Seit Dezember ist die Zahl der deutschsprachigen Nutzer um 250 Prozent nach oben geschnellt Foto: Screenshot Younow

Die Plattform Younow zieht immer mehr pubertierende Jugendliche an. Doch das Portal ist ein Einfallstor für Pädophile, warnt die Medienexpertin Petra Grimm im Interview.

Frau Grimm, wie erklären Sie sich, dass YouNow auf Jugendliche so einen Reiz ausübt?

Es geht bei der Plattform um Aufmerksamkeit und Akzeptanz. Der besondere Reiz liegt aber im Live-Charakter des ganzen. Im Gegensatz zu YouTube, wo die Videos vorher aufgezeichnet werden, geht alles sofort über den Äther. 

Außerdem bietet YouNow eine weitere Plattform für das Phänomen der Selbstdarstellung. Nur ist vielen Jugendlichen nicht bewusst, dass sie sich damit völlig öffentlich machen. Sie geben ihr letztes Fleckchen Privatsphäre auf und „senden“ aus dem innersten Raum in ihrem Leben: dem eigenen Zimmer.

Öffnet YouNow damit nicht Pädophilen Tür und Tor? Schließlich lässt sich nicht überprüfen, wer da alles zuschaut und Nachrichten schickt.

Die Gefahr besteht, dass YouNow ein Einfallstor für Pädophile ist. De facto findet dort schon sexuelle Belästigung statt. Sehr viele Kommentare bewegen sich auf der Ebene der Anmache. Häufig sind dies Aufforderungen, sich umzuziehen oder im Bikini zu zeigen.

Nicht alle Kinder und Jugendliche wissen, wie man sich dagegen wehren kann. Manche sind schlichtweg überfordert oder vielleicht auch hilflos. Nur wer schon ein starkes Selbstwertgefühl hat und medienkompetent ist, kann den Attacken entgegentreten.

Auffällig ist, dass viele der „Broadcaster“, wie die sendenden Teilnehmer heißen, kaum älter als 15 Jahre alt sind.

Zumindest für die deutschen Nutzer scheint das so zu sein. Die Jüngsten, die ich dort gesehen haben, schienen nicht älter als zehn Jahre alt zu sein. Der Großteil der Nutzer steckt noch mitten in der Pubertät. Der Betreiber der Plattform baut ja auch keine Altersschranke auf, er müsste also unbedingt mehr Verantwortung zeigen.

In dieser Zeit geht es darum, sich zu orientieren, Werte auszuhandeln und von Gleichaltrigen akzeptiert zu werden. Da ist YouNow natürlich ein ideales Mittel, sich zu verorten und zu vergemeinschaften. Schließlich erhält man sofort Rückmeldung – positive wie negative. Das Problem dabei ist aber, dass Kinder und Jugendliche viel verwundbarer für Demütigungen und Online-Attacken sind.

"Mutproben auf Younow können lebensgefährlich sein"

Manche von ihnen berichten davon, dass die Aufmerksamkeit, die durch die Klicks und Likes suggeriert wird, fast ein wenig süchtig macht.

Das funktioniert wie eine Spirale. Wie bei Facebook geht es auch bei YouNow darum, sich ständig mit anderen zu vergleichen: Wie oft geht der digitale Daumen nach oben? Viele wollen dann die Bestätigung durch andere immer weiter steigern. Der Bezug auf andere wird gleichsam zur Gewohnheit. Also müssen sie sich möglicht attraktiv oder originell selbstdarstellen. Den Einblick in das private Zimmer gehört bei YouNow dazu. Da viele in ihrem Alter in sozialen Onlinemedien wie WhatsApp oder Facebook private Daten und Einblicke preisgeben, haben sie auch hier nicht das Gefühl, etwas falsch zu machen.

Jungs lassen sich auf YouNow häufig zu Mutproben hinreißen, nur, um mehr Likes und mehr Zuschauer zu bekommen. Warum?

Es gibt ja Fälle, in denen solche Mutproben gefährlich sein können, sogar lebensgefährlich. Zum Beispiel die Zimt Challenges, bei denen man einen Löffel Zimt schlucken muss und daran ersticken kann. In der Tat ist es auch im echten Leben in der Pubertät bei Jungs sehr ausgeprägt, den eigenen Mut- und Schmerzpunkt auszutesten. Es geht ihnen um kleine Wettbewerbe, in denen sie ihre Männlichkeit unter Beweis stellen. Da dies bei YouNow live vorgeführt werden kann, erhält das Prinzip aber eine ganz neue Dimension.

Welche Rolle können Eltern und Lehrer spielen?

Bei Facebook war zu beobachten, dass manche Vertreter der Erwachsenen-Generation sich selbst dort angemeldet haben. Das hatte teilweise eine kontrollierende Funktion. Und bei YouTube können Eltern zumindest sagen, dass ihr Kind ein Video wieder löschen soll, wenn es ihnen zu weit geht. Das alles fällt bei YouNow komplett weg. 

Aber wie erreichen die Eltern ihre Kinder am besten?

Eltern sollten daher ihre Kinder unbedingt fragen, ob und warum sie auf YouNow sind. Wichtig ist, den Kindern die Risiken klar zu machen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen: Warum ist Privatsphäre für ein gelingendes Leben wichtig? Was passiert, wenn ich mich verwundbar mache? Was kann ich tun, wenn ich mit Cybermobbing und sexueller Belästigung konfrontiert werde oder dies beobachte? Solche ethischen Wertefragen sollten Eltern mit ihren Kindern besprechen und ihnen damit auch Orientierungsmaßstäbe aufzeigen.

Zur Person: Prof. Dr. Petra Grimm

Prof. Dr. Petra GrimmDie Medienethikerin leitet seit vergangenem Jahr das Institut für Digitale Ethik an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Ihre Forschungsschwerpunke sind: Gewalt in und via Medien, Handy- und Internetnutzung von Kindern und Jugendlichen, Medienethik, Privatheit und Medien. Foto: HdM

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