Robert Friedmann kündigt ein neues Entwicklungszentrum am Würth-Firmensitz in Künzelsau an, an dem alle Forschungsaktivitäten des Schraubenhändlers gebündelt werden. Foto: dpa

Egal ob Bohrschrauber, Stichsäge oder Winkelschleifer – laut Würth-Chef Robert Friedmann soll künftig nur noch ein System für alle Akkuwerkzeuge des Unternehmens nötig sein. Das Künzelsauer Unternehmen verspricht sich auch viel vom neuen Entwicklungszentrum.

Künzelsau - Würth ist als Schraubenhändler weltweit bekannt. Doch das Familienunternehmen ist auch innovativ, erläutert Firmenchef Robert Friedmann. So wurde eine Verschraubungstechnik für marode Brücken entwickelt. Und gemeinsam mit dem chinesischen Partner TTI soll ein Akkusystem entwickelt werden, bei dem nur noch ein Ladegerät gebraucht wird.

Herr Friedmann, Würth hält 551 Patente. Wie kommt ein Händler von Schrauben und Befestigungsmaterial an Erfindungen?

Wenn sich Würth nicht mit Schrauben, sondern mit Elektronik beschäftigen würde, würde niemand darüber sprechen. Apple ist de facto auch kein Hersteller. Der US-Konzern entwickelt Smartphones und Tablets und lässt dann nach seinen Vorgaben fertigen. Genau das machen wir auch. Außer bei standardisierten Schrauben etwa, entwickeln wir alle Produkte in irgendeiner Form weiter. Deshalb wollen wir in ein eigenes Entwicklungszentrum am Firmensitz in Künzelsau investieren. Dort werden wir alle Forschungsaktivitäten, die bisher in den verschiedenen Abteilungen laufen, bündeln.

Wie viel investieren Sie in das Projekt?

Wir investieren zwischen 60 und 70 Millionen Euro in das Entwicklungszentrum.

Wie viele Entwickler hat Würth?

Würth hat 300 Ingenieure, die allerdings nicht alle in Künzelsau sind, sondern auch in den Landesgesellschaften. Und wir wollen weiter aufbauen.

Woher nehmen Sie die Ideen für die Weiterentwicklung der Produkte?

Unser Direktvertrieb spielt da eine entscheidende Rolle. Täglich haben wir persönlichen Kontakt zu 300 000 bis 400 000 Kunden, die uns ein direktes Feedback geben. So wissen wir, wie wir die ergonomische Form des Griffs einer Zange etwa ändern müssen, damit unsere Kunden besser damit arbeiten können.

Aber Würth optimiert nicht nur Produkte.

Wir suchen auch neue Anwendungen speziell in der Verschraubungstechnik, in der wir ja seit Jahrzehnten beheimatet sind. Da es viele Brücken gibt, die aufgrund neuer Normen und erheblicher Verkehrszunahme ein Tragproblem haben, haben unsere Ingenieure ein Verschraubungssystem für Beton entwickelt, das helfen wird, die Tragfähigkeit von Brückenbauwerken wiederherzustellen. Hierbei werden sogenannte Betonschrauben ohne Dübel tief in das Bauwerk eingeschraubt und dienen hier als zusätzliche Armierung. Die Lebensdauer einer Brücke kann so um bis zu 25 Jahre verlängert werden.

Sind diese Spezialschrauben auf dem Markt?

Wir erwarten im Frühjahr 2019 die notwendige Zulassung dafür, aber haben zwischenzeitlich eine Fülle von Pilotprojekten erfolgreich durchgeführt. Das Interesse an diesem System ist kommunal, aber auch auf internationaler Ebene riesig.

Auch bei Akkugeräten sieht Würth Verbesserungsbedarf. Worum geht es?

Mehr als die Hälfte unseres Umsatzes mit Elektrowerkzeugen entfällt heute auf akkubetriebene Geräte. In der Vergangenheit mussten wir die Akkusysteme der jeweiligen Hersteller verwenden. Künftig werden wir ein eigenes Akkusystem haben. Egal bei welchem Hersteller wir Geräte kaufen – alle Geräte werden in der jeweiligen Volt-Klasse mit einer einheitlichen Akkuschnittstelle versehen. Der Würth-Kunde braucht also nur noch ein Ladegerät – egal ob für Bohrschrauber, Stichsägen oder Winkelschleifer.

Sie entwickeln diese Schnittstelle ja nicht allein, sondern gemeinsam mit einem Partner.

Seit Dezember 2018 besitzt Würth eine Mehrheitsbeteiligung an einem Joint Venture mit dem Unternehmen Techtronic Industries Co. Ltd. (TTI) mit Sitz in Hongkong. TTI ist einer der Marktführer bei Elektrowerkzeugen, ihm gehören unter anderen die Marken AEG und Milwaukee. Wir arbeiten schon rund 30 Jahre mit TTI zusammen. Das Joint Venture soll in Hongkong seinen Sitz haben. Die Fertigung ist in Shenzhen/China. Entwickelt wird sowohl in Shenzhen als auch in Künzelsau.

Welche Größe soll das Joint Venture haben?

Das hängt nicht zuletzt davon ab, wie sich der Markt für Akkugeräte entwickelt. Es ist zu früh, jetzt darüber zu sprechen.

Neue Wege gehen Sie auch bei den Niederlassungen. Wie läuft Ihr 24-Stunden-Markt in Vöhringen südlich von Ulm?

Die Resonanz der Kunden zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Aber Vöhringen ist ein ländlicher Raum. Der eigentliche Lackmustest kommt, wenn wir in die Ballungszentren gehen. Noch in diesem Jahr sollen Niederlassungen in Stuttgart und Berlin auf einen 24-Stunden-Betrieb umgestellt werden. Und im nächsten Jahr sollen zehn weitere Läden hinzukommen. Längerfristig werden wohl alle unsere 450 Niederlassungen in Deutschland 24 Stunden geöffnet sein. Erst wenn dies läuft, gehen wir damit ins Ausland. Das dürfte frühestens 2020 der Fall sein.

Das Urteil fällt also rundum positiv aus?

Wir haben einen Multikanalansatz – wir haben Verkäufer, Niederlassungen und E-Business. Doch Läden haben einen Nachteil: Sie haben Öffnungszeiten – wenn sie geschlossen sind, stehen sie rum. Wir haben einen Weg gesucht, um dies zu umgehen. Das funktioniert über Technologie. Über eine App können registrierte Kunden die Ladentür öffnen – und sich frei in dem Geschäft bewegen. Was er mitnehmen will, scannt er ein, damit es über sein Konto abgerechnet werden kann. Aber . . .

Aber?

. . . wir dürfen nur sechs Tage pro Woche unsere Filiale für 24 Stunden öffnen. In Deutschland gilt der Sonn- und Feiertagsschutz. Deshalb darf Sonntags nicht verkauft werden.

Das Jahr 2018 neigt sich dem Ende. Wie ist es gelaufen?

Es wird ein Rekordjahr für Würth – sowohl beim Umsatz als auch beim Gewinn. Wir haben sogar die ungewöhnliche Situation, dass wir in allen Ländern ähnlich stark gewachsen sind. Das hatten wir so noch nie. Und das Ergebnis wird wieder leicht überdurchschnittlich steigen.

Wie schaffen Sie das?

Wir schaffen es, weil unser Umsatzwachstum größer ist als der Aufbau von Mitarbeitern. Damit steigt der Umsatz pro Mitarbeiter. Schon seit Jahren steigt die Mitarbeiterproduktivität zwischen drei und fünf Prozent. Die Technologie hilft uns dabei. Wenn die Kunden ihre Aufträge online hereingeben, müssen unsere Mitarbeiter sie nicht mehr erfassen. Aber wir bauen weiter Personal auf: In diesem Jahr werden es über 3000 Mitarbeiter sein, rund ein Drittel davon hier in der Region Heilbronn-Franken.

Sie investieren ja auch deutlich.

Wir planen 2018 Investitionen von 600 Millionen Euro; rund die Hälfte davon ist in Deutschland. Derzeit bauen wir ein neues Logistikzentrum an der Autobahn 6, ganz in der Nähe unserer Firmenzentrale. Insgesamt haben wir in den vergangenen zehn Jahren rund vier Milliarden Euro investiert. Die Hälfte davon in Deutschland – wir machen ja auch mehr als die Hälfte unseres Geschäfts in Deutschland.

Wird das Wachstum auch 2019 anhalten?

Wir spüren eine gewisse Abschwächung. Trotzdem befindet sich die Konjunktur noch auf einem vergleichsweise hohen Niveau. Der jüngste Rückgang der Autozulassungszahlen dürfte sich dämpfend auf unser Geschäft auswirken. Aber für eine Krise gibt es keine Anzeichen. Trotzdem drückt uns ein Pro­blem.

Welches?

Wir sind nicht in der Lage, die Preiserhöhungen bei Öl und Stahl im vollen Umfang an unsere Kunden weiterzugeben. Der Ölpreis ist innerhalb eines Jahres um 26 Prozent in die Höhe geschnellt, die von uns benötigte Stahlqualität wurde sogar um 41 Prozent teurer.

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