Der Videoblogger Shawn Cotton (li.) posiert mit dem Rapper 30 Rich für seinen Youtube-Kanal „Say Cheese TV“ Foto: AP

Geschichten direkt aus dem Leben von Straßengangs findet man in den herkömmlichen Medien selten. Videofilmer in den USA haben die Nische erkannt: Via Youtube berichten sie direkt von der Straße. Es ist ein gefährlicher Job.

Chicago - Shawn Cotton fährt nicht mehr mit seiner umgerechnet 49 000 Euro teuren pinkfarbenen Corvette zur Arbeit. Er müsste in diesem Wagen um sein Leben fürchten. Dafür hat er zwei andere Dinge dabei, wenn er das Haus verlässt: seine kugelsichere Weste und eine Pistole. Sicher kann sich der 28-jährige Amerikaner nicht sein, dass die ihn vor einem Schicksal bewahren, wie es sein Freund Zack Stoner im vergangenen Jahr erlitt. Stoner wurde aus einem fahrenden Auto heraus erschossen. Die Täter wurden nicht gefasst.

Früher arbeitete Cotton für Billiglohn im Kaufhaus. Vor sechs Jahren hängte er diesen Job an den Nagel und wechselte auf ein ganz anderes, gefährliches Feld: Er berichtet als Videojournalist aus „Gangland“^ also aus Gebieten mit Straßenbanden und hoher Kriminalitätsrate in verschiedenen Teilen der USA. Er interviewt Gangs und Rapper und postet seine Videos auf seinem Youtube-Channel „Say Cheese TV“.

Vorwurf der Verherrlichung

Landesweit gibt es mittlerweile Dutzende solcher Videografen, die wie Cotton Einblick in den Alltag von Straßenbanden geben und dabei ihr eigenes Leben riskieren. Zack Stoner war mit seinem Kanal „ZackTV1“ einer der ersten in diesem Genre und galt als eine Art Mentor für andere „Gangland“-Reporter.

Ihre Arbeit ist umstritten. Kritiker beklagen, die Youtube-Channels verherrlichten das Gangleben und gäben Banden eine Plattform, sich gegenseitig zu verspotten und zur Gewalt anzustiften. „Wenn du Gangs cool aussehen lässt, dann rekrutierst du mehr Leute für diese Banden“, argumentiert Mike Knox, ein Ex-Polizist im texanischen Houston, der auf die Bekämpfung von Bandengewalt spezialisiert war.

Riskante Nischen

Die Videofilmer verteidigen ihre Arbeit: Ihre Channels füllten eine Nachrichtennische, die von herkömmlichen Medien vernachlässigt werde, böten wichtige menschelnde Geschichten, die sonst in der Berichterstattung kaum stattfänden. Und erzählt würden sie direkt von Orten, an die sich traditionelle Medien kaum trauten.

Wie gefährlich die Arbeit ist, hat Stoners Tod drastisch vor Augen geführt. „Jetzt“, sagt Cotton, „denke ich jeden Tag daran, dass ich selbst erschossen werden könnte.“ Also hat er sich nicht nur bewaffnet, sondern verhält sich nun unauffälliger, wenn er Stoff für seinen Youtube-Channel sammelt. Und das bedeutet, in „Gangland“ keine knallig pinkfarbene Corvette zu fahren - er könnte sonst allzu leicht von Gangs aufgespürt werden.

Ständig Todesdrohungen

Eiens der großen Risiken seines Jobs laut Cotton: Man kann leicht die Wut von Banden auf sich ziehen, die glauben, dass ein Bericht verhasste Rivalen begünstigt hat. Oder die Aufmerksamkeit eines jungen Bandenangehörigen erregen, der hofft, in seiner Gang aufzusteigen, wenn er eine in der Gegend bekannte Person erschießt.

Auch Stoner war sich der Gefahren bewusst. Auch er, hat er einmal gesagt, halte die Kamera in einer Hand und eine Waffe in Reichweite der anderen, wenn er seine Interviews führe. Genutzt hat ihm das am Ende nichts. Cotton erhält nach eigenen Angaben mehrere Todesdrohungen in der Woche via soziale Medien. Eine kam, nachdem er über ein Gangmitglied berichtet hatte, das vor einem Kampf geflüchtet war.

Fruchtbarer Boden

Warum also geht jemand derartige Risiken ein? Ein Motiv ist das Ziel, einer in den eigenen Augen vernachlässigten Gemeinschaft eine Art Stimme zu verleihen. Ein anderer Anreiz ist Geld. Youtube zahlt zwar für jedes Anschauen der Anzeigenwerbung, die in Videos geschaltet wird, nur den Bruchteil eines Cents. Aber Channels wie der von Cotton mit mehr als 400 000 Abonnenten können monatlich trotzdem über 15 000 Dollar einbringen. Und jeder im Gewerbe weiß, dass ein gewisses Maß an Gefahr die Videos überzeugender macht - was mehr Zuschauer anzieht.

Zack Stoner filmte hauptsächlich in Chicago, wo 2018 mehr als 500 Menschen getötet wurden, meist im Zusammenhang mit Gangs. Dort gibt es auch jede Menge Hip-Hop-Talente, zusammen ein fruchtbarer Boden für Geschichten. Stoner selbst war kein Bandenmitglied und verurteilte Gewaltanwendung, aber er wuchs in „Gangland“ auf und kannte die Bandenkultur gut.

Ungeschminkte Wahrheit?

„Er zog sich wie sie an. Er sah wie sie aus“, sagt Rodney Phillips, ein Ex-Gangmitglied und Anti-Gewalt-Aktivist in Chicago. Stoner habe Gangmitgliedern das Gefühl gegeben, sich frei äußern zu können. Auf diese Weise habe er in seinen Videos die „ungeschminkte Wahrheit gezeigt“.

Dennoch fürchteten Freunde, dass sein wachsender Einfluss und Wohlstand früher oder später Groll gegen ihn auslösen werde. Manche rieten ihm, Chicago zu verlassen. Aber das sei für ihn nicht in Frage gekommen, sagt sein Cousin Albert Curtis. „Er liebte Chicago.“ Cotton hat nach Stoners Tod einen Jobwechsel erwogen, sich dann aber dagegen entschieden. „Ich werde nicht die Kameras wechseln, nur weil ich Angst habe.“

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