Rustikales Ambiente mit Schaltknüppel: So sieht es im Cockpit des legendären Mercedes C111 aus, dem Konzeptauto aus dem Jahr 1969. Foto: Mercedes-Benz

Mercedes-Benz stellt die Produktion von Fahrzeugen 2023 komplett auf Automatikgetriebe um. Was zum Abschied vom Handschalter geführt hat – und warum es bei Porsche anders läuft.

Die Kurve kommt in Sichtweite, die rechte Hand geht zum Schaltknüppel. Kupplungspedal treten, herunterschalten, auskuppeln. Der Motor heult auf, die Motorbremse wirkt. Ab dem Scheitelpunkt beschleunigen, dann hochschalten.

 

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Selbst mit einem Fahrzeug, das sonst wenig aufregend ist, kann das Spaß machen. Der Fahrer spürt die Verbindung zum Auto.

Doch der Schalthebel, die drei Pedale im Fußraum des Fahrers – sie werden verschwinden. Der Pkw mit Handschalter ist ein Auslaufmodell. Das Bedienen eines Fahrzeugs mit manuell schaltbarem Getriebe, die Kupplung gekonnt kommen lassen, am Berg – gar mit Seilzughandbremse – anfahren, ohne den Motor abzuwürgen: Das sind Kulturtechniken, die aussterben werden.

Der CLA wird der letzte Mercedes mit Handschalter sein

Mercedes-Benz wird noch 2022 die Produktion von A- und B-Klasse mit Schaltgetriebe einstellen. E-, S- und C-Klasse sind bereits komplett automatisiert unterwegs. Als einziges Modell mit dem Stern wird der CLA noch für einige Monate mit Handschalter zu haben sein. 2023 geht die Handschalter-Ära bei Mercedes ganz zu Ende.

Ausgeschaltet. Sang- und klanglos. Mercedes macht darum kein Aufhebens. Ebenso wenig die anderen Hersteller, die den Trend zum automatisierten Fahrerlebnis mitmachen: BMW wirft gerade die letzten manuell schaltbaren 3er aus dem Programm, die Kompakten und der Roadster sind noch mit Schaltknüppel zu haben. Bei Audi sieht es ähnlich aus, selbst VW stattet nur noch einige Golf-Varianten mit dem Handschalter aus. Lediglich bei Porsche liegen die Dinge etwas anders, doch dazu später.

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Es gibt technische Gründe. Nur reine Verbrenner-Fahrzeuge eignen sich noch für den Handschalter. Sobald eine Elektrifizierung ins Spiel kommt, wird automatisch geschaltet. Selbst Hybride, bei denen sich ein Verbrennungs- und ein E-Motor die Arbeit teilen, sind nur noch mit Automatikgetriebe zu haben. Bei batterieelektrischen Modellen, denen die alleinige Zukunft gehören soll, ist der Handschalter technisch gar nicht möglich. Der Siegeszug der Fahrassistenzsysteme verstärkt den Trend zum automatisierten Fahren: Der Abstandsregeltempomat ist mit Automatikgetriebe leichter zu steuern.

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Bei Mercedes haben sich noch in den 90er Jahren die Abteilungsleiter für Schalt- und Automatikgetriebe Jahr für Jahr einen Wettstreit um die höchsten Stückzahlen geliefert. Schon um die Jahrtausendwende waren aber die Käufer, die die S-Klasse mit Automatikgetriebe orderten, bereits in der Überzahl. Anfangs ließen sich die Hersteller das Automatikgetriebe als Sonderausstattung teuer bezahlen. Automatikautos galten mit den drei bis vier Gängen zudem als behäbig und waren berüchtigt für den höheren Spritverbrauch. Ein Entwickler bei Mercedes: „Die Nachteile des Automatikgetriebes haben sich aber in ihr Gegenteil verkehrt.“

Automatik ist sparsamer

Seit 2013 verbaut Mercedes das komplett elektronisch gesteuerte automatische 9-Gang-Getriebe (9G-Tronic). Es ist die dritte Generation eines modernen Automatikgetriebes; die Vorgänger kamen auf sieben beziehungsweise fünf Gänge (7G- und 5G-Tronic). Die Vorteile: Das von einem Hochleistungscomputer gestützte Getriebe wählt immer den richtigen Gang. Der Antriebsmotor wird in möglichst niedrigen Drehzahlbereichen bewegt, so dass die Energieeffizienz steigt, der Spritverbrauch sinkt. Die Automatik erkennt etwa, ob die Fahrt bergauf oder bergab geht. Autos mit modernen Automatikgetrieben bieten mehr Fahrkomfort und sind noch sparsamer unterwegs als Fahrzeuge mit Handschalter.

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Auch Porsche verbaut moderne Automatikgetriebe. Der Zuffenhausener Hersteller setzt seit Jahrzehnten auf das Porsche-Doppelkupplungsgetriebe (PDK). Dabei werden die Gänge auf zwei Getriebe verteilt. Jedes Schaltwerk verfügt über eine Kupplung – daher der Name. Porsche-Ingenieure schwärmen von der „Symbiose“ aus Hand- und Automatikschaltung: „Ähnlich einem Handschalter werden die einzelnen Gänge über Schaltgabeln eingelegt.“ Das Ganze geschieht per computergesteuerter Elektrohydraulik. Porsche setzte die Technologie zunächst nur im Rennsport ein. Da der Fahrer beim Schaltvorgang, anders als beim Handschalter, voll auf dem Gas bleiben kann, bleibt der Ladedruck des Turbos voll erhalten. So beschert das PDK schnellere Rundenzeiten auf dem Ring.

Das PDK hat schon lange die viertürigen Porsche-Modelle erobert. Die SUVs mit Frontmotor – also Panamera, Macan, Cayenne – sind bereits seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr mit Handschalter zu bekommen. Anders ist das bei den zweitürigen Sportwagen mit Heck- beziehungsweise Mittelmotor. Der 911 und der 718 sind nach wie vor sowohl mit Handschalter als auch mit PDK im Angebot. Etwa ein Fünftel der Kunden ordert den Sportwagen mit Handschalter. Die Vorlieben variieren nach Region. Nach China etwa werden gar keine Sportwagen mit Handschalter geliefert. Dafür haben die USA eine ausgeprägte Handschalter-Fangemeinde. Etwa ein Drittel der neu ausgelieferten 911 sind dort Schaltwagen, beim 718 sogar die Hälfte.

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In den USA genießen Schaltwagen bei hartgesottenen Anhängern Kultstatus. Sie haben sich zusammengeschlossen unter dem augenzwinkernden Namen „Manual Gearbox Preservation Society“ (Gesellschaft zum Schutz des Schaltgetriebes). In den sozialen Medien finden sich „Save the manuals“-Gruppen (Rettet die Handschalter).

Bei Porsche ist der Artenschutz garantiert: Solange es die Sportwagen mit Verbrennungsmotor gibt, wird der Handschalter nicht ausgemustert, hört man in Zuffenhausen. Und die Ikone von Porsche, der 911, steht als reiner Verbrenner unter verschärftem Schutz: Gerade ist der Hersteller in die industrielle Produktion von synthetischen Kraftstoffen in Chile eingestiegen. Damit ist auch in der Zukunft, die ohne die Fossilen auskommen soll, der CO2-neutrale Betrieb der Sportwagen gesichert.

Moderne Automatikgetriebe

9G-Tronic
 Mercedes verbaut seit 2013 ein vollelektronisches Wandlergetriebe mit neun Fahrstufen. Der große Vorteil des Automatikgetriebes ist, dass der Motor auch bei recht hohen Geschwindigkeiten in spritsparenden unteren Drehzahlbereichen unterwegs ist.

Porsche-Doppel-Kupplungsgetriebe
 Das automatische PDK hat der Zuffenhausener Hersteller zunächst für den Rennbetrieb entwickelt. Der Fahrer muss bei den Schaltvorgängen nicht vom Gas gehen. Der Schub des Turbos setzt nicht aus.