Zusammen sind sie Yello Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Das Schweizer Pop-Duo Yello hat in der Porsche-Arena gespielt und gezeigt, dass es auch den Live-Auftritt beherrscht

Stuttgart - Sie bastelten 37 Jahre lang im Verborgenen an ihren Wundern. Dann erst vernahmen Dieter Meier und Boris Blank den Ruf der Bühne. Vor einem Jahr gab das Schweizer Elektroduo, das Geschichte schrieb, seine ersten Live-Konzerte. Nun spielten Yello in der Porsche-Arena und erhoben sich in edler Coolness über alles Schlechte, das man ihnen nachsagt.

Die Kritiken, die Meier und Blank für ihr erstes Live-Konzert am 26. Oktober 2016 in Berlin erhielten, waren einheitlich vernichtend. Von leblos den Vorlagen nachgestellter Musik, las man da, steril, fern jeder Inspiration. Nun, ein Jahr später, treten sie in gleicher Besetzung, mit ähnlicher, kürzerer Setlist auf. Schlimm wie gehabt? Oder geht es letztlich vor allem um Erwartungshaltungen, wenn über die Live-Show von Yello geurteilt wird?

Der Mann an der großen Percussionbatterie, der Schlagzeuger, der Gitarrist, die Background-Sängerinnen, die fünfköpfige Bläsersektion – sie alle sind natürlich Zierrat, mit dem Meier und Blank sich auf der Bühne umgeben, sie illustrieren das Konzept Yello. Sie klingen großartig, sauber, versiert, und sie erhalten kaum je Gelegenheit, aus dem Rahmen zu treten, den Boris Blank, Klangforscher des Duos, in Stunden findigen Tüftelns erschaffen hat. Aber ist das zu wenig? Ein Gitarrist, der mit grellen, schnellen Saitensprüngen vorführt, dass Yello nicht nur Disco, sondern auch Metal können, bei „Si Senor the hairy Grill“ von 1987? Oder das Baritonsaxofon, das die Elektrobeats bei „The Race“ leibhaftig auswuchtet?

Eigenwillige, aber überzeugende Bühnenform

Dieter Meier und Boris Blank haben die Bühne nicht abgeschrieben, obwohl sie sich nicht nur in Berlin Verrisse abholten. Sie haben weiter gemacht, und sie haben, wie Meier irgendwann mit kurzem, trockenen Understatement anmerkt, vielleicht dazu gelernt. Sie haben zu einer Bühnenform gefunden, die sehr eigenwillig ist, aber doch überzeugt. Dieter Meier ist ein vermögender Mann, ein reiner Hedonist mutmaßlich, gewiss aber keiner, der nur aus Altersstarrsinn ins Rampenlicht treten würde. Er will seinen Spaß, er hat ihn, zweifelsohne. Und dem Publikum, das seine Person im Mittelpunkt einer Welt sieht, die aus skurrilen Künstlervideos, Studiomusikern, scharfkantigen Beats, heißblütig-kühlen Rhythmen besteht, ergeht es nicht anders.

Da steht dieser ältere Herr im feinen Zwirn, 72 Jahre alt, zuckt zu den Rhythmen in lässiger Zurückhaltung mit den Schultern, dreht den Kopf mit dunkler Brille, weißem Haar zur einen, den angewinkelten Arm mit Mikrofon zur anderen Seite, verharrt regungslos in lakonischer Pose; nur seine schwarze Schuhspitze wippt unablässig. Dieter Meier ist der Crooner im animierten Elektrowunderland; singt er „30 000 Days“ von Yellos aktuellem Album „Toy“, ein Stück, das davon handelt, wie kurz, wie lang ein Leben ist, dann klingt er fast schon wie der späte Leonard Cohen.

Zwei stilvoll ergraute Männer

Die malawische Sängerin Malia und Fifi Rong, Videokünstlerin, Sängerin, Performerin aus London, begleiten Dieter Meier und Boris Blank auf ihrer Tournee. Fifi Rong inszeniert sich als Tänzerin in weiten roten Gewändern vor ihren eigenen Videoarbeiten, Malia singt nicht nur den großen Yello-Hit „Vicious Games“, sie singt auch „The Rhythm Divine“, und obschon sie nicht Shirley Bassey ist, die das Stück 1987 auf dem Album „One Second“ für Meier und Blank sang – Hollywood für die Ohren, made in Switzerland, ist es noch immer.

Der Sound, mit dem Yello die Porsche-Arena bespielen, ist von erstaunlicher Klarheit und Kraft. Harsche Samples, kantige Beats, verstörende Effekte und weiche Harmonien spülen durch die Halle, manchmal blitzen quadrofonische Echos auf. Boris Blank meldet sich selten zu Wort, konzentriert sich auf die Arbeit hinter seinem Pult. Aber er präsentiert sehr clever und stolz ein Sample, das er seit Jahrzehnten bei Yello-Songs einsetzt – und schon hört man ein Gewitter in der Porsche-Arena. Er verlässt seine Burg schließlich, um gemeinsam mit Dieter Meier, ganz ohne Begleitmusiker, den Yellofier zu präsentieren, die App, von ihm selbst entwickelt, die jeden zu einem Elektropionier macht. Da stehen sie, zwei stilvoll ergraute Männer, die sich gemeinsam über ein Tablet beugen, ihr liebstes neues Spielzeug.

„Wir sind ja eine junge Band“, sagte Dieter Meier schon zuvor – ironische Entschuldigung für ein doch etwas kurzes Konzert, das nach 17 Songs und einer Zugabe endet. Nur das letzte Stück des Abends lässt den Musikern Raum für Spontaneität. Eine Zeitmaschine ist dieses Stück außerdem: Kaum erklingen sie, die ersten Takte von „The Race“, wähnt sich jeder, der alt genug ist, auch schon zurückgeschleudert ins Jahr 1988, als der deutsche Teenager „Formel Eins“ guckte, die Musikvideoshow der ARD, moderiert von Kai Böcking, als Rick Astley und Milli Vanilli die Hitparaden beherrschten und Yello mit ihrer Titelmusik vorüberratterten. Ein Konzert von Yello 2017 ist ein Tanz zwischen den Zeiten, nostalgisch, futuristisch und ohne ein Augenzwinkern kaum zu verstehen.

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