre schon 1999 in dem Lied „Nebelschwadenbilder“. Diese Vorstellung Herres ist inzwischen Realität geworden. Das sagt zumindest der Soziologe Yasar Aydın am Dienstag im Literaturhaus Stuttgart: „Durch Medien wie Facebook oder Twitter haben Migranten einen anderen Kommunikationsradius als früher. Sie müssen sich nicht mehr auf eine Kultur und Sprache begrenzen.“

Doch wie lebt es sich mit oder vielleicht auch zwischen zwei Kulturen, zwischen der Türkei und Deutschland? Mit diesem Thema haben sich beim achten Abend der Gesprächsreihe „Bakıs“ (Standpunkt) des Deutsch-Türkischen Forums der Wissenschaftler Aydın und der Schriftsteller Feridun Zaimoglu beschäftigt. Im Mittelpunkt der Veranstaltung unter dem Titel „Wanderer zwischen den Kulturen. Deutschland, Türkei und die weite Welt“ standen die sogenannten transnationalen Biografien in ­Zeiten der Globalisierung.

Türkei ist zum Transitland geworden

Denn nach der Anwerbung türkischer Arbeitnehmer im Jahr 1961 hat sich vieles verändert. Fast 900 000 Menschen kamen damals aus der Türkei nach Deutschland. Heute leben rund drei Millionen türkisch-stämmige Menschen in Deutschland. Mittlerweile wandern mehr von ihnen aus als ein. Viele lassen sich nur für gewisse Zeit nieder, um später zurückzukehren. Die Türkei ist zum Transitland geworden.

Aydın und Zaimoglu haben beide erlebt, was es bedeutet, sich in einem Land eine Identität zu konstruieren, zu dem die Eltern eine gänzlich andere Beziehung haben als man selbst und in dem sie – obwohl sie sich selbstverständlich als Deutsche sehen – von der Gesellschaft als fremd wahrgenommen werden. Trotz zahlreicher Unterschiede hätten sie deshalb auch einige Gemeinsamkeiten, sagt Sibylle Thelen, Kuratorin des Deutsch-Türkischen Forums Stuttgart und Moderatorin der Diskussion zwischen Aydın und Zaimoglu: „Beide sind in der Türkei geboren worden und in Deutschland aufgewachsen, beide ansässig im hohen Norden.“

„Die Türkei ist nicht meine Heimat“

Aydın nennt sich einen „Deutschen mit Wurzeln und Kontakten in die Türkei“, er hat die türkische Staatsbürgerschaft zugunsten der deutschen aufgegeben, schöpft aber aus beiden Kulturen. Zaimoglu geht noch einen Schritt weiter: „Die Türkei ist die schöne Heimat meiner Eltern, aber sie ist nicht meine Heimat.“ Die Wahrnehmung seiner Mitmenschen weiche davon häufig ab, so der Schriftsteller. „Ich sehe mich jeden Morgen im Spiegel. Ich weiß, dass 98 Prozent der Menschen da draußen denken: Deutsch? Du doch nicht“, sagt Zaimoglu. „Aber es geht ja nicht um die anderen. Es geht um mein Selbstverständnis.“

So einfach sei es leider nicht, entgegnet Aydın: „Identitätsbildung ist nicht beliebig, sie ist ein doppelschneidiger Prozess. Man muss immer auch die andere Seite überzeugen. Ich könnte nicht daherkommen und mich als Japaner bezeichnen.“ – Eine sehr wahre Aussage, die auch das Publikum zum Lachen bringt.

Die Identität besteht aus zahlreichen Ebenen

Die Frage, woher man kommt, nennt der Soziologe daraufhin als fast schon ­anthropologische Grundkonstante, die eng mit der Frage zusammenhänge, wohin man will – und das nicht nur räumlich. „Viele tun so, als gäbe es nur eine einzige Identität, die an eine Lokalität gebunden ist. Dabei besteht sie aus zahlreichen verschiedenen Ebenen: Ich bin Sozialwissenschaftler, zugleich aber auch Vater, Hamburger und Europäer. Zudem ist Identität wandelbar. Wenn man mich vor zehn Jahren nach ihr gefragt hätte, hätte ich mit Sicherheit etwas anderes geantwortet als heute“, sagt Aydın.

Die Ausweitung des Identitätsbegriffs sei unter anderem eine Folge der schnelleren Kommunikation: „Früher hat es drei bis vier Wochen gedauert, bis ein Brief das andere Land erreichte. Heute findet die Kommunikation in Echtzeit statt.“ Dies erweitere den Handlungsspielraum der Migranten, setze das einzelne Individuum gleichzeitig aber auch unter Druck: „Heutzutage muss man sich schnell eine Identität zulegen. Das ist nicht immer befreiend“, sagt Aydın.

Nach der Massen-Arbeitermigration der 1970er Jahre sei es lange Zeit Ziel der deutschen Migrationspolitik gewesen, Migranten „rückkehrfähig“ zu halten, sagt Aydın. So wurden türkische Kinder beispielsweise in separate Schulklassen gesteckt. Heute werde der sogenannte Herkunftslandbezug als Problem angesehen. Dabei sollte man sich von solchen Entweder-oder-Fragen lösen und die Entscheidung dem Einzelnen überlassen, sagt Aydın: „Man kann nicht sagen: Integration ist gut, Assimilation und hybride Identitäten noch besser. Jedes Individuum muss für sich selbst entscheiden, welchen Weg es einschlägt.“ Um sich in einem neuen Land einzufinden, müsse man die kulturellen Muster der Eltern nicht verlernen. Das sieht auch Zaimoglu so: „Die Überwindung der Fremdheit als Ziel der Integration ist doch immer langweilig gewesen.“

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