Württembergische Protestanten Die Geduld der Lesben und Schwulen mit der Kirche geht zu Ende

Von Michael Trauthig 

Homosexuelle fühlen sich von der Kirche diskriminiert. Foto: dpa-Zentralbild
Homosexuelle fühlen sich von der Kirche diskriminiert. Foto: dpa-Zentralbild

Eine neue Initiative will, dass Homo-Paare sich vor dem Altar das Ja-Wort geben dürfen. In dieser Frage ist die evangelische Landeskirche Württemberg noch außerordentlich traditionalistisch.

Stuttgart - Was homosexuelle Paaren in der evangelischen Landeskirche teilweise auf sich nehmen müssen, erinnert an einen mühsamen Hürdenlauf: „Lesbische und schwule Gemeindeglieder müssen sich manchmal von Pfarramt zu Pfarramt durchtelefonieren, bis sie endlich einen Theologen finden, der bereit ist, sie in einem Gottesdienst zu segnen“, sagt Birgit Rommel. „Das finde ich entwürdigend“, meint die Pfarrerin, die deshalb seit Jahren im Bündnis „Kirche und Homosexualität“ aktiv ist. Noch immer ist in Württemberg nämlich nicht erlaubt, was andernorts längst usus oder zumindest statthaft ist, nämlich, dass Homo-Paare vor den Altar treten und für ihre Verbindung den Segen Gottes erhalten. Derartiges sei nicht möglich, hatte die Synode 1995 bereits beschlossen. Das Diktum wurde hernach mehrfach bekräftigt. Zugelassen ist bestenfalls eine verschämte Prozedur – ohne Glockengeläut, ohne Abkündigung vor der Gemeinde, ohne Eintrag ins Kirchenbuch – und mit der Prämisse, dass nicht das Paar, sondern nur die einzelnen Personen selber unter den Zuspruch Gottes gestellt werden.

„Die Landeskirche soll von dieser Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Paare endlich Abstand nehmen“, sagt Rommel. Die 52-Jährige lässt an ihrer Haltung keinen Zweifel. Sie und ihre Mitstreiter scheinen nun den Druck zu erhöhen und stärker an die Öffentlichkeit zu gehen. Vor Kurzem ist das Bündnis erstmals bei der Parade zum Christopher Street Day in Stuttgart mitgelaufen. Daneben hat es die „Initiative Regenbogen“ auf den Weg gebracht. Dort finden sich Gemeinden zusammen, die den Wandel befördern wollen. Sie erklären ihre Offenheit für die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare im Gottesdienst und für das Zusammenleben von homosexuellen Theologen im Pfarrhaus. Auch das ist in Württemberg bisher nur als Ausnahme vorgesehen.

Fast alle im Gemeinderat sind für die Segnung der Homo-Paare

17 Gemeinden von Horkheim bis Tuttlingen haben sich der Initiative Regenbogen bisher angeschlossen und in ihren Gemeinderäten die entsprechenden Entscheidungen gefällt. Die Beschlüsse wurden am Rande der Sommersynode dem Landesbischof Frank Otfried July und der Synodalpräsidentin übergeben, garniert mit der Forderung, die Kirchengesetze entsprechend zu ändern. „Unser Votum dazu fiel einstimmig“, erzählt Marianne Baisch. In dem Gremium habe es anfangs nur einen Zögerlichen gegeben, berichtet die Pfarrerin der evangelischen Gemeinde Stuttgart-Botnang. Viele hätten allerdings gar nicht verstanden, dass der Beschluss überhaupt notwendig sei. „Sie hielten es für eine Selbstverständlichkeit, dass auch Homo-Paare getraut werden.“ Dennoch nahmen sich die evangelischen Christen Zeit, luden eine lesbische Pfarrerin zu einer Sitzung ein, beratschlagten, wie sie den Beschluss veröffentlichen sollten und trafen die Entscheidung nach rund einem halben Jahr. Publiziert wurde das Votum aber erst vor etwa zwei Wochen im Gemeindebrief, nachdem die Initiative an die Öffentlichkeit getreten war. „Bisher gab es keine Reaktionen“, berichtet Baisch. Der Ärger Einzelner könne aber noch kommen.

Neben der Initiative macht sich auch eine vor rund einem Monat gestartete Online-Petition für die Reform in Württemberg stark. Die Zahl der Unterzeichner steuert gerade auf die 10 000-Marke zu. Die Aktivitäten sind unter anderem ausgelöst durch den im Frühjahr gefallenen Beschluss der badischen Landeskirche, die Ehe für alle einzuführen und damit die Trauung von Homosexuellen und Heterosexuellen im Grunde gleichzustellen. Allerdings können es Pfarrer dort ablehnen, die Zeremonie zu leiten, wenn sie ihr theologisches Gewissen dazu zwingt oder wenn sie Verwerfungen in der Gemeinde befürchten. Diese Ausnahmen sollen diejenigen besänftigen, die in der Entscheidung der badischen Synode einen Verstoß gegen das biblische Zeugnis sehen. Dennoch haben die Verbände des Pietismus heftig protestiert und ihren Mitgliedern mehr oder weniger deutlich den Austritt aus der Landeskirche nahe gelegt.

Die Verantwortlichen befürchten den Exodus der konservativen Christen

Da der Pietismus in Württemberg eine noch größere Rolle spielt als in Baden, befürchten Verantwortliche im Stuttgarter Oberkirchenrat, dass viele Konservative der Landeskirche den Rücken kehren, sollte sie dem Beispiel Badens folgen. Ganz unberechtigt ist diese Sorge nicht. Das zeigt etwa der Konflikt um eine Reform des Pfarrerdienstrechts. Die war wegen des wohl erleichterten Zusammenlebens von Homo-Paaren im Pfarrhaus in Württemberg besonders heftig umstritten. Der große Einfluss der Pietisten ist ohnehin eine Erklärung dafür, warum außer in Sachsen die Regeln nirgends in Deutschland so rigide sind wie in Württemberg.

Gleichwohl wagen einzelne Theologen mittlerweile den Regelverstoß. So erzeugt momentan ein Fall aus Böblingen Aufregung. Dort hat der Dekan Bernd Liebendörfer in der Stadtkirche Ende Juni ein lesbisches Paar getraut – und zwar fast mit allem Drum und Dran: Laut der Lokalzeitung wurde die Segnung vorher im Amtsblatt angekündigt, die Glocken läuteten, das Ehegelübde wurde gesprochen, und die beiden Liebenden traten in weißen Brautkleidern vor den Altar. Während viele konservative Christen hier einen Verstoß gegen die kirchliche Ordnung monieren und dem Dekan deshalb sogar disziplinarische Maßnahmen drohen, applaudieren die Progressiven von der Offene Kirche dem Theologen: Er habe ein Zeichen für die Gleichberechtigung von Lesben und Schwulen gesetzt. Landesbischof Otfried July erinnert in diesem Zusammenhang daran, dass Pfarrer und Dekane gelobt hätten, sich an die Regeln zu halten. „Ungeachtet dessen hat natürlich jeder das Recht, sich für eine Änderung der Ordnungen einzusetzen“, sagt der Theologe. Daneben weist July auf die in den vergangenen Jahren deutlich verbesserte Gesprächskultur beim Thema Homosexualität und Kirche hin, wozu auch der Landesbischof etwa mit der Berufung eigener Prälaturbeauftragter beigetragen hat.

Dass Liebendörfers Gemeinde hinter ihm steht, ist freilich keine Frage. Die Stadtkirche Böblingen hat sich der Initiative Regenbogen längst angeschlossen. Nach Einschätzung von Rommel und Baisch ist die Bewegung für eine Ehe für alle mittlerweile relativ breit. Ob diese aber auch offiziell und in der ganzen Landeskirche ans Ziel kommt, wird sich demnächst entscheiden. Die Synode will nämlich noch in dieser Legislatur die Trauagende neu fassen. Wenn bei dieser Reform nicht die erhoffte Erneuerung gelingt, dürfte es sehr lange dauern.

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