Hier lässt sich der Alltag für eine Weile ausblenden. Foto: Edgar Layher

Während der Gartenschau lädt die Yogalehrerin Esther Dostal zu Übungen unter freiem Himmel ein.

Weinstadt - Es ist eine bunt gemischte Gruppe in Sportkleidung, die sich an diesem Sonntagvormittag an der Burgruine Kappelberg oberhalb von Weinstadt-Beutelsbach versammelt. Knapp 20 Frauen und Männer unterschiedlichen Alters sowie ein paar Mädchen sind gekommen, um beim Sommeryoga mitzumachen, das Esther Dostal während der Remstal-Gartenschau dort einmal wöchentlich unter freiem Himmel anbietet. Das Läuten von Kirchenglocken dringt aus dem Tal herauf, und der dröhnende Motorenlärm der B 29, derweil die Teilnehmer ihre mitgebrachten Yogamatten ausrollen und um die neu angelegte Grillstelle Platz nehmen. Von deren Mitte wabert einem der Geruch von Räucherstäbchen entgegen.

Keiner braucht sich zu Sorgen zu machen

Mitmachen darf ­jeder, Yogaerfahrene ebenso wie absolute Neulinge, so wie ich. „Es ist ein ständiger Wechsel der Teil­nehmer, aber immer um die 17“, berichtet Esther Dostal im Gespräch. Meist seien ein paar Yogaschüler darunter, ein Grüppchen von Stammgästen, das sich bereits gebildet habe, sowie immer auch einige neue Gesichter und Leute, die zum ersten Mal Yoga machten. Sorgen, sich zu ­blamieren, braucht man also nicht zu ­haben. Neugierige Zuschauer gibt es auch keine. Die Teilnehmer sind ganz unter sich. Abgeschirmt von Bäumen und ­Sträuchern zum Parkplatz unterhalb der Burgruine hin und mit deren Mauern im Rücken fühlt man sich abgeschieden von der Außenwelt. Den Alltag hinter sich zu lassen fällt in dieser Umgebung nicht schwer. Zumal Esther Dostal ihr Übriges dazutut.

Die Wirkung des besonderen Ortes

Mit sanfter Stimme leitet sie die Teilnehmer zu ein paar Lockerungsübungen für Schulter und Nacken an. Denn dieser bei vielen schon chronisch verspannten Körperpartie sowie dem Rücken soll die Yogastunde besonders zugutekommen, wie sie erklärt. Zur gleichzeitigen seelischen Entspannung soll die Meditation zu Beginn beitragen. Dabei vertraut Esther Dostal auf die Wirkung des besonderen Veranstaltungsortes. „Der Ort macht einen empfindsamer“, meint Dostal, die vor ihrer Yogaausbildung und Eröffnung ihres eigenen Studios Sinnpfad in Weinstadt als Sozialarbeiterin gearbeitet hat – und die nun nicht nur als Yogalehrerin tätig ist, sondern auch als Personalcoach und Beraterin in der Organisationsentwicklung. Und wirklich, während der zehnminütigen Phase der Stille bei geschlossenen Augen beginnt man plötzlich auch ganz andere Dinge wahrzunehmen außer Glockengeläut und Verkehrslärm. Man spürt den lauen Sommerwind, der über die Anhöhe zieht, hört Bienen und Fliegen summen, Grillen zirpen.

Schritt für Schritt einen Grad schwieriger

Dass die Teilnehmer den Kopf frei bekommen und im Herz spüren, was ihnen guttut – das sei ihr Ziel, meint Dostal dazu. So fordert sie diese im weiteren Verlauf auf, selbst zu entscheiden, wie weit sie bei den einzelnen Übungen mitmachen wollen, die sich oftmals Schritt für Schritt in ihrem Schwierigkeitsgrad steigern. Und immer wieder bindet Dostal die Natur rundherum ein: etwa, wenn sie einen auffordert, tief einatmend und aufrecht stehend den Blick in die Ferne auf die Weinberge rundherum zu richten oder in der Stellung der Kleinen Kobra auf dem Bauch liegend mit angehobenem Brustkorb die Arme nach vorne auszustrecken und mit den Händen über die kurz gemähten Grashalme zu streichen. Zudem entdeckt man selbst ungewohnte Perspektiven: beispielsweise, wenn man auf dem Rücken liegend seine hoch in die Luft gereckten Füße betrachtet vor dem Blau des Himmels, über das kleine Wolken ziehen.

Das Urteil einer Achtjährigen: „Schön!“

Und wie ist es anderen Teilnehmern ergangen? Entspannter und vor allem beweglicher fühle er sich jetzt, antwortet Kai Layer auf diese Frage. Der Beutelsbacher ist mit dem Fahrrad hinauf zur Burgruine gestrampelt, um etwas gegen seine Verspannungen durch das viele Sitzen im Büroalltag zu tun. Es ist bereits das zweite Mal, dass er an einer Sommeryogastunde teilnimmt. Dabei ist Yoga an sich für ihn nichts Neues, aber in solch einer Umgebung schon. „Der Blick ins Remstal ist einfach schön. Das ist hier traumhaft.“ Zu den Stammgästen beim Yoga auf dem Kappelberg gehört Anja Wilferth, die jeden Sonntag mitmacht. Ruhiger und gelockerter sei sie jetzt. „Man macht etwas zur Entspannung und für Rücken und Schultern, und die Umgebung ist dabei natürlich der letzte Kick“, kommt sie ins Schwärmen, derweil ihre achtjährige Tochter Paula das Erlebte kurz und knapp in einem Wort zusammenfasst: „Schön!“

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