Experten kritisieren, dass in hoch entwickelten Ländern wie Deutschland bei der modernen Zahnmedizin viel zu sehr die Behandlung statt der Vorbeugung im Vordergrund steht. Foto: Patrick Pleul/dpad

Zähneputzen ist wichtig. Wie stark Mundhygiene die Gesundheit beeinflussen kann, wird noch immer vielfach unterschätzt. Eine Studie zeigt nun einen möglichen weiteren Zusammenhang.

Seoul - Regelmäßiges Zähneputzen ist nicht nur wichtig, um Karies oder Parodontitis zu vermeiden – es könnte auch das Herz schützen. Das legt zumindest eine südkoreanische Studie nahe, deren Ergebnisse im Fachblatt „European Journal of Preventive Cardiology“ veröffentlicht wurden. Demnach haben Menschen, die sich mindestens dreimal am Tag die Zähne putzen, ein geringeres Risiko für Herzrhythmusstörungen und Herzinsuffizienzen.

Mundhöhle ist idealer Lebensraum für Bakterien

An kaum einem anderen Ort unseres Körpers tummeln sich mehr Bakterien als in der Mundhöhle. Wird die Zahnreinigung vernachlässigt, werden diese nicht mehr in Schach gehalten. In der Folge können Entzündungen entstehen, die zunächst Zähne und Zahnfleisch betreffen und dann über Nervenbahnen und Blutgefäße in den Körper wandern

Der Zusammenhang zwischen Zahnhygiene und einer Reihe von Krankheiten ist schon seit längerem bekannt – etwa bei Lungen- und Herzentzündungen, Erektionsstörungen, Herzinfarkten und Schlaganfällen.

Die Forscher vermuten, dass regelmäßiges Zähneputzen Bakterien in den schwer erreichbaren Taschen zwischen Zahnfleisch und Zähnen reduziert – und damit verhindert, dass diese in den Blutkreislauf gelangen.

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Zähne-Putzen verringert Risiko für Herzerkrankungen

Eine weitere mögliche Verbindung zeigt nun die Studie der südkoreanischen Ewha-Frauenuniversität. Sie ergab, dass Teilnehmer, die sich dreimal oder öfter am Tag die Zähne putzten, ein um zehn Prozent geringeres Risiko für Vorhofflimmern und ein um zwölf Prozent vermindertes Risiko für Herzinsuffizienz hatten als jene mit einer schlechteren Mundhygiene. Wie die Wirkung zustande kommen könnte, beantwortet die Untersuchung nicht.

Die Autoren räumen ein, dass die Analyse nur auf Daten aus einem einzigen Land beruht und als reine Beobachtungsstudie keine Ursachen aufzeigen kann. Es sei zu früh, um Zähneputzen zur Vorbeugung von Vorhofflimmern und Herzinsuffizienzen zu empfehlen, erklären Mediziner in einem Kommentar zu der Analyse. Zunächst seien weitere Analysen nötig.

Zahnvorsorge kommt weltweit zu kurz

Experten fordern schon seit langem ein radikales Umdenken im Umgang mit Mund- und Zahnerkrankungen. Rund 3,5 Milliarden Menschen weltweit litten unter Karies, Zahnfleischerkrankungen oder Mundkrebs – weitgehend unbeachtet von der weltweiten Gesundheitsvorsorge und -politik. „Die Zahnmedizin ist in der Krise“, sagt Professor Richard Watt vom University College London (UCL).

In hoch entwickelten Ländern stehe bei der modernen Zahnmedizin beispielsweise viel zu sehr die Behandlung statt der Vorbeugung im Vordergrund, kritisieren er und zwölf weitere internationale Experten in einer Artikelserie zu diesen Themen im britischen Fachjournal „The Lancet“. Die Wissenschaftler aus zehn Ländern, darunter auch Großbritannien und Deutschland, monieren darin, dass sich die Zahnmedizin schon viel zu lange von traditioneller Gesundheitsvorsorge abgekoppelt habe.

Zucker-Konsum ist viel zu hoch

Besonders kritisch beurteilen die Wissenschaftler auch die Rolle der Zucker-, Lebensmittel- und Getränkeindustrie. Ihr Einfluss könne beispielsweise dazu führen, dass der Fokus auf kommerzielle Produkte wie Zahnpasta mit Fluor, Mundwasser oder zuckerfreier Kaugummi gelegt werde statt sich den tatsächlichen Ursachen etwa von Karies zu widmen. So steige der Konsum von Zucker, Hauptursache für die Zerstörung von Zähnen, gerade in weniger entwickelten Ländern rapide an.

„Es wird zuviel Wert auf Hightech gelegt statt auf Vorsorge“

Auch in Deutschland gebe es Handlungsbedarf, sagt Co-Autor Stefan Listl, der an der Universitätsklinik in Heidelberg im Bereich Gesundheitsökonomie forscht. Zwar werde hier im weltweiten Vergleich mit am meisten für zahnmedizinische Behandlungen ausgegeben.

Viele Menschen litten aber weiterhin an vermeidbaren Folgen solcher Erkrankungen. Der dadurch entstehende Verlust an Produktivität betrage mehr als zwölf Milliarden Euro jährlich. „Es wird zuviel Wert auf Hightech gelegt statt auf Vorsorge.“

Auch sei es weiterhin so, dass Menschen aus niedrigeren Bildungsschichten deutlich öfter Zahnprobleme hätten. „Mit dem Versorgungsmodell hierzulande kommt man sehr weit, aber wie kann man die erreichen, die nie zum Zahnarzt gehen?“, sagte Listl. Vielen Menschen sei nicht bewusst, wie wichtig Zahn- und Mundhygiene sei.

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