Vorschlaghammer marsch: Ein Kunde des Wutraums in Halle lässt seinen Frust an einem Auto aus Foto: prz

Endlich mal die Sau rauslassen und alles kaputt schlagen. Im Alltag ist sowas verpönt. Doch wohin mit dem Frust? Wenn ein Nickerchen nicht hilft, versprechen „Wuträume“ Linderung.

Halle - Silvio möchte den Vorschlaghammer gar nicht mehr aus der Hand geben. Die Seitenspiegel des Mitsubishi hat der 45-Jährige schon zertrümmert. Nun sind die Scheinwerfer dran. Es knallt und klirrt, Plastik- und Glasteile fliegen durch die Luft. Dann das große Finale: Attacke auf die Frontscheibe! Als die Spitze des Hammers das Glas durchschlägt, freut sich Silvio wie ein kleiner Junge. „Was für ein Spaß“, ruft er und wischt sich den Schweiß von der Stirn.

Silvio hat zuvor noch nie ein Auto zerlegt. Als Lehrer versucht er seine Schüler zu rechtschaffenen Menschen zu erziehen. Vandalismus passt da nicht ins Bild. In der Tat würde die Klasse wohl staunen, wenn sie ihren Pädagogen so sähe: Ganzkörperanzug, Schutzbrille, Handschuhe. Dazu dieses schelmische Grinsen, das sich bei jedem Schlag auf Silvios Gesicht ausbreitet. Und das Ganze ist auch noch legal: Der alte Mitsubishi steht auf dem Hof von „Schlag dich fit“, Deutschlands erstem Wutraum, in dem sich Kunden gegen Bezahlung abreagieren können.

Mit dem Vorschlaghammer Autos kurz und klein schlagen

Angefangen hat alles mit einer leer stehenden Schlachtfabrik in Halle. Die beiden Freunde Marcel Braun (32) und Ronny Rühmland (37) mieteten das Gebäude im vergangenen Jahr an, um sich den Traum der Selbstständigkeit zu erfüllen. Im Internet hatten sie von einem „Anger Room“ im texanischen Dallas gehört: ein Wutraum, dessen Inventar nach Lust und Laune zerstört werden darf. Wie in den USA stehen den Kunden auch in Halle verschiedene Waffen zur Auswahl. Per Knüppel, Vorschlaghammer, Golf- oder Baseballschläger dürfen die Möbel kurz und klein geschlagen werden. Oder auch ein Auto, ganz nach Geschmack.

Von dem Mitsubishi ist inzwischen nicht mehr viel übrig. Die Glassplitter glänzen in der Sonne. Auch Silvios Frau Katrin (44) und seine Tochter Maja (18) haben zugeschlagen – ein Nachmittagsausflug für die ganze Familie. Katrin, die ebenfalls als Lehrerin arbeitet, legt nach einer Stunde erschöpft den Baseballschläger zur Seite. Ihre Wangen sind gerötet, an der Hand hat sich eine Blase gebildet. Zufrieden ist sie dennoch: „Die Scheiben waren am besten. Je länger man auf das Auto einschlägt, desto mehr Spaß macht es.“ Silvio glaubt, dass so mancher Schüler hier gut aufgehoben wäre: „Bei vielen stauen sich die Aggressionen auf. Das ist es gut, wenn man sie auch mal rauslassen kann.“

Manche bringen Fotos von ihren Feinden mit

Nicht nur Schüler kennen dieses Gefühl. Oft brodelt es unter der Oberfläche. Frust im Büro. Streit mit dem Partner. Verständlicherweise kann man dem Zorn nicht immer freien Laufen lassen, erst recht nicht mit Gewalt. Doch die Sehnsucht, einfach mal auszuticken, ist offenbar groß. „Manche bringen Fotos von Menschen mit, die sie überhaupt nicht leiden können“, erzählt Rühmland. „Oder sie schreiben Namen auf die Möbel, bevor sie sie zerschlagen. Wir hatten aber auch schon ein Candle-Light-Dinner zum Valentinstag. Erst hat das Paar bei Kerzenschein gegessen, danach durften sie alles zerschlagen.“ Die Zielgruppe ist bunt gemischt. Vom 18-jährigen Jungspund bis hin zum 50-jährigen Chefarzt sei alles dabei. Mit Gewaltorgien habe das nichts zu tun, beteuert Rühmland. „Hier läuft alles in einem geschützten Raum ab. Alkohol ist tabu. Die Leute müssen mindestens 18 Jahre alt sein und Schutzkleidung tragen.“ Demnächst werde „Schlag dich fit“ sogar einen Seminarraum für Anti-Aggressionstrainings eröffnen.

Klirrendes Glas, zerbeultes Blech, Trümmer und Scherben – ein echter Männertraum, könnte man meinen. Doch die Vermutung täuscht. „Die meisten Kunden sind Frauen“, sagt Hartmut Mersch (35), der im März 2015 in München einen Wutraum eröffnet hat. „Viele kommen in Gruppen, zum Beispiel, um ihren Junggesellinnen-Abschied zu feiern oder einfach mal was Verrücktes zu machen.“ Passend zu München darf der Society-Faktor im Wutraum nicht fehlen: Im Eingangsraum liegen Sektflaschen bereit, im Kühlschrank warten Energy-Drinks und Weissbierflaschen. 139 Euro kostet eine Session im Berliner und im Münchner Wutraum – der Preis wird mit dem Aufwand gerechtfertigt, der beim Möbeltransport und der Reinigung anfällt.

„Das Geld war gut investiert“

„Das Geld war gut investiert“, sagt Nicole, eine Kundin des Münchner Wutraums. Die 36-Jährige hat ihre Scheidung mit dem Baseballschläger verarbeitet und dazu mehrere Freundinnen mitgenommen. „Erst haben wir den Raum kaputt geschlagen, danach einen Prosecco getrunken. Wir haben uns echt total verausgabt.“ Das Beste aber sei der langfristige Effekt: „Die Wut war weg – und das ist sie auch heute noch.“ Wutraum-Gründer Mersch spricht gar von „körperlichem Extremsport“. Zum Beweis zeigt er die Videoaufnahme eines Geschäftsmanns, der sich im Wutraum verausgabt. Schon nach wenigen Minuten ist das weiße Hemd durchnässt. 30 Minuten später tropft der Schweiß – und der Wutraum: kurz und klein.

„Am Anfang hatten wir große Probleme, an Möbel zu kommen“, erzählt Mersch. Bei zwei bis vier Kunden pro Tag darf der Nachschub nicht abreißen. Inzwischen aber gebe es viele Möbel- und Schrotthändler, die ihre Ware bereitwillig ablieferten. Das sei für beide Seiten gut: „Wir haben die Möbel, und die Händler müssen sich nicht um die Entsorgung kümmern.“

In den USA waren die wissenschaftlichen Kommentare zum „Anger Room“ anfangs wenig euphorisch. „Bei manchen Leuten kann die Aggression durch so etwas sogar noch gesteigert werden“, warnte die Psychologin Jennifer Hartstein. Wenn man den Raum verlasse, bestehe das Problem schließlich fort. Stattdessen solle man Sport treiben, Yoga machen oder tief Luft holen, um die negativen Emotionen in den Griff zu bekommen. „Wer sowieso schon leicht ausrastet, sollte nicht auch noch in einen Wutraum gehen“, resümierte Hartstein.

Wissenschaftler begrüßen das Konzept

Ganz anders die Resonanz in Deutschland, wo renommierte Wissenschaftler das Konzept begrüßen. Jens Weidner, Professor für Kriminologie und Anti-Aggressionstrainer, verweist darauf, dass Wut in jeder Altersklasse, Kultur und sozialen Schicht vorkommt: „Wenn man sie nicht an Kollegen oder der eigenen Familie auslassen will, muss man dafür eine produktive Form finden.“ Viele Menschen spürten instinktiv, dass Sport ein Ventil für Wut sein könne. „Oder aber sie fressen sie in sich hinein.“ Das berge aber die Gefahr von „auto-aggressivem Verhalten.“ Sprich: Die Menschen lassen den Frust an sich selbst aus, entwickeln Essstörungen oder greifen zur Flasche.

Für Weidner stellen Wuträume daher eine gute Möglichkeit zum Aggressionsabbau dar – „auch wenn sie nicht wirklich zum politisch korrekten Deutschland passen“. Andererseits seien sie nicht für jeden geeignet. Gewalttäter etwa hätten dort nichts verloren. „Was die brauchen, ist eine Änderung des Lebensstils und eine Anti-Aggressionstherapie über mehrere Wochen.“ Der Kölner Aggressionstherapeut und Diplompsychologe Michael Kopper argumentiert ähnlich. „Die Verdrängung der Aggression ist das Schlimmste, was man machen kann.“ Wuträume findet er gut, weil sie helfen, Erregung abzubauen. „Wenn der Zerstörungstrieb befriedigt ist, lässt die Wut nach.“ Daher sei es theoretisch keine schlechte Idee, „einmal pro Woche als Hobby-Therapie in den Wutraum zu gehen“.

Bleibt nur ein Problem: Der Wutraum wird von Krankenkassen nicht als Therapie anerkannt. Nachdem man sich ausgepowert hat, steht man also mit leerem Portemonnaie vor dem Scherbenhaufen. Wenn das kein Grund ist, direkt wieder wütend zu werden.

Info: Wuträume in Deutschland

– Berlin: Crashroom, Telefon: 0178 6544 066, www.crash-room.de, Email: info@crash-room.de, Termine nach Vereinbarung, Preis: 99 bis 129 Euro.

– Halle: Schlag dich fit, Telefon: 0171 6495 906, www.schlag-dich-fit.de, Email: info@schlag-dich-fit.de, Termine nach Vereinbarung, Preis: 99 Euro (Auto) bis 139 Euro (Wutraum)

– München: Wutraum München, Telefon: 0176 8197 5546, www.wutraum-muenchen.de, Email: info@wutraum-muenchen.de, Termine nach Vereinbarung, Preis: 139 (Büro/Wohnzimmer) bis 199 Euro (Geburtstag, Scheidungsparty).

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