Die noch offenen Fragen zur handschriftlichen Erklärung des Königs konnte der Historiker Albrecht Ernst nun klären. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Württembergs Wilhelm II. ist der letzte Fürst in Deutschland gewesen, der 1918 abdankte. Klebte er an seinem Thron? Jetzt ist im Stuttgarter Hauptstaatsarchiv die handgeschriebene Thronverzichtserklärung aufgetaucht.

Stuttgart - Er war der letzte unter allen Monarchen im Deutschen Reich, der unter dem Druck der revolutionären Massen abdankte: Württembergs König Wilhelm II. verzichtete erst am 30. November 1918 auf den Thron und damit sogar noch zwei Tage später als sein Namensvetter, Kaiser Wilhelm II., der Rücktritt und Grüße schon aus dem holländischen Exil übermitteln ließ. Klebte Württembergs Monarch am Thron, hatte er bis zuletzt gehofft, dem Unausweichlichen zu entgehen?

 

Rechtzeitig zum100. Jahrestag des Endes der Monarchie in Deutschlandund der Geburt der Weimarer Republik kann der Stuttgarter Historiker Albrecht Ernst diesen etwas ehrenrührigen Vorwurf entkräften. Schon vor drei Jahren hatte Ernst im Hauptstaatsarchiv, wo er arbeitet, die handschriftliche Erklärung Wilhelms zum Thronverzicht entdeckt. Damals analysierte er gerade den Bestand von 600 privaten Briefen Wilhelms, die 2014 in einer Berliner Gartenlaube gefunden worden waren. Seither ist Albrecht Ernst einer der besten und auf jeden Fall der intimste Kenner Wilhelms. Denn in den Briefen hatte der König seinem Freund aus Studienzeiten, Detlev von Plato, oft das Herz ausgeschüttet. Und ja, man darf es wohl sagen: Spätestens seither ist Albrecht Ernst dem letzten König Wilhelm II. zugetan, bei aller gebotenen Neutralität eines Historikers.

Seit 30 Jahren schlummert das Dokument im Archiv

Und so prüfte er nun erstmals diese handschriftliche Thronverzichtserklärung auf Herz und Nieren. Ihr Inhalt war ja bekannt, weil der Text in vielen Zeitungen gedruckt worden war. Doch die Geschichte dahinter wird erst jetzt offensichtlich. Ernst fiel auf, dass eindeutig jemand anderes das Datum hinzugefügt hatte. Es war der königliche Kabinettschef Konstantin Freiherr von Neurath (1873–1956), wie dieser in einem beiliegenden Billett selbst erklärt. Neurath hatte die Erklärung Wilhelms, übrigens in schön leserlicher lateinischer Schrift verfasst, nach dessen Abdankung zu seinen Privatakten genommen. Erst Mitte der 1980er Jahre entdeckte sie die Nichte Neuraths, Wendelgard von Staden, in einer Schublade auf dem Leinfelder Hof in Vaihingen-Enzweihingen, wo der Kabinettschef seinen Lebensabend verbracht hatte. Sie übergab den Umschlag dem Hauptstaatsarchiv, wo die Bedeutung aber nicht erkannt wurde – bis Albrecht Ernst auf die Dokumente stieß.

Für ihn ist der Fall nun klar. Wilhelm II. hat die Thronverzichtserklärung wohl schon kurz nach dem 9. November verfasst, was gestützt wird durch einen Aufruf der Landesversammlung in jenen Tagen: Wilhelm erklärte darin, dass er niemals „ein Hindernis einer von der Mehrheit des Volkes geforderten Entwicklung sein“ werde. Doch war Wilhelm geschäftstüchtig genug, um mit den neuen Demokraten in Stuttgart zuerst über die wirtschaftlichen Bedingungen seines Rücktritts zu verhandeln. „Vielleicht war das Schriftstück ein Joker für die Verhandlungen“, glaubt Ernst: Erst als die finanziellen Dinge geregelt waren, durfte von Neurath das Datum hinzufügen und den Wortlaut an die Öffentlichkeit geben. Im Gegensatz zu vielen anderen Staaten gelang eine Einigung schnell. Wilhelm verzichtete auf das Krongut (wie das Stuttgarter Neue Schloss) und erhielt dafür eine großzügige Rente von 200 000 Mark jährlich. Zudem durfte er sein Privatgut behalten, etwa das Schloss in Friedrichshafen.

Der König wollte jegliches Blutvergießen vermeiden

Dass der letzte württembergische König also mitnichten am Thron klebte, das ist für Ernst jetzt bewiesene Sache. Die Verzichtserklärung drücke gerade aus, dass das Wohl Württembergs Wilhelm über alles gegangen war, auch über den Thron. Als einziger Monarch habe er sich direkt an das Volk gewandt und diesem einen „Scheidegruß“ zukommen lassen: Erst mit seinem letzten Atemzug, so schrieb Wilhelm, „wird meine Liebe zur theuern Heimat und ihrem Volk erlöschen.“ Das war nicht nur so dahingesagt: Als am 9. November Tausende von Demonstranten auf den Wohnsitz des Königs, das Wilhelmspalais in Stuttgart, zumarschierten, gab der Herrscher Befehl, jedes Blutvergießen zu vermeiden – Soldaten und Wachen ließen sich widerstandslos entwaffnen. Später akzeptierte er die Republik: Schon im Januar 1919 ging der Bürger Wilhelm wählen, und zwar „ohne alle Bitterkeit“. Und die Liebe sei wechselseitig gewesen, betont Albrecht Ernst: Man habe den König respektiert, selbst in der aufgeheizten Stimmung des 9. November – zwar hissten Demonstranten eine rote Fahne auf dem Dach, aber es sei „trotz allem eine merkwürdige Disziplin in der Masse gewesen“, schrieb Wilhelm selbst. Niemand wurde angegriffen. Und als der König am Abend sein Haus und Stuttgart für immer verließ, fuhr er „erhobenen Hauptes vorne vom Haus ab, mitten durch die Menge, und kein Mensch belästigte uns“.

Doch weiß man, dass Wilhelm schwor, nie wieder einen Fuß auf Stuttgarter Markung zu setzen. Albrecht Ernst glaubt, dass Stuttgart für den König ein Symbol war für ein mehrfaches Trauma. Sein einziger Sohn Ulrich starb hier 1880, zwei Jahre später seine geliebte Frau Marie: „Und dass sich alle ihm wohlgesinnten Bürger am 9. November 1918 weggeduckt haben, als er Schutz gebraucht hätte, das hat Wilhelm enttäuscht“, so Ernst. Der Rest ist bekannt: Selbst der Leichenzug Wilhelms musste auf dem Weg von Bebenhausen nach Ludwigsburg um Stuttgart herumfahren.