Diese Premiere hat es in sich: Mit dem künstlerischen Nachlass des Stuttgarter Musikers Wolfgang Dauner kann in der Württembergischen Landesbibliothek erstmals im europäischen Jazz ein wegweisendes Gesamtwerk neu gesichtet werden.
Die Württembergische Landesbibliothek Stuttgart ist seit vergangenen Freitag die erste Adresse, wenn es um die Entwicklung des deutschen und europäischen Jazz nach 1960 geht. Wie das? Randi Bubat, Witwe von Jazzlegende Wolfgang Dauner (1935-2020) hat am Freitag vor Ort einen Vertrag unterschrieben, der die Übernahme des kompletten künstlerischen Nachlasses von Wolfgang Dauner regelt.
Ein großer Stuttgarter Musiker wird der Jazzwelt fehlen
Dauner, der als Musiker und Komponist keine Grenze gelten ließ beziehungsweise alle Grenzen buchstäblich spielend überwand, in der Landesbibliothek Stuttgart? Das wirft Fragen auf und hat doch eine verblüffende Logik: Hier, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Musikhochschule und Staatstheater-Areal mit Opernhaus, Schauspielhaus und Kammertheater, aber auch zum Württembergischen Kunstverein im Kunstgebäude am Schlossplatz und zum Institut für Auslandsbeziehungen mit der Ifa-Galerie am Charlottenplatz, lässt sich auf ganz eigene Weise dem von Dauner forcierten spartenübergreifenden Miteinander der Künste nachspüren. Die Musiksammlung der Landesbibliothek bewahrt nun das komplette Studio von Bösendorfer Flügel bis hin zu Computern mehrerer Generationen, von den Musikhandschriften bis hin zu Plakaten, Handschriften, Zeichnungen und Bildern.
Ein Kreis schließt sich
Mit der Vertragsunterschrift schließt sich ein Kreis, hatte doch Petra Olschowski, seit 2022 Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Baden-Württemberg, nach Wolfgang Dauners Tod im Januar 2020 schon als Staatssekretärin für den Verbleib des künstlerischen Nachlasses in Stuttgart und die Landesbibliothek als wissenschaftliche Begleitbühne geworben. „Ich glaube“, sagte Olschowski vor vier Jahren, „dass es richtig und wichtig ist, dass der Nachlass in Stuttgart bleibt. Dafür setzen wir uns ein“ – und betonte zugleich, bei solchen Projekten sei „eine lange Vorarbeit im Stillen notwendig“.
Was die heutige Ministerin nicht sagt: Stuttgart hatte in Sachen Dauner-Nachlass heftige Konkurrenz. Warum, das erschließt sich aus den Worten von Rupert Schaab. Erstmals überhaupt, sagte der Direktor der Württembergischen Landesbibliothek, werde mit dem künstlerischen Nachlass von Wolfgang Dauner die Entwicklung der europäischen Jazzgeschichte in ihrer Eigenständigkeit und Bedeutung greifbar. Es ging folglich um eine internationale Premiere ersten Ranges.
Starker Schulterschluss
Doch wie hatte Randi Bubat 2020 gesagt: „An der Kulturmeile in Stuttgart sind das Haus der Geschichte, die Landesbibliothek, die Musikhochschule – das wäre der richtige Ort, um einen so wichtigen Teil der Geschichte des europäischen Jazz zu bewahren.“ Eine Chance also bestand immer für Stuttgart – um so mehr, als man früh die Jazz-Reihen schloss. Nicht zuletzt Jazz Open-Veranstalter Jürgen Schlensog bewies einmal mehr Charme und Überzeugungskraft. Und auch, wenn die Kaufsumme ungenannt bleibt, lassen die Partner die Dimension erahnen: Neben erheblichen Mitteln des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst brauchte es Gelder der Berthold Leibinger Stiftung, der Stiftung für Kunst und Kultur der Sparda-Bank Baden-Württemberg, der Kulturstiftung der Länder und der Ruprecht Stiftung in Ludwigsburg.
2005 wäre Dauners 90. Geburtstag
In der von Ute Becker betreuten Musiksammlung der Landesbibliothek wird der künstlerische Nachlass Dauners nun weiter gesichtet und aufgearbeitet – mit dem Ziel neuer produktiver Dialoge. In Anwesenheit von Wolfgang Dauners Kindern Florian Dauner und Sian Dauner ist es Randi Bubat, die aus dem allgemeinen Ziel einen Anspruch formuliert: „Die Aufgabe ist“, sagt sie, „das Werk nach Außen zu vermitteln – nahe an unseren Sinnen“. Sie erinnert: „2025 würde Wolfgang Dauner 90 Jahre alt“ – und fügt lächelnd hinzu: „Das heißt, Sie werden mich alle so schnell nicht los.“