Pastellbild von Lorenza Böttner Foto: WkV Stuttgart / Courtesy: Privatsammlung

Lorenzas Böttners Leben und Werk stellt aus Sicht des Philosophen und Gender-Aktivisten Paul B. Preciado alle Grenzen und Regeln in Frage. Jetzt präsentiert er Lorenza Böttner im Württembergischen Kunstverein.

Stuttgart - Hart greift der muskolöse Mann nach seinem Partner, fast etwas ungelenk zugleich. Bloße Lust oder doch auch Erfüllung eines szenisch ­gefestigten Bildes gleichgeschlechtlicher Sexualität?

Spannung zwischen hartem Sex und Schönheit

Ein anderer Körper taucht auf, sanft wirkt er zwischen den muskelbetonten Sexpartnern. Ein anderer Ton klingt an, von Verletzlichkeit, von Schönheit. Ist er/sie ­Beobachter/in? Ist er/sie Beteiligte/r? Beides wohl, aber es bleibt offen. Wie so vieles in den zeichnerischen, malerischen, foto­grafischen, filmischen und performativen Äußerungen der als Ernst Lorenz Böttner geborenen Lorenza Böttner.

Späte Wiederentdeckung

Paul B. Preciado, bis 2013 unter dem ­Namen Beatriz Preciado für zahlreiche Veröffentlichungen zu Fragen geschlechtlicher Identität und das 2000 veröffentlichte „Kontrasexuelle Manifest“ bekannt, entdeckte das Schaffen Böttners um 2012 für sich – acht Jahre nach deren Tod.

Ist unsere geschlechtliche Identität nur verordnet?

Preciado versteht Leben und Werk von Ernst Lorenz/Lorenza Böttner als Kosmos geschlechtlicher Indifferenz und als Absage an alles Normative, zuvorderst an das sich in der Skizzierung Preciados aus den (Unterdrückungs-)Regeln der Heterosexualität ­ergebende (Ausbeutungs-)System des ­Kapitalismus.

Als ein Co-Kurator der Weltkunstausstellung Documenta 14 bringt Preciado 2017 Böttner wieder nach Kassel. Wieder? ­Böttner studiert dort Kunst – von 1978 bis 1984 –, agiert im öffentlichen Raum und sucht 1984 in einer Flut von Briefen und mit Auftritten vor dem Fridericianum eine ­Möglichkeit zur Teilnahme an der ­Documenta 8. Vergeblich.

Württembergischer Kunstverein Stuttgart als Premierenbühne

Jetzt präsentiert Preciado die erste um­fassende Einzelausstellung zum Werk von Lorenza Böttner. Der Württembergische Kunstverein Stuttgart ist eine folgerichtige deutsche Premierenbühne. Immer wieder ­befragen ja die Direktoren Iris Dressler und Hans D. Christ mit künstlerischen Positionen gesellschaftliche Strukturen.

Nun also Lorenza und die Frage ­geschlechtlicher und sexueller Identität, zugleich aber eine sehr harte Auseinandersetzung mit körperlicher Versehrtheit.

Als Kind klettert Lorenza auf einen Strommast und verliert in der Folge beide Arme

Fasziniert vom Federleichten des Vogelflugs klettert Lorenza mit acht Jahren auf einen Strommast. Das Kind hat fast die Spitze erreicht, als eine aufgeregte Vogelmutter ihr Nest verteidigen will. Das Kind bekommt Angst, fällt – und hält sich an den Kabeln fest. Die Verbrennungen sind so stark, dass letztlich beide Arme von der Schulter an amputiert werden müssen. Was ist dieser Körper? Das wird das Thema des beziehungsweise der Heranwachsenden. Im Tanz zunächst, dann immer mehr im Bild­nerischen.

Lorenza malt mit dem Mund und mit den Füßen

Lorenza Böttner hält Stift oder Pinsel mit dem Mund und mit den Zehen, malt aber auch direkt mit den Füßen. Immer ist ­Verwandlung im Spiel, häufig gibt eine ­Bühne Schutz, um den Dauerauftritt „Lorenza“ zu legitimieren und durchzustehen. Wenn sowieso alle starren, sagt Lorenza einmal, ist der Auftritt an und über mutmaßlichen Grenzen nur legitim.

Es ist ein Ringen. Und dieses Ringen treibt an. Zu monumentalen Porträts, zu fotografischen Serien, die über das Skulpturale das Körperwesen Mensch feiern. Lorenza holt sich ihren Körper zurück, erspürt dessen auch erotische Wirkung und arbeitet mit ihr.

Formale Grenzen sprengt das Werk nicht

„Requiem für die Norm“ ist die Schau ­betitelt. Ein Abgesang also, durchdrungen von der Schönheit. Ein Widerspruch deutet sich an: Keineswegs ja sprengt Lorenza in den Ergebnissen der künstlerischen Arbeit formale oder inhaltliche Grenzen. Ob die in den 1970er und 1980er Jahren spürbare ­Dominanz der Künstlerforscher oder die um 1990 stark zunehmende Rezeption des japanischen Butoh-Tanzes in der West-Kunst und die auch damit verbundene Verschärfung der Frage körperlicher Identität – ­Lorenza geht nicht darüber hinaus.

Keine ganz andere, eine sehr ruhige Präsentation

Und keineswegs auch ist „Lorenza ­Böttner. Requiem für die Norm“ „eigentlich keine Ausstellung“, wie es Paul B. Preciado gerne betont. Im Gegenteil – derart klas­sisch Blickbeziehungen beachtend und doch Themenfelder für sich gruppierend, hat man schon länger kein Projekt mehr im Vierecksaal des Kunstgebäudes Stuttgart gesehen.

Ein im Grunde leiser, sanfter Ton

Dies aber hilft auch, das mit der Frage ­verbundene Sanfte von den Selbstporträts bis hin zu ausdrücklichen Sex-Szenen als die durchgängige und eigentliche Qualität in Lorenza Böttners Schaffen zu identifizieren. Von hier aus auch erschließt sich zuletzt Preciados Überzeugung, in Lorenza Böttner die Kronzeugin des Austritts aus der normativen Gesellschaft und allen Folgen einer mit Hochtechnologie nach der Wiederherstellung körperlicher Unversehrtheit drängenden Medizin(Industrie) gefunden zu haben.

Schon als Kind Zweifel an der geschlechtlichen Identität

Für Lorenza Böttners Mutter, nach dem Tod „meines Sohnes“ 1994 viele Jahre fast alleinige Hüterin der künstlerischen Produktion, beginnt Lorenzas Austritt aus der Norm bereits vor dem schrecklichen Unfall. „Mit sieben Jahren“, erzählt sie am vergangenen Freitag in Stuttgart, „sagte mein Sohn zu mir: Mama, wenn ich groß bin, lasse ich mich umoperieren“.

Paul B. Preciado über Lorenza Böttner

„Lorenza, die ursprünglich Ernst Lorenz Böttner hieß, wurde 1959 in eine deutschstämmige Familie im chilenischen Punta Arenas geboren. Als er mit acht Jahren auf einen Strommasten kletterte, erlitt er einen Stromschlag, woraufhin ihm beide Arme bis zur Schulter amputiert werden mussten.

1973 reiste er mit seiner Mutter nach Deutschland, um sich einer Reihe von plastisch-chirurgischen Eingriffen zu unterziehen, und zog nach Lichtenau in die Nähe von Kassel. Böttner wuchs als „Behinderter“ auf und litt unter der gleichen Ausgrenzung wie die sogenannten „Contergan-Kinder“, die aufgrund der Auswirkungen des Arzneistoffes Thalidomid mit morphologischen Unterschieden geboren wurden.

Lorenza Böttner (1959–1994) war eine Künstlerin, die eine intensive, körperhafte Beziehung zur Transformation hatte. Sie verwandelte eine Malpraxis in eine Performance Art, die auf die Straße ging und den öffentlichen Raum zur Bühne für eine politisierte körperliche Differenz machte.

Ihre künstlerische Praxis steht zum Teil in Einklang mit der Tradition mund- und fußmalender Künstler_innen, die vom Malen in der Öffentlichkeit leben. Zugleich unterlief Böttner jedoch diese Tradition durch die Wahl ihrer Themen und eine konzeptuelle Sprache, die in politische und sexuelle Fragen eindrang und sich zu ihnen äußerte.“

Zeiten und Preise

Bis zum 25. Mai (Di, Do bis So 11 bis 18, Mi 11 bis 20 Uhr), Eintritt 5 Euro (ermäßigt 3 Euro). Führungen: Jeden Sonntag, 15 Uhr .

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