Württembergischer Kunstverein Stuttgart Der Frieden – ein Fremder

Von Nikolai B. Forstbauer 

2016 kurz vor der Eröffnung in Istanbul abgesagt, ist das von Katia Krupennikova erarbeitete Ausstellungsprojekt „Post Peace“ nun in Stuttgart zu sehen. Ein überzeugener Auftritt, finden die „Stuttgarter Nachrichten“.

Stuttgart - Ein Mann spielt mit einem kleinen weißen Hund. Mehr aber ist es eine Demonstration von Kontrolle und Macht. Wer kontrollieren will, muss Macht ausüben. Ayhan Çarkın sendet diese Botschaft. In den 1990er Jahren ist er im inoffiziellen paramilitärischen ­Flügel der türkischen Sicherheitskräfte an der Tötung von Kurden beteiligt. Çarkın ­bestätigt seine Aktionen im türkischen Fernsehen – in eigenen Youtube-Videos zeigt er sich später im Rollenbild des Privatiers. Sein Ton aber droht ständig zu kippen, ­immer bleibt die Aggression spürbar.

Wie treibt man das Böse aus?

Kann man die Çarkıns überwinden, vergessen machen? Kann man ihre Unverletzlichkeit im Schutz eines mit Europa spielenden Staates brechen? Die Künstlerin Belit Sag versucht es in ihrer Videoarbeit „Ayhan and me“ mit einer Art Teufelsaustreibung. Ein Foto Çarkıns wird zum Medium ihrer Fragen. Und doch: Ein Foto kann man formen, kann man knicken, vielleicht sogar vernichten. Çarkın aber wird bleiben – ­jederzeit abrufbar.

„Ayhan and me“ ist eine stille Befragung der Voraussetzungen für Frieden und Freiheit. Für das Bankhaus Akbank Sanat war der kritische Blick in die türkische Realität jedoch ein Grund, sich von seinem eigenen Engagement zu distanzieren. 2016 kurz vor der Eröffnung in Istanbul abgesagt, ist das von der in Amsterdam lebenden russischen Kuratorin Katia Krupennikova erarbeitete Ausstellungsprojekt „Post Peace“ nun in Stuttgart zu sehen. Zu erleben ist ein internationaler Parcours über politische Realitäten in einer „Nachfriedenszeit“. Krupennikowa hatte 2015 von der Akbank aus­geschriebenen Internationalen Kuratorenwettbewerb gewonnen.

Post Fairy tale von Lyubov Matyunina.

 

Wie agiert man bei Zensur?

Die „Post Peace“-Absage? Zensur, wie man sie aus Ungarn, Polen und Rumänien kennt, wie sie aber die Kunst­vereinsdirektoren Iris Dressler und Hans D. Christ auch 2015 in Barcelona erlebten. Dort indes wurde die zurückgezogene Schau „Die Bestie und der Souverän“ mit einer ­Woche Verspätung doch noch eröffnet.

Dressler und Christ agierten bei der ­Entscheidung des Akbank-Kuratorenwett­bewerbes als Juroren. Und hätte es noch eines Beleges bedurft, dass der betont ­gesellschaftspolitische Kurs des Kunstvereins begründet ist – die „Post Peace“-Absage lieferte ihn. Und doch ist die Ausstellung vor allem und ­zuallererst ein Parcours von in der Mehrzahl ­herausragenden künstlerischen Arbeiten.

Da sind – geradezu als erweiternde ­Antwort auf „Ayhan and me“ die Arbeiten „Blaue Orchideen“ von Johan Grimonprez und Larence Abu Hamdans „Mit Gummi ­beschichteter Stahl“. Im Stil eines Dokumentarfilms lässt ­Grimonprez den vormaligen „New York Times“-Kriegsreporter Chris Hedges auftreten und Riccardo Privitera, eine schillernde Figur im weltweiten Waffenhandel. Jenes Verschwinden des eigenen Ichs im Kriegs­geschehen, das Hedges ruhig und präzise als kaum zu schließende Wunde beschreibt, ist für Privitera Grundlage und Voraussetzung aller Geschäfte. Formal abstrakter blickt Hamdan auf das ­befehlswidrige Nutzen scharfer Munition der israelischen Armee im Westjordanland.

Was aber bedeutet es, wenn für den Offizier ein Gummigeschoss ab­gefeuert wird, um bei weiteren Schüssen ­scharfe Munition zu verwenden? Welches Selbstverständnis von staatlicher und in­dividueller Über­legenheit macht dies in einem unausgesprochenen Kriegszustand ­möglich? Diese Frage ist Ausgangspunkt der über eine Videoarbeit von Anna Dasovic zeitlich mit der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald am 11. April 1945 einsetzenden Schau „Post ­Peace“ – und war auch Impuls einer zwei­tägigen Konferenz am vergangenen ­Wochenende.

Iris Dressler und Hans D. Christ kon­kretisieren: „Wie viel Krieg steckt in ­unserem Frieden?“ – und ergänzen: „Die Ausstellung schlägt vor, unsere gegenwärtige Situation, in welcher der ,Frieden‘ des globalen Kapitalismus durch kontinuierliche Gewalt und Kriege teuer erkauft wird, mit dem Begriff des Post Peace, der ,Nachfriedenszeit‘ zu fassen.“ Man muss die Sicht der Kunstvereins­verantwortlichen nicht teilen, der von Katia Krupennikova gefundene Begriff „Post ­Peace“ aber könnte treffender und aktueller kaum sein.

Und gerade so, als misstraue die Kuratorin dem Präsentationsaufwand des „Post Peace“-Parcours im Vierecksaal des Stuttgarter Kunstgebäudes, ist ein Schlüsselwerk wohl bald nicht mehr nur dieser Ausstellung in einem freundlichen Zelt zu erleben: Lyubov Matyuninas Filmexperiment „Postmärchen“. Matyunina entwickelt entlang E. T. A. Hoffmanns Kunstmärchen „Klein Zaches, genannt Zinnober“ (erschienen 1819) eine dichte Collage, in der ­Kaliningrad, das frühere Königsberg, ebenso als Kristallisationspunkt europäischer Geistesgeschichte wie gewaltsamer nationaler Interessen erscheint. Vor allem aber ist „Postmärchen“ – überdeutliche Anspielung fast an die lieb gewonnene Floskel des ­Postfaktischen – ein künstlerisches Feuerwerk, das mit den Mitteln des Aktions­theaters die Ebenen von Zeiten und ­Realitäten aufhebt.

 

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