Das Renitenz-Ensemble 1964 in London Foto: Renitenz

Sie sind gekommen, um ihn zu feiern – die Sänger, Kabarettisten, Musiker, die im Renitenztheater spielten, in ihm groß wurden. Gerhard Woyda, der dieses Theater begründete, feiert im neuen Renitenz in der Büchsenstraße seinen 90. Geburtstag.

Stuttgart - Großer Applaus schon zum Auftakt, als ­Gerhard Woyda selbst die Bühne betritt, begleitet von Sebastian Weingarten, seinem Nachfolger in der Intendanz des Renitenztheaters: Der Abend beginnt mit Ovationen – das Publikum hat sich erhoben.

Gerhard Woyda wird Platz nehmen, in einem Sessel, der in der Mitte der Bühne für ihn bereit steht, er wird für die meiste Zeit des Abends dort sitzen, sich an den Darbietungen der Künstler freuen, sehr häufig wird er lächeln, seine Augen werden lebhaft ­blitzen.

Zunächst aber tritt Woyda an das Mikrofon, spricht einige Sätze – „Aus alter Freundschaft“, sagt er. Mit 90 Jahren blickt Woyda auf eine lange persönliche Geschichte zurück. „Heute“, sagt er, „stelle ich fest, dass vieles überflüssig geworden ist.“ Er meint die Politik, er meint Gesellschaftliches – und an Spott, über politische Größen von ehemals und heute soll es an diesem Geburtstagsabend denn auch nicht fehlen.

„Ich bin überzeugt“, sagt Gerhard Woyda, „dass es auf der Welt noch intelligentere Lebewesen gibt, als den Menschen. Dass der Mensch die Krone der Schöpfung sein soll, das halte ich für maßlos übertrieben.“

Sie zanken sich, Woyda lächelt

Sebastian Weingarten steht zur Seite Woydas, stellt jeden der vielen Gäste des Abends ausführlich vor, berichtet über ­Erfolge, Auftritte, Begegnungen. Und er liest. Schon 2007 schrieb Gerhard Woyda seine Erinnerungen auf, das Renitenztheater veröffentlichte sie unter dem Titel „Den die Spötter lieben – Wie ich das Kabarett zu den Schwaben brachte“. Weingarten schrieb seinerzeit das Geleitwort, erzählt nun davon, wie er Gerhard Woyda 1974 in St. Topez kennen lernte.

Woyda selbst hat seinen Erinnerungen ein Zitat des Pianisten Arthur Rubinstein vorangestellt: „Es gibt wohl kein Leben nach dem Tod, aber wenn es so sein sollte, wäre es eine angenehme Überraschung“. Es sind Sätze, die er nun wiederholt. Der erste, der auf ihn zutritt, um ihm zu gratulieren, ist George Bailey, ehemals ­Korrepetitor des Stuttgarter Balletts – er bringt Gerhard Woyda einen kleinen ­Geschenkkorb, spielt und singt ihm seine liebsten Spirituals.

Für seinen letzten Gratulanten wird ­Woyda sich, mehr als zwei Stunden später, selbst an das Instrument setzen um zu ­begleiten – denn schließlich war es dieser letzte Gast, Mathias Richling, der einst Gerhard Woyda entdeckte und förderte, keinesfalls war es umgekehrt. Richling ist sich da sehr sicher und zählt sie voller Stolz auf, die vielen Disziplinen, in denen sein Schützling ihm Ehre verschaffte. Dann gibt Mathias Richling Kostproben eines neuen Programms, das er bald in Berlin präsentieren will – er singt Couplets von Karl Valentin, er bejubelt mit wilden und schrägen Tönen den Frühling, Gerhard Woyda spielt dazu, sie zanken sich, Gerhard Woyda lächelt.

Gesungen, gelesen, gespottet, gratuliert

Viele Gäste sind bis dahin gekommen, ­haben gesungen, gelesen, gespottet, gratuliert und sich erinnert – vor allem an jene ­legendären Zeiten des ersten Renitenz­theaters, das 1961 in der Königsstraße 17 ­eröffnete, eine kleine Bühne im ersten Stock eines Gebäudes, ein Theater ohne Toilette, was natürlich unvergessen blieb.

Der Kabarettist Thomas Freitag erzählt davon, wie er zu einem Eimer in der Damengarderobe robbte, und von einem Spitz, der ihn dort beißen wollte, er erzählt von Gert Fröbe und von Maria Schell, von der er in der Königsstraße durch einen Zufall zu sehen bekam, wofür Thaddäus Troll ein herziges Wort ­erfand.

Thomas Freitag und Mathias Richling sind nicht die einzigen, die Gerhard Woyda entdeckte, Gert Fröbe und Maria Schell ­waren nicht die einzigen prominenten Gäste im Renitenztheater. Ron Williams, „der erste US-amerikanische Politikabarettist Deutschlands“ war Mitglied des Renitenz-Ensembles in den 1960er Jahren. Williams konnte nun zur Gala nicht erschienen, ­gratulierte telefonisch – und das Publikum hört die Aufzeichnung offenbar gern.

Innenansicht der Kanzlerin

Die Sängerin Yvonne Schramm bringt Gerhard Woyda rote Rosen und singt ihm ein Chanson, das er sich wünschte, dazu ein Stück von Hildegard Knef, das zu den Rosen passt. Der Mundartautor Gerhard Raff ­witzelt, schwärmt von Woyda, diesem „heruntergewanderten Ostpreußen“ – und Ines Martinez behauptet, ihr Begleiter sei über der schieren Komplexität von Gerhard ­Woydas Kompositionen erkrankt, und singt stattdessen den Namen des Jubilars auf ­etliche überschwänglich komische Weisen.

Der Kabarettist Reiner Kröhnert schließlich gibt zwei sensationelle Nummern zum Besten, die einst, wie er behauptet, der ­Zensur zum Opfer fielen: Ganz überraschende Innenansichten der Kanzlerin und des Bundespräsidenten.

Ein Abend voller kabarettistischer ­Glanzstücke geht zu Ende, noch einmal ­treten alle Gäste auf die Bühne und die Feier endet, wie sie begann: Mit lang anhaltendem Applaus.

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