Youtube-Projekt Kanal Dialäkt „Richard, du kannsch Leut unterhalten“

Von Tom Hörner 

Manchmal braucht es Untertitel: Richard Metz (li.) und Gerold Jäggle in einer Folge der Schwäbisch-Reihe „Kanal Dialekt“ Foto: Jäggle
Manchmal braucht es Untertitel: Richard Metz (li.) und Gerold Jäggle in einer Folge der Schwäbisch-Reihe „Kanal Dialekt“ Foto: Jäggle

Mit seinem Nachbarn Richard Metz, einem oberschwäbischen Original, hat der Bildhauer Gerold Jäggle, der in Stuttgart und Ertingen lebt, ein Youtube-Projekt gestartet. Vor allem ein Hobby von Metz hat Jäggle fasziniert.

Herr Jäggle, wie wird ein Bildhauer zum Filmemacher?
Der Auslöser war mein Nachbar Richard Metz. Richard ist ein Unikat. Er ist belesen, besitzt ein profundes Wissen und hat ein ­irres Hobby.
Das wäre?
Richard sammelt Kirchenglocken. In seiner Scheuer aus dem Jahr 1730 hat er drei Glocken, die größte wiegt anderthalb Tonnen. Die kleine mit 560 Kilogramm hat er auf den Hänger seines Traktors montiert. Damit fährt er manchmal raus aufs Feld oder auf Dorffeste. So bin ich auf Richard aufmerksam geworden.
Durchs Läuten?
Ja, ich habe von Ferne das Läuten gehört und einen anderen Nachbarn gefragt, was das sei. Der sagte mir, das sei der Richard mit seiner Glocke. Manche Leute im Dorf finden das merkwürdig, mir hat das gefallen. ­Irgendwann fing Richard mit Facebook an. Er fotografierte den Morgennebel über der Donau und hielt die Schönheit Oberschwabens fest.
Da wussten Sie, dass Sie mit ihm was machen wollen?
Die Idee kam mir am Donnerstag, 15. Juni 2017. Ich weiß noch genau, wie ich an meinem Küchentisch in Stuttgart saß – und plötzlich wusste, dass man das, was Richard macht und weiß, festhalten muss. Am nächsten Tag fuhr ich nach Ertingen, wo ich in einem ehemaligen Feuerwehrhaus meine Werkstatt habe. Ich ging mit meinem Handy rüber zu Richard und sagte. „Erklär mir doch mal das Wort ahlafenzig.“
Wie kamen Sie auf ahlafenzig?
Das wird von den Alten in Ertingen oft benutzt, von den Jungen kaum noch. Ich dachte, der Richard wäre der Richtige, um das Wort zu erklären. Ich hielt das Handy hin und habe einfach gefilmt. So entstand unser erstes Video.
War Richard nicht irritiert?
Nein, er fragte bloß: „Nochbor, was machsch?“ Ich sagte: „Ich weiß auch noch nicht so recht.“ Beim Filmen kam mir die Idee zu einer Videoreihe und dass das Ding „Kanal Dialäkt“ heißen muss. Wir haben am ersten Tag gleich drei Folgen gedreht.
Und haben als Filmemacher Feuer gefangen?
Der Bildhauer ist natürlich nach wie vor Bildhauer. Aber mit der Zeit habe ich gemerkt, dass es gar keinen so großen Unterschied ausmacht, ob du eine Skulptur oder einen Film produzierst. In beiden Fällen brauchst du einen Anfang und einen Schluss. In beiden Fällen musst du eine klare Idee herausarbeiten. Und das Ergebnis muss von allen Seiten her stimmen: Beim Video kommt es nicht nur auf die Bilder, sondern auch auf den Ton und den Schnitt an.
Die Kurzfilme stehen und fallen mit Richard.
Absolut. Schon seine Mutter soll zu ihm ­gesagt haben: „Richard, du kannsch d’Leut unterhalten.“ Was Richard sagt, das hat Hand und Fuß. Manchmal haben wir auch Gäste in der Scheuer. Als ein älterer Mann mal wissen wollte, was wir da machen, wollte ich umständlich erklären, was Youtube ist. Da rief Richard aus dem Hintergrund: „Halba Fernsäh!“ Zur Hälfte Fernsehen. Richard ist immer authentisch. Und er versucht nie, witzig zu sein.
Sie sind sein Fan?
Ja, bin ich. Richard ist im Dorf ein Solitär, ist alleinstehend und wohnt in seinem Bauernhaus. Und er hat sich auf ganz unterschiedlichen Gebieten mit seiner Heimat beschäftigt: sprachlich, geologisch, geografisch, wasserkundlich.
Woher hat er sein Wissen?
Hat er sich alles selbst erarbeitet. Richard hat Elektroinstallateur gelernt und in einem Kieswerk geschafft. In seinem Bauernhaus stehen meterweise Ordner herum, in denen er sein Wissen handschriftlich niedergelegt hat. Richard hat schon alle möglichen Archive im ganzen Land besucht, um Kartenmaterial und Urkunden zu studieren.
In den Videos sprechen Sie beide breiten ­Dialekt. Manchmal benutzen Sie Untertitel.
Ja, Untertitel kommen dann, wenn etwa ein besonderes Wort auftaucht. Dann blende ich eine hochdeutsche Erklärung ein, aber ich übersetze nicht grundsätzlich alles, was wir sagen. Deshalb ist unsere Reichweite auch begrenzt. Aber durch das Internet erreichen wir Schwaben auf der ganzen Welt.
Wie sind die Reaktionen?
Ich kann in Ertingen nicht mehr zum Einkaufen gehen, ohne dass ich auf den „Kanal Dialäkt“ angesprochen werde. „Herr Jäggle, wissen Sie was Bassledan ist?“ Das Wort stammt, wie vieles im Schwäbischen, aus dem Französischen. Bassledan kommt von „passé le temps“ und bedeutet Zeitvertreib.
Und wie sind die Reaktionen im Netz?
Sehr freundlich. Was uns am meisten erstaunt, ist, dass wir viele junge Zuschauer haben. Die Fußballer von der A-Jugend in Ertingen kennen jede „Kanal Dialäkt“-Folge auswendig. Da sagt der eine zum anderen: „Heut hasch aber ieberzwääz gspielt.“ Ieberzwääz bedeutet überdreht, durchgeknallt, gesponnen oder auch verkehrt. Dann sagt der andere: „Jetzt macht mi id so ahlafenzig oh.“ Das ist vielleicht das Verdienst von „Kanal Dialäkt“, dass alte Wörter, die kaum noch in Gebrauch waren, wieder in Mode kommen.
Apropos Verdienst: Bringen die Videos eigentlich Geld?
Youtube hat uns nach 10 000 Klicks gefragt, ob wir uns monetarisieren wollten. Ich dachte, das klingt klasse, das machen wir. Nach 25 000 Klicks wollten wir wissen, was wir inzwischen verdient haben. Es waren 60 Cent. Als wir uns das Geld auszahlen lassen wollten, schrieb Youtube: „Auszahlung erst ab 100 Euro.“ An dem Tag haben wir uns zur Non-Profit-Organisation erklärt.
Ist das Projekt für Sie auch aus künstlerischer Sicht interessant?
Natürlich, weil es sich weiterentwickelt. Die ersten Videos waren ganz einfach. Dann arbeiteten wir mit Intro und Schluss, beides Mal fährt Richard auf dem Traktor und mit seiner Glocke durchs Bild. So bekam das Ganze einen Rahmen. Demnächst soll die lizenzfreie Titelmusik, die ich aus dem Internet habe, so umgeschrieben werden, dass sie eine Blaskapelle spielen kann. Das passt dann noch besser. Es muss immer was Neues dazukommen. Wenn ich merke, dass ich mich wiederhole, verliere ich die Lust.
Und was heißt jetzt ahlafenzig?
Ich würde es mit hinterhältig, hinterlistig übersetzen. In ahlafenzig steckt Ahland, ein anderes Wort für Teufel. Der Ahland hat bei der Fasnet in Rottenburg eine tragende Rolle. Man kann ahlafenzig auch mit teuflisch übersetzen.

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