Frank Roth, einer der beiden Rehm-Geschäftsführer, schwärmt von der hauseigenen Maultasche. Foto: Marion Brucker

Der Aichwalder Wursthersteller Rehm hatte vor zwei Jahren Insolvenz angemeldet. Doch inzwischen gelingt es, dank einer gestrafften Produktpalette und einer neuen Strukturierung wieder schwarze Zahlen zu schreiben.

Aichwald - Rehm – Es geht um die Wurst“ steht am Eingang des Firmengebäudes des gleichnamigen Wurstherstellers in Aichwald-Aichschieß. Doch darum geht es nicht mehr allein – das ist den beiden Geschäftsführern des familiengeführten Betriebs, Frank Roth und seinem Onkel Wolfgang Rehm, klar. Die Ernährungsgewohnheiten haben sich geändert. So ist der Wurstkonsum seit Jahren leicht rückläufig, sagt Roth. Deshalb werden sie auf der Anuga, der größten Messe der deutschen Lebensmittel- und Getränkebranche in Köln, Anfang Oktober zwei neue Produkte aus dem Hause Rehm vorstellen, darunter ein veganes.

 

Der Mittelständler ist dabei, sich im hart umkämpften Markt in der Lebensmittelbranche neu auszurichten, nachdem die Eugen Rehm Esslinger Fleischwaren GmbH & Co.KG – so der vollständige Name – vor zwei Jahren Insolvenz wegen bilanzieller Überschuldung angemeldet hatte. Am 1. April 2020 wurde der Geschäftsbetrieb von der Rehm Fleischwaren GmbH übernommen und seitdem von Wolfgang Rehm und seinem Neffen Frank Roth geführt.

13 Millionen Euro Umsatz

Mit einer gestrafften Produktpalette ist es den beiden gelungen, den Betrieb in die schwarzen Zahlen zurück zu bringen. Außerdem konnten sie neue Kunden innerhalb des Handels dazu gewinnen. Sowohl in Lebensmitteldiscountern werden unter deren Handelsmarken die Waren ebenso verkauft wie unter dem Namen Rehm im gesamten Einzelhandel. „Wir sind nicht exportgeprägt, sondern konzentrieren uns auf den regionalen Raum“, erklärt Roth. Im Rumpfgeschäftsjahr von vom 1. April bis zum 31. Dezember vergangenen Jahres erwirtschafteten sie rund 13 Millionen Euro Umsatz. Für das laufende Jahr wird ein Umsatz von rund 18 Millionen Euro angepeilt.

Sie seien noch in der Neustrukturierung, sagt Roth. Dazu haben sie sich auf ihre Kernkompetenz fokussiert, das Herstellen von Wurstvollkonserven in der Dose, den sechs Wochen haltbaren ofenfrischen Leberkäse und Maultaschen, darunter auch vegetarische. Hinzu kämen Saisonprodukte wie Oberländer und Landjäger. Beim Endverbraucher komme der ofenfrische Leberkäse besonders gut an. Er sei, wie die Maultasche, ein Produkt für die gesamte Familie und generationenunabhängig. Roth fängt an zu schwärmen: Für ihn ist die hauseigne „Schwäbische Maultasche in Metzgerqualität, gerollt“ nicht nur seine Lieblingsmaultasche, sondern auch die beste im Einzelhandel. Er wisse, was drin sei und von wem sie hergestellt werde – nämlich von seinen Metzgern und Metzgermeistern. Angelernte Kräfte würden dafür nicht eingesetzt.

Rehm sieht sich nicht als Fleischwarenfabrik, sondern als großen Metzgereibetrieb, der traditionelles Handwerk mit modernster Technik verbindet und mit Hilfe individuell konstruierter und gefertigter Sondermaschinen und Spezialanlagen seine Waren herstellt. Dafür hat das Unternehmen in jüngster Zeit kräftig investiert. In Maschinen und die Modernisierung des Verwaltungsteils, die Ende September abgeschlossen sein soll, sind ein mittlerer sechsstelliger Betrag geflossen. Und man wolle weiter investieren.

Zahl der Mitarbeiter aufgestockt

Auch die Zahl der Mitarbeiter sei aufgestockt worden. Mittlerweile sind es 100, darunter rund 30 Prozent Metzger und Metzgermeister. Einfach zu finden seien diese nicht. „Der Beruf ist am Aussterben“, sagt Roth. Hinzu komme, dass in den vergangenen zwei Jahren nach 30 bis 40 Jahren Betriebszugehörigkeit – die Fluktuation bei Rehm sei gering – viele in Rente gegangen seien. Doch dank der Empfehlung von Betriebsangehörigen ließen sich immer wieder neue Metzger gewinnen. Eigene auszubilden, wolle Rehm erst dann wieder, wenn die Strukturierung abgeschlossen sei.

Auch wenn die Neuausrichtung läuft und Rehm mit hohen Schweinepreisen nicht wie zu Insolvenzzeiten zu kämpfen hat, ist das Unternehmen wie auch andere von Problemen auf dem Holzmarkt betroffen. Es sei schleichend gewesen, doch statt bisher ein bis zwei Wochen habe ihr Verpackungsmaterial aus Pappe aktuell Lieferzeiten von acht bis zwölf Wochen. Auch bei den Aludosen hätten sich diese massiv verlängert. Rehms Kunden hätten davon nichts zu spüren bekommen. Die Aichwalder planen nach eigenen Aussagen entsprechend voraus.

In einem Metzgerei-Gasthof hat alles angefangen

Historie
 Eugen Rehm begann seine berufliche Laufbahn als Pächter des Metzgerei-Gasthofs „Zur Traube“ in Esslingen-Wäldenbronn. Das war 1938. 1949 baute der Metzgermeister gegenüber der Gaststätte. Nach und nach stiegen die Kinder von Eugen Rehm und seiner Frau Maria ins Geschäft ein. Walter Rehm war von 1955 bis 2008, Heinz Rehm 1959 bis 2003 und der Gatte von Tochter Margot, Schwiegersohn Josef Christel, von den 1950er-Jahren bis Ende der 1990er-Jahre im Betrieb, der unter anderem Dosenwurst herstellt und bis 2010 eigene Metzgereifilialen betrieb.

Umzug
Im Jahr 1973 zogen die Produktion und die Verwaltung ins Gewerbegebiet von Aichschieß. Wolfgang Rehm machte zunächst in den 1990er-Jahren im Familienbetrieb eine Ausbildung und war ab 2005 gemeinsam mit seinem Schwager Hartmut Roth, der 2016 in Rente ging, Geschäftsführer. Nachdem die Eugen Rehm Esslinger Fleischwaren GmbH & Co.KG wegen Zahlungsproblemen im September 2019 Insolvenz angemeldet hatte, wurde das Unternehmen am 1. April 2020 als Rehm Fleischwaren GmbH neu gegründet. Die Geschäftsführung übernahmen Wolfgang Rehm und Hartmut Roths Sohn Frank.