Die Feuerwehren im Land werden jünger und weiblicher – ein Erfolgsmodell. Doch bis zur Führungsposition ist es ein weiter Weg. Zwei ganz unterschiedliche Retterinnen erzählen.
Stuttgart - Im Grunde konnte es gar nicht anders kommen. „Ich war vorbelastet“, sagt Daniela Stroppel und lacht. Ihr Vater war Abteilungskommandant bei der Freiwilligen Feuerwehr in Sigmaringen. Und so wagte irgendwann auch die Tochter, Jahrgang 1984, den Schritt. Mit drei Freundinnen ging sie zur Jugendfeuerwehr. Zu diesem Zeitpunkt noch etwas eher Ungewöhnliches. „Wir waren damals die einzigen Mädchen“, erinnert sie sich. Ob sie auch allein diesen Weg gegangen wäre? Schwer zu sagen. „Wenn es ein paar Mädels gibt, sind sie wie Zugpferde. Dann kommen noch mehr.“
Heute kann man das in ihrem Fall absolut unterschreiben. Daniela Stroppel ist stellvertretende Abteilungskommandantin im Stadtteil Gutenstein. Dort sind zwölf von 36 Rettern weiblich. Die junge Frau leitet zudem die Jugendfeuerwehr in Sigmaringen, hat bereits vor zehn Jahren eine Kindergruppe für die Sechs- bis Zehnjährigen gegründet, als das landesweit noch Pionierarbeit war. „Wir müssen die Kinder zur Feuerwehr holen, bevor sie schon mit anderen Dingen ausgelastet sind“, sagt Stroppel. Als Erzieherin ist sie dafür prädestiniert, in normalen Zeiten mit über 50 Nachwuchsrettern aus allen Stadtteilen zu arbeiten. Während der Coronapandemie ist das freilich schwierig, denn Treffen und Übungen sind kaum möglich. „Im Advent haben wir Videos gedreht, damit die Kinder die Feuerwehr zumindest im Hinterkopf behalten“, erzählt sie.
Daniela Stroppel hat ihren Weg bei der Feuerwehr gemacht. Zumal sie inzwischen auch die einzige Frau im 24-köpfigen Vorstand des Landesfeuerwehrverbandes ist. Doch generell ist weibliches Führungspersonal in Uniform rar. „Ich kenne noch eine Leiterin einer Werkfeuerwehr“, sagt Stroppel. Sie selbst sei nie wirklich auf Widerstände gestoßen. „Aber man muss sich schon beweisen.“ Der erste Tag im Verbandsvorstand etwa habe sich schon sehr außergewöhnlich angefühlt. Generell würde sie sich noch mehr Frauen in der Feuerwehr wünschen: „Meiner Erfahrung nach kommen die meisten aus der Jugendfeuerwehr.“ Erwachsene Einsteigerinnen gebe es dagegen selten.
Die Zahl der Aktiven steigt
Ihre Hoffnung könnte sich erfüllen – zumindest in kleinen Schritten. Denn seit Jahren verzeichnen die Feuerwehren im Land erstaunliche Zahlen. Anders als viele andere ehrenamtliche Bereiche wachsen die Aktivenzahlen sogar leicht. Ende 2019, zum Zeitpunkt der bisher letzten Erfassung, waren allein in den Gemeindefeuerwehren über 112 000 Menschen aktiv. Der Frauenanteil ist dabei seit 2010 von 3,9 auf gut sechs Prozent gestiegen, bei den Jugendfeuerwehren im selben Zeitraum von 13 auf 20 Prozent. Die Retterinnen retten auch die Statistik.
„Auch wenn der Frauenanteil ganz sicher noch ausbaufähig ist, stimmen uns die kontinuierlichen Zuwachsraten optimistisch“, sagt Gerd Zimmermann, Geschäftsführer des Landesfeuerwehrverbandes in Filderstadt. Er sieht einen Hauptgrund für die guten Zahlen bei beiden Geschlechtern: „Wir verdanken sie insbesondere einer sehr guten und engagierten Jugendarbeit. Dort wird man Schritt für Schritt an die Aufgaben in der Feuerwehr herangeführt und lernt zunächst eher spielerisch, welche Aufgaben sie hat.“ Das gilt auch für die über 300 Kindergruppen, die in den vergangenen Jahren gegründet worden sind. Technisches Interesse werde gefördert, betont Zimmermann,Werte wie Kameradschaft, Respekt, Verantwortung und Toleranz genauso. Was die Frauen betrifft, endet das bisher allerdings selten in Führungspositionen. Wie viele Abteilungen im Land von einer Frau geleitet werden, wird nicht einmal erfasst.
Charlotte Ziller lacht, wenn sie so etwas hört. „Wenn Zahlen im Promillebereich liegen, gibt man sie halt nicht gerne an“, sagt sie. Dabei verkörpert die 35-Jährige die absolute Ausnahme. Die Ulmerin ist Kreisbrandmeisterin im Landkreis Biberach und damit hauptamtliche Leiterin des Amts für Brand- und Katastrophenschutz. „Ein Kollege sagt immer, ich sei in diesem Bereich die beste Amtsleiterin im Land. Ich bin ja auch die einzige“, sagt sie und schmunzelt. Dabei war der Weg nach oben kein leichter.
Frage nach dem Kinderwunsch
Anders als die fast gleich alte Daniela Stroppel stammt Charlotte Ziller nicht aus einer Feuerwehrfamilie. „Als ich 14 oder 15 war, hat die Freiwillige Feuerwehr in Senden einfach die Jahrgänge angeschrieben und Nachwuchs gesucht. Ich war neugierig.“ Schnell packt es sie. „Zusammenhalt und Kameradschaft sind toll. Und ich finde es faszinierend, dass so viele Leute bereit sind, alles stehen und liegen zu lassen, um anderen zu helfen“, erzählt sie. Sie beginnt darüber nachzudenken, aus dem Hobby einen Beruf zu machen. Sie studiert Chemie, geht dann aber ans Institut der Feuerwehr in Münster und entscheidet sich für den höheren Dienst. „Das Rausfahren zum Einsatz ist spannend, aber mich interessiert auch das Management dahinter“, erzählt sie.
Mit der Zeit erfährt sie, dass man als Frau doch an Grenzen stößt. „Am Anfang kamen oft blöde Sprüche. Und in Vorstellungsgesprächen wird die Frage nach dem Kinderwunsch gestellt“, erzählt Charlotte Ziller. Das ende meistens schnell, wenn man robust reagiere. Als sie sich auf die Stelle in Biberach bewirbt, gibt es einen gut vernetzten männlichen Konkurrenten. „Ich dagegen bin nicht die typische Kreisbrandmeisterin, ich schwäbele nicht mal“, sagt die 35-Jährige. Innerhalb der Feuerwehr bekommt sie keine Mehrheit, doch der Kreistag votiert fast einstimmig für sie. Eine Bürde zum Amtsantritt, die sie mittlerweile als abgelegt betrachtet: „Ich war am Anfang sehr viel draußen. Ich glaube, die meisten haben gemerkt, dass ich mich für die Feuerwehr engagiere“, sagt Charlotte Ziller.
Diskussion um Verbesserungen
Wenn der Erfolg der Feuerwehr von Dauer sein soll, wird es entscheidend sein, weiterhin viele Kinder, Jugendliche und Frauen zu gewinnen. Zuletzt beklagte die Frauenbeauftragte im Landesfeuerwehrverband Bayern, dass nur ein Prozent der Feuerwehr-Führungskräfte im Freistaat weiblich sei. Sie warb unter anderem um Unterstützung für Frauen, um Familie und Ehrenamt unter einen Hut zu bekommen – so brauche es etwa Möglichkeiten der Kinderbetreuung bei Einsätzen, Übungen oder Lehrgängen.
Das ist auch in Baden-Württemberg ein Thema. „Wir arbeiten kontinuierlich daran, die Rahmenbedingungen für unsere Leute möglichst optimal zu gestalten“, sagt Zimmermann. Bei Frauen gelte es manchmal auch, falsche Befürchtungen auszuräumen: „Oftmals glauben sie, dass die Arbeit in der Feuerwehr zu schwer für sie ist, etwa weil sie schwere Gerätschaften schleppen müssen.“ Diese Sorge sei jedoch unbegründet: „Feuerwehr ist Teamarbeit und man unterstützt sich im Einsatz immer gegenseitig.“
Das hat auch Daniela Stroppel schon erfahren. „Als wir zu einem Suizid gerufen worden sind, habe ich mich damit schwer getan“, erzählt sie. Sie habe deshalb lieber die Aufgabe übernommen, die Straße abzusperren, um alles andere hätten sich die Kollegen gekümmert. „Vielleicht sind Männer bei so etwas dann doch etwas härter im Nehmen“, sagt sie, und schiebt schmunzelnd hinterher: „Oder sie tun zumindest so.“