Saúde! Wein mit Aussicht in Porto. Foto: Rafael_Barros/Wow

Nüchtern betrachtet sind es Museen. Doch da sich im Kulturviertel World of Wine in Vila Nova de Gaia alles um Wein dreht, gibt es den ein oder anderen Tropfen zu verkosten – dabei genießt man beschwingt die beste Aussicht auf Porto.

Weintrinker lieben dieses Geräusch. Ein sattes Plopp, gefolgt von einem sanften Glucksen. Der Korken verlässt die Flasche, der Wein fließt ins Glas. Plopp, gluck-gluck-gluck-gluck. Der typische Einschenkklang in Endlosschleife begrüßt die Besucher im Treppenhaus des Kork-Museums. Nach einem Rundgang durch die sehenswerte Schau ist man nicht nur gut unterhalten, sondern auch aufgeschlaut. Dass man Kork aus der Rinde der gleichnamigen Eiche gewinnt, dürfte noch allgemein bekannt sein. Aber wie groß so ein Ding ist, und dass seine Blätter denen des Ficus benjamini ähneln, das zeigt das lebensgroße Exemplar im Museum. Künstlich natürlich.

 

Portugal ist der größte Produzent von Kork

Wir lernen: Ein Baum wird alle neun Jahre geschält. Danach regeneriert er und legt sich neue Korkschichten zu. 55 Prozent der Weltproduktion stammen aus Portugal. Die größten Anbaugebiete befinden sich in der Region Alentejo, produziert wird der Kork aber da, wo er gebraucht wird: in der Nähe der Weinhauptstadt Porto.

Planet Kork zählt zu den sieben Museen in der World of Wine, kurz „Wow“. Der Name ist Programm. Vielen Besuchern entfährt ein erstauntes „Wow“ angesichts eines so großen Angebots. Die Weinwelt ist fünfeinhalb Hektar groß und hat 105 Millionen Euro gekostet, finanziert zur Hälfte mithilfe von EU-Fördermitteln. Neben den Museen gibt es Shops, Restaurants, Bars und Cafés. Fast 500 Mitarbeiter sind hier beschäftigt. Die Anlage erinnert in ihrer Architektur ein wenig an eine Outletcity – alles weitläufig, modern und penibel sauber.

Eine majestätische Stahlbrücke verbindet die beiden Ufer des Douro

Die Weinwelt ist das neue Kulturviertel von Porto. Wobei man sich streng genommen in Vila Nova de Gaia befindet, einer eigenständigen Stadt. Doch Gaia und das bekanntere Porto kleben zusammen wie Zwillinge. Getrennt durch den Fluss Douro, verbunden durch eine majestätische Stahlbrücke, die doppelstöckige Ponte Dom Luís I.

Seit Jahrhunderten ist Vila Nova de Gaia die Portwein-Metropole schlechthin. Die südliche Seite des Douro liegt im Schatten, sie eignet sich daher besser für die Weinproduktion als die sonnige Schwesterstadt Porto. Dutzende Kellereien staffeln sich den ganzen Hang hinauf. Zu den ältesten Traditionshäusern gehört Taylor’s, nur einen Steinwurf entfernt findet man Sandeman, Calem, Burmester, Kopke, Niepoort, Fonseca, Cockburn’s, Graham’s und wie sie alle heißen. Die Namen verraten: Der Export des Portweins wird oft von Ausländern aus den Absatzmärkten übernommen. Darunter sind viele Briten, aber auch Niederländer und Deutsche. Früher verlangte das Gesetz, dass sich alle Produktionsschritte in Gaia abspielen mussten: Lagerung, Verschnitt, Reifung, Abfüllung, Etikettierung und Versand. Mit dem Beitritt Portugals zur Europäischen Union 1986 wurde die Regelung abgeschafft. Seither darf der Süßwein auch auf den Weingütern im Douro-Tal hergestellt werden, dort, wo die Trauben wachsen.

Alles über Wein, die Stadt und die Geschichte

Ein Teil der alten Lagerhallen in Gaia wurde damit nicht mehr gebraucht, der Ort drohte zu verfallen. Bis Adrian Bridge eine Idee hatte. Der Brite ist mit der Erbin der Kellerei Taylor’s verheiratet und Vorstandsvorsitzender der Firma Fladgate Partnership, einem Konsortium, das mehrere Portweinfirmen unter einem Dach vereint. 2010 baute Bridge ein Luxushotel in Vila Nova de Gaia. The Yeatman thront wie ein terrassierter Weinberg auf dem Hügel, seine Pracht erinnert an die berühmte Gartenansicht von Schloss Sanssouci. Jedes Zimmer ist einem Weingut gewidmet, der Pool hat die Form einer Karaffe, im Spa gibt es Traubentreatments, und der Weinkeller umfasst 1600 Positionen. Nach und nach kam zum Weinhotel die Weinerlebniswelt dazu.„Unser Ziel ist es, Porto stärker als kulturelle Destination ins Licht zu rücken. Wir wollen nicht nur die Geschichte des weltberühmten Weins erzählen, sondern auch die der Stadt selbst, der Leute und ihrer Abenteuer über die Jahrhunderte hinweg“, sagt Adrian Bridge.

Wein als kleinster gemeinsamer Nenner schwebt über allem, doch der Fokus der Wow geht weit über Trauben hinaus. Im Museum „Porto im Wandel der Zeit“ erfährt man, dass in der nordportugiesischen Stadt all das Geld verdient wird, das man in Lissabon ausgibt. Mit Heinrich dem Seefahrer (1394–1460), dem in Porto geborenen Sohn von König Johann I. und seiner britischen Frau Philippa von Lancaster, wurde Portugal eine reiche See- und Kolonialmacht. Diese Verbindung der Adelshäuser legte den Grundstein zum lukrativen Handel mit England.

Wer hat’s erfunden? Die Briten

Indirekt haben die Briten auch zur Erfindung des Portweins beigetragen. Weil Großbritannien Krach mit Frankreich bekam, kaufte man ab dem 17. Jahrhundert Wein in Portugal. Doch der Rebensaft überstand die lange Seereise nicht. Um ihn trinkbar zu halten, kippte man Brandy hinein – der Portwein war erfunden. All das erfährt man im Museum „Wine Experience“ – der Wein-Erlebniswelt. Eine drei Meter hohe Weintraube, die in verschiedene Schichten zerlegt ist, ist der Hingucker der interaktiven Ausstellung, die sich mit verschiedenen Anbauregionen, dem Einfluss von Böden und Klima, mit der Herstellung und dem Geruch von Wein beschäftigt. Weitere Ausstellungen widmen sich den Themen Design, historische Trinkgefäße und Schokolade, weil sie so gut zu Portwein passt. Dazu gibt es wechselnde Kunstausstellungen.

Nach all der Theorie darf die Praxis nicht fehlen. In die Wow-Weinschule kann man ohne Voranmeldung einfach hineinschneien. Experten wie Diego Ventura bieten Verkostungen an. „Wir machen das für jeden Gast individuell“, erklärt der gebürtige Brasilianer und fragt Präferenzen ab: rot oder weiß? Trocken oder fruchtig? Nur Wein oder auch Port? Dann wählt er aus, schenkt ein und beobachtet interessiert die Reaktion der Kunden. Sein Tipp: „Man sollte das Glas vor dem Trinken unbedingt schwenken, weil der Wein dann mehr Geschmack entwickelt.“

Beschwingt geht es weiter in den jüngsten Neuzugang der Museumslandschaft, das im Sommer 2021 eröffnete Museum Pink Palace. Es widmet sich dem Thema Roséweine. Der rosa Palast ist das exzentrischste der Wow-Museen und passt wunderbar zur fotogenen Ästhetik der Generation Instagram. Man kann sich in einem Cabrio vor Palmenkulisse ablichten lassen oder im pinkfarbenen Bällebad abtauchen.

Aussichtsreiches Plätzchen

Viele Besucher kommen auch einfach so nach Vila Nova de Gaia, ohne die Museen zu besuchen. Vom Hotel und vom Wow-Gelände aus genießt man einen wundervollen Blick auf die Altstadt von Porto mit der Kathedrale im Hintergrund, der Douro liegt einem zu Füßen. Direkt gegenüber leuchten die farbenfrohen, leicht verfallenen Häuser des Stadtteils Ribeiro. Auf dem Wasser schaukeln kleine Rabelo-Holzboote, in denen früher Fässer voller Portwein transportiert wurden. Daneben fahren Ausflugsschiffe und Fähren. Möwen schreien, der Atlantische Ozean ist nah. Darauf ein Glas Portwein. Saúde!

Info

Anreise
Direktflug ab Stuttgart nach Porto mit Eurowings, www.eurowings.com.

Unterkunft
The Yeatman: Elegantes 5-Sterne-Hotel mit Pool, Spa und sehr gutem Restaurant oberhalb der World of Wine in Vila Nova de Gaia. Jedes Zimmer ist einem Weingut gewidmet und bietet eine fantastische Aussicht. Doppelzimmer mit Frühstück ab 320 Euro, www.the-yeatman-hotel.com

Icon Duplo Ribeira: Schickes Designhotel, im September 2022 neu eröffnet. Die Lage im quirligen Stadtteil Ribeira ist perfekt für Unternehmungen in Porto. DZ/F ab 220 Euro, www.iconduploribeira.com

Linha 22 ist ein putziges 3-Sterne-Hotel in einem winzig schmalen Haus aus dem Jahr 1876. Hier wohnt man gut und günstig, DZ ab 120 Euro, http://linha-22-bed-breakfast.allportohotels.com/de/

Essen und Trinken
Golden Catch und Root & Vine heißen zwei nebeneinanderliegende Lokale in der World of Wine. Praktisch: Man muss sich nicht für das Fischrestaurant oder für das vegetarische Lokal entscheiden, sondern kann hier wie da von beiden Karten ordern. https://wow.pt/restaurants/

Viele Portweinfirmen bieten Kellerführungen mit Verkostungen an. Preis ab 15 Euro pro Person. Einen Überblick bietet die Seite Get your Guide, www.getyourguide.de

Aktivitäten
Die World of Wine ist täglich von 10 bis 19 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet für fünf Museen 65 Euro, ermäßigt 27 Euro, Kinder bis drei Jahre sind frei. https://wow.pt

Livraria Lello, die schönste Buchhandlung der Welt, inspirierte einst „Harry Potter“-Autorin J. K. Rowling, die einige Zeit als Englischlehrerin in Porto lebte. Wer das Jugendstil-Kleinod besuchen möchte, sollte unbedingt vorab ein Ticket mit Zeitfenster kaufen – sonst steht man stundenlang in der Warteschlange. Den Eintrittspreis von 5 Euro bekommt man verrechnet, wenn man ein Buch kauft, www.livrariolello. pt Der Bahnhof São Bento begeistert mit seiner kachelverzierten Halle. Von der Baustelle drum herum, wo gerade eine neue U-Bahn-Linie entsteht, darf man sich nicht abschrecken lassen.

Allgemeine Informationen
www.visitportugal.com