Christian Hermann Hesse: Mathe kann auch verwirren – oder: Je mehr Käse, desto weniger Käse. Foto: StN

Zahlenmeister Hermann Hesse erklärt, warum Intuition in den meisten Fällen in die Irre führt.

Stuttgart - Professor Christian Hesse behauptet: Mathematik macht glücklich. Und er sagt: "Auf unser Bauchgefühl ist Verlass." Die Welt ist zu komplex.

Herr Hesse, was antworten Sie auf die Forderung, die 5 endlich mal gerade sein zu lassen?
Die Redewendung stammt aus einer Zeit, als Konflikte durch Faustkämpfe entschieden wurden. Da musste man sich entscheiden, ob man eine Faust machte oder die fünf Finger gerade sein ließ, also auf den Kampf verzichtete und andere Konfliktlösungen suchte. Insofern bin ich dafür, die 5 gerade sein zu lassen.

Muss es ein Mathematiker ganz genau nehmen?
Nein, im Alltag schon gar nicht und selbst in der Mathematik nicht. Manchmal sind die Dinge so komplex, dass vollständige Genauigkeit nicht erreichbar ist oder nicht benötigt wird. Man kann dann meist mit Näherungslösungen arbeiten. Der überkomplexe Fall tritt des Öfteren auf, wenn es um Wahrscheinlichkeiten geht, etwa um Risiken wie Reaktorunfälle oder Tankerkollisionen.

Wie entdeckten Sie Ihr Faible für Mathe?
Schon in jungen Jahren hatte ich Spaß daran, Dinge auszuknobeln, und habe gerne die Knobelspalten der Zeitungen angeschaut. Freude an Problemen zu haben und diese lösen zu wollen ist sicher eine Grundvoraussetzung, um Mathematik zu studieren.

Sie behaupten in einem Ihrer Bücher, dass Mathematik glücklich macht.
In einer Hinsicht ist Mathematik wie Dieter Bohlen. Das Fach und der Entertainer polarisieren stark. Wer das Fach nicht mag, der hasst es in der Regel, und wer es mag, der mag es in der Regel sehr intensiv. Ist das Zweite der Fall, kennt man auch die Glücksgefühle, die eine ästhetische Lösung hervorrufen kann. Hat man nach vielen erfolglosen Bemühungen den Durchbruch erreicht, ist das wie ein buntes Feuerwerk auf der Großhirnrinde.

Was sagen Sie Menschen, die behaupten: Mir reicht das kleine Einmaleins!
Das kleine Einmaleins ist sicher ein bisschen zu wenig und würde dazu führen, dass Ihr Kind Sie schon im dritten Schuljahr hinter sich lässt. Doch wer mehr Mathematik kann, hat eindeutig mehr vom Leben. Wir werden ja ständig überflutet mit Zahlen, Tabellen und Statistiken, und es gibt auf unserem Planeten heute weit mehr Zahlen, als es Worte gibt. Wer damit kompetent umgeht, hat es leichter und wird bessere Entscheidungen treffen.

Einspruch. Sogar Einstein wusste schon, dass Mathematik die einzige perfekte Methode ist, sich selber an der Nase herumzuführen.
Die Mathematik hat auch ihre Paradoxien wie etwa das Konzept der Menge aller Mengen, die sich selbst nicht enthalten. Denkt man darüber nach, dreht man sich intellektuell im Kreis und verheddert sich in Widersprüche. Oder was halten Sie von der folgenden Überlegung, die ich einmal als Schweizer-Käse-Paradoxon bezeichnen möchte: Je mehr Käse, desto mehr Löcher. Und je mehr Löcher, desto weniger Käse. Ergo: Je mehr Käse, desto weniger Käse.

Brauchen Sie als Mathematiker Fantasie?
Ja, ein Mathematiker braucht Fantasie. Mit Fantasie muss er immer neue Denkwerk­zeuge gewinnen und Wege erkunden, um Ist-Zustände in Soll-Zustände zu überführen. Letzteres ist ja eine mögliche Definition des Vorgangs des Problemlösens.

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