Größtmögliche Freiheit für die Studierenden: Dieter Kurz, langjähriger Leiter des Württembergischen Kammerchors Foto: Rocktäschel

1970 gründete Dieter Kurz den Württembergischen Kammerchor und leitete ihn fünfeinhalb Jahrzehnte. Der Chorleiter hat die Klassik-Szene geprägt – nicht nur in Stuttgart.

Wer eine schnelle Antwort will, sollte andersherum fragen. Also nicht: Welche bekannten Musikerinnen und Musiker sind seit 1970 mit dem Württembergischen Kammerchor aufgetreten? Sondern: Wer hat das nicht getan?

 

Stellt man die erste Frage, stößt man vor in eine gefühlte Unendlichkeit. Dabei ist die Liste der heute noch aktiven Sängerinnen und Sänger, Dirigentinnen und Dirigenten, die während oder nach ihrer Ausbildung als Teil des Kollektivs oder solistisch dabei waren, nicht nur unglaublich lang, sondern auch prominent besetzt. Michael Volle, Melanie Diener, Marlis Petersen, Hanno Brachmann, Jörg-Hannes Hahn, Timo Handschuh, Michael Alber, Konstantin Krimmel, Sarah Wegener, Marion Eckstein, Johanna Zimmer und Tilman Michael gehören dazu.

„Für die anderen muss auch noch Platz sein“, sagt er

Dass sie und viele andere gerade Grußbotschaften auf Facebook und Instagram veröffentlich haben, hat mit dem Abschied des Mannes zu tun, der dem Ausbildungschor über zwei Generationen hinweg künstlerisches und menschliches Profil verliehen hat: Dieter Kurz. Der Dirigent feiert in diesem Jahr nicht nur seinen 80. Geburtstag, sondern tut außerdem, was ihm sicherlich schwerfällt: Er nimmt Abschied.

Dass er so lange bei seinem Württembergischen Kammerchor geblieben ist, hat – wie auch bei seinen 41 Jahren als Leiter des Pauluschores – mit etwas zu tun, dass er „Verantwortung für das System“ nennt. Aber „für die anderen“, sagt er jetzt, „muss auch noch Platz sein.“ Zum Beispiel also für seinen Nachfolger Lukas Grimm. Der ist ebenfalls ein „Ex-Kammerchörler“.

Unter jungen Menschen fühlt er sich am wohlsten

Wer Dieter Kurz im Café trifft, muss kaum Fragen stellen. Kurz, der schon als Zwölfjähriger Helmuth Rilling die Noten umgeblättert hat, bei diesem dann auch studierte und in der Gächinger Kantorei „alles rauf und runter gesungen hat – etwas lauter, aber das ist halt bei Tenören so“ –, lässt sein Gegenüber tief eintauchen. In die Stuttgarter Musikszene, in die Musikgeschichte, in Probleme des Chorsingens und -dirigierens. Ein wichtiges Kapitel nimmt Wolfgang Gönnenwein ein, der Dieter Kurz als Monostatos in der Ludwigsburger „Zauberflöte“ verpflichtete und sein Interesse an der Einstudierung von Opernchören weckte. Später hat der studierte Kirchenmusiker Kurz die Choreinstudierungen von etlichen Werken übernommen, die große Dirigenten wie etwa Sergiu Celibidache, Erich Leinsdorf, Gianluigi Gelmetti, Georges Prêtre oder Michael Gielen beim Südfunk aufführten.

Dieter Kurz und der Württembergische Kammerchor Foto: Kammerchor/Gerald Ulmann

Am wohlsten hat er sich aber immer unter jungen Menschen gefühlt, an der Schnittstelle zwischen Studium und Beruf – also beim Württembergischen Kammerchor und bei einem bewusst breit gehaltenen Repertoire, das von Monteverdis Marienvesper bis zu zahlreichen Uraufführungen reichte. Der Erfahrungsschatz des Dirigenten ist riesig, und selbst hinter scheinbar banalen Feststellungen verbirgt sich ein Erlebnis-Universum. „Zwischen dem, was in einer Partitur steht, und dem, was bei 120 beteiligten Musikern herauskommt, ist ein großer Unterschied“, sagt Dieter Kurz, grinst dazu verschmitzt, und jeder, der schon einmal in einem Chor gesungen hat, weiß genau, was er meint, wenn er feststellt, dass die Schlimmsten dort immer jene seien, „die denken, ich kann schon alles“. Hier vertraue er gelassen der regulierenden Kraft des Kollektivs. Und setze beim Dirigieren auf das „Prinzip Wäscheleine“: Der erste Impuls müsse klar sein, der Puls stimmen, „dann darf die Linie dazwischen ruhig auch mal hängen“.

Summe eines reichen Lebens

Dieter Kurz lässt los. Zu seinen Maximen als Dirigent wie als langjähriger Professor für Chorleitung an den Hochschulen erst in Stuttgart, dann in Karlsruhe, gehört es, die Studierenden nicht in ein festes System zu pressen, sondern eigene Erfahrungen machen zu lassen. Und zwar in größtmöglicher Freiheit. Diese, betont er, sei ihm so wichtig, dass er sich für die autoritärere Leitung von Knabenchören schlicht nicht eigne. Auch mit etlichen Profi-Chören sei er nicht klargekommen, denn „für bestimmte Arten des Professionalismus bin ich einfach zu unprofessionell“. Ein bisschen Understatement-Koketterie darf schon sein. Künftig wird er nur noch Kurse geben. Und den Verein Live Music Now unterstützen, der „Menschen noch einmal mit Musik beglückt zum Aufatmen bringt, die an der Schwelle stehen zu Demenz oder Tod“.

Im Vorstand des Vereins ist seine Frau Veronika Stoertzenbach (Kurz-Charakterisierung: „anstrengend, aber heilsam“) aktiv, die lange Jahre Universitätsmusikdirektorin in Stuttgart war. An diesem Sonntag steht der Dirigent ein letztes Mal am Pult seines Chores. Auch Bachs h-Moll-Messe, die er an dem Abend dirigiert, ist die Summe eines reichen Lebens. Es gibt viel zu danken, Dieter Kurz.

Ensemble
1970 hat Dieter Kurz den Württembergischen Kammerchor gegründet und bis heute geleitet. Projektweise erarbeiten Studierende und Absolventen der Musikhochschulen hier große Werke des oratorischen und A-cappella-Repertoires. Der Chor war bei etlichen szenischen Produktionen dabei und hat sich auch mit zeitgenössischer Musik einen Namen gemacht.

Nachfolge
Kurz’ Nachfolger Lukas Grimm stellt sich bei einem Konzert am 19. Oktober („I dream of Peace“) in der Gaisburger Kirche dem Publikum vor.

Abschiedskonzert
An diesem Sonntag, 29. Juni, um 18 Uhr dirigiert Dieter Kurz in der Domkirche St. Eberhard Bachs h-Moll-Messe. Die Solopartien singen Johanna Zimmer, Benno Schachtner, Benjamin Glaubitz und Michael Nagy. Mit dabei ist das Barockorchester La Banda. Karten bei Reservix.