Hier geht’s steil den „Buggel nuff“: Die „Kehle“ am Aidlinger Ortsausgang ist bei Radfahrern berühmt-berüchtigt. Foto: Stefanie Schlecht

„Geldverschwendung“ und „Moschtköpfe“: Die geplante Entschärfung der steilen Radwegpassage von Aidlingen nach Dagersheim erhitzt im Netz die Gemüter.

Wer mit dem Rad von Aidlingen nach Dagersheim fährt, muss dafür die Kehle überwinden. So nennen Ortskundige das steile Streckenstück am Aidlinger Ortsausgang. Mit 17 Prozent Steigung hat die Kehle schon Generationen von Schulkindern und Daimlerpendlern Schweißausbrüche beim Hinauf- und Adrenalinstöße beim Hinunterfahren beschert. Jetzt hat der Kreistag beschlossen, den Radweg für fast eine Million Euro zu entschärfen. Eine Mehrheit im Kreistag war dafür – nicht zuletzt, weil das Land 90 Prozent der Kosten übernimmt und damit lediglich knapp 100 000 Euro am Landkreis hängen bleiben.

 

In den Sozialen Medien und in Leserbriefen regt sich vernehmbarer Unmut über den Beschluss. „Es entscheiden immer Moschtköpfe“, kommentiert beispielsweise ein Facebook-User in der lokalen Community „Schwarzes Brett Aidlingen Umgebung“. „Dann bin ich für Sie also so ein Moschtkopf!“, antwortet Grafenaus Bürgermeister und Kreisrat Martin Thüringer (parteilos) auf den Kommentar. Thüringer schreibt, dass er sich die Entscheidung nicht einfach gemacht, letztlich aber dafür gestimmt habe. Schließlich habe zuvor auch Aidlingens Gemeinderat sich dafür ausgesprochen. „Aus der Nachbarschaft (Gemeindeverwaltungsverband) respektiert man solche Entscheidungen des Bürgergremiums und trägt sie mit“, schreibt der Rathauschef und verweist darauf, dass – würde man jetzt nicht bauen – der Kreis auf 200 000 Euro Planungskosten sitzen bleiben würde.

16 Gegenstimmen gab es im Kreistag. Sie kamen aus den Fraktionen von AfD und FDP – darunter auch von Magstadts Bürgermeister Florian Glock. „Wir müssen sparen und uns auf das dringend Notwendige konzentrieren“, hatte der FDP-Kreisrat angesichts der „dramatischen Haushaltslage“ in der Sitzung am 13. Oktober gesagt. 90 Prozent Förderung sei nur vermeintlich gut, weil ja trotzdem der Steuerzahler zahle. Man befürworte Radwege, aber eine Million Euro für 370 Meter sei Luxus, sagt Glock. „Und wem die Steigung zu groß ist, kann das kurze Stück schieben“, meinte Glock und fügte hinzu, dass ja ohnehin immer mehr Menschen ein E-Bike haben und steile Anstiege damit kein Problem seien.

In vielen Facebook-Kommentaren ist von Geldverschwendung durch Politiker und Behörden die Rede. Offenbar sieht man das auch beim Bund der Steuerzahler so. In einem lokalen Zeitungsbericht bezeichnet die Lobbyorganisation den Fall als „klassischen Fehlanreiz durch Mischfinanzierung“.

Landratsamt widerspricht Steuerzahlerbund deutlich

Auf dem Böblinger Landratsamt widerspricht man dieser Darstellung deutlich. „Als Verwaltung ist es uns wichtig, faktenbasiert zu handeln und die Öffentlichkeit transparent zu informieren“, sagt Landkreissprecher Benjamin Lutsch. Schnelle, pauschale Urteile würden dabei nicht weiterhelfen, sondern nur Vorurteile befördern. „Vom Steuerzahlerbund darf man erwarten, sich aus erster Hand über die Fakten zu informieren; leider haben wir keine Anfrage im Vorfeld erhalten“ erklärt der Landkreissprecher und fügt hinzu: „Unsere Entscheidungen beruhen nicht auf Bauchgefühl, sondern auf fundierter Planung, Abwägung und Verantwortungsbewusstsein gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern.“

Auf Nachfrage dieser Zeitung geht das Landratsamt sehr ausführlich auf die Radwegentscheidung ein. Die Verbindung Aidlingen-Dagersheim sei eine Hauptverbindung erster Ordnung im Radverkehrsnetz des Kreises und außerdem eine stark frequentierte Pendlerstrecke. Darüber hinaus verweist das Amt auf das von Land und Landkreis ausgerufene Ziel, den Radverkehrsanteil bis 2030 auf 20 Prozent zu erhöhen.

Kreissprecher nennt Würmtalradweg als positives Beispiel

Seit 2019 gebe es verstärkt Kritik an dem schlechten Zustand der Strecke. Der steile Anstieg sei ohne Ausbau für Kinder, Senioren oder beispielsweise auch Radfahrende mit Anhänger kaum zu bewältigen. Das Gefälle stelle zudem ein Unfallrisiko dar.

Allerdings kommt auch von Radfahrern harsche Kritik auf Facebook. Das Amt kontert mit dem Hinweis auf Bund und Land, wo man in dem Projekt einen „nachweisbaren Beitrag zur Verkehrssicherheit und Förderung des Radverkehrs“ sehe und durch die hohe Förderquote die Finanzierung überhaupt erst möglich mache. Grund für die hohen Baukosten sei die Topografie und die dadurch notwendige Hangsicherung. Der Aufwand konzentriere sich hier eben auf eine Schlüsselstelle. „Das ist im Radwegebau nicht anders als im Straßenbau“, zieht Lutsch den Vergleich zu einer Autobahnbrücke. Da würde auch niemand einen Ausbau infrage stellen, nur weil es sich um ein kurzes Teilstück handelt.

Als Beispiel für eine anfangs ebenfalls heftig kritisierte Maßnahme nennt das Landratsamt die Asphaltierung des Würmtalradwegs zwischen Aidlingen und Grafenau, die heute jedoch stark genutzt und gelobt werde. „Solches Lob ist im Infrastrukturbau selten und zeigt, dass diese Entscheidung – trotz aller Widerstände – wohlüberlegt und zweckdienlich gewesen ist“, so Kreissprecher Lutsch.

Zahlen und Zeitdruck

Finanzierung
Für den geplanten Neubau eines 370 Meter langen Radwegs zwischen Aidlingen und Dagersheim sind Gesamtkosten von 915 000 Euro veranschlagt, wobei der Kreis durch Fördergelder von Bund und Land voraussichtlich nur einen Eigenanteil von 100 000 Euro tragen muss. Ziel ist es, die Steigung des Weges von 17 auf sieben Prozent zu reduzieren.

Zeitplan
Der Kreistag stand unter Entscheidungsdruck, weil für die Fördergelder aus dem Landesgemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz sowie dem Bundesprogramm Stadt und Land eine Ausschreibung bis zum Jahresende erfolgen musste.