Er war Rapper und Gangster, reich und arm. Ein Jahr nach seinem frühen Tod zeigt die ARD in der Nacht zum Mittwoch die Dokumentation „Xatar – Ein Leben ist nicht genug“.
Die Geschichte des Rappers Xatar ist oft erzählt worden, am wirkungsvollsten wahrscheinlich in Fatih Akins Filmbiografie „Rheingold“, die auf Xatars autobiografischem Roman „Alles oder Nix“ basierte. In diesem Film wurde unter anderem erzählt, dass der Rapper vor seinem kommerziellen Durchbruch gemeinsam mit Komplizen bei Ludwigsburg einen Goldtransporter überfallen hat. Im Dezember 2009 war das. Nach Flucht und Geständnis saß er Jahre lang im Gefängnis – unter anderem in Stuttgart-Stammheim.
Ein knappes halbes Jahr nach seiner vorzeitigen Haftentlassung Ende 2014 erschien im Mai 2015 sein Album „Baba aller Babas“, das es auf die Spitzenposition der Deutschen Albumcharts schaffte. Der Film „Rheingold“ von 2022 erzählte von einem vor Kreativität sprudelnden und immens erfolgreichen ehemaligen Straftäter. Mit dem Erfolg des Films, der dem Rapper mindestens ebenso zugeschrieben wurde wie dem Regisseur, erreichte Xatar nach vier Jahrzehnten wechselvollen Lebens vollends eine Art frühen Legendenstatus in der Hip-Hop-Szene und außerhalb eine beachtliche Prominenz.
Xatar verantwortete Musik und Tiefkühlkost
Die dreiteilige ARD-Dokumentation „Xatar – Ein Leben ist nicht genug“, die nun zum ersten Todestag des am 7. Mai 2025 gestorbenen Rappers gezeigt wird, macht eine späte Wendung in dessen Leben zu einem ihrer Schwerpunkte, die man nach dem Erfolg von „Rheingold“ als ironisch und traurig bezeichnen könnte: „Nach ,Rheingold‘ ging alles kaputt“, sagt ein Weggefährte in der Dokumentation. Xatars Imperium, dessen Zentrum aus einem Goldmann Tower genannten Hochhaus in Köln mit Dutzenden Tonstudios bestand, aber auch Imbisse und Tiefkühlkost umfasste, brach zusammen. „Unternehmerischer und wirtschaftlicher Totalschaden“, sagt einer im Film. So wie seine Mutter, eine Musikerin, einst tagsüber putzen ging und nachts auf dem Radieschenfeld arbeitete, wirkte ihr durchsetzungsstarker Sohn mit bürgerlichem Namen Giwar Hajabi gleichzeitig als Rapper, Produzent und Unternehmer vielerlei Prägung, der sich phasenweise offenbar nur dann für ein paar Stunden schlafen legte, wenn es ihm nach ein paar Tagen nicht mehr gelang, wach zu bleiben.
Durch Aussagen von Zeitzeugen, Archivmaterial und Bewegtbilder, die noch vor Xatars Tod für diese Dokumentation gefilmt wurden, vermittelt „Xatar – Ein Leben ist nicht genug“ das Bild eines manischen Verwirklichers, dem dauernd derart viele Ideen ins schlaflose Hirn geschossen sein mögen, dass er die Entscheidung, was gute Einfälle und was schlechte Einfälle waren, womöglich schon aus Zeitgründen für verzichtbar hielt. Mit großer Sympathie für seinen Protagonisten zeigt dieser Film auch, wie sich Xatar immer wieder aufrappelte, nach der Haftstrafe und auch nach seinem wirtschaftlichen Zusammenbruch: Gleich zu Beginn der ersten von drei Folgen deutet eine spektakuläre Schnittfolge an, auf welch hohem Respektniveau hier gearbeitet wird: Da wird zunächst der nervös rauchende bärtige Mann, dessen Künstlername auf Kurdisch „Gefahr“ bedeutet, in einem Kleinbus gezeigt, dann sieht man ihn vor einer Backsteinwand, merkt, dass sie die untere Hälfte der Hamburger Elbphilharmonie darstellt, kapiert, dass Xatar gleich dort spielt. Elf Monate vor seinem Tod war das: „Hochkultur, anerkannt, ja!“ sagt ein Zeitzeuge.
Xatar selbst, der im Lauf der Jahre immer wieder mit dem Goldraub und der nie gefundenen Beute kokettierte, sagt in diesem Film, dass er zunächst finanzielle Stabilität für seine Kinder angestrebt habe: „In dem Moment, wo’s bisschen mehr als das war, war’s dann aber auch so, dass aus dem Kampf nach oben ein Krieg dort zu bleiben geworden ist.“ Später sagt er: „Wäre ich nicht in den Knast gekommen 2010, wäre ich 2010 gestorben – oder andere Menschen wären gestorben.“
Fast erscheint sein Tod mit 43 in dieser Dokumentation als nur ein weiterer Tiefpunkt, den Xatar mit neuer Aktivität überwinden könnte: Beim Ausräumen seines letzten Tonstudios sagt seine Witwe Farvah Heidari: „Weißt du, am Ende des Tages ist das ein Umzug, und letztendlich hatte Giwar auch einen Umzug, einfach nur einen Übergang.“ Der Film räumt ihren Erinnerungen und denen seines langjährigen Freundes Samy, mit dem er im Bonner Stadtteil Brüser Berg groß geworden ist, so viel Platz ein, so vehement er große Träume gegen eine traurige Wirklichkeit verteidigt. Zu Xatars frühem Tod sagt seine Witwe: „Ich kann es mir nicht erklären, ich möchte es mir auch nicht erklären, und ich möchte auch nicht, dass es mir irgendwer erklärt.“ Als Todesursache nennt sie in dieser Dokumentation Herzstillstand.
Ausstrahlung und Streaming
Dokumentation
Die ARD zeigt die „Platz ins Geschäft“ betitelte erste Folge der Dokumentation „Xatar – ein Leben ist nicht genug“ am Mittwoch, 6. Mai um 0.05 Uhr. Die Folgen zwei und drei werden am 7. Mai in den dritten Programmen von NDR und WDR gesendet. Alle drei Folgen sind in der ARD-Mediathek verfügbar.