Die Standard-Arbeitswoche ist heute kürzer als 40 Stunden. Trotzdem klagen viele Menschen über Zeitmangel. Wie passt das zusammen?
Rein statistisch gesehen haben wir mehr Freizeit denn je. Die reguläre Wochenarbeitszeit eines Vollzeitbeschäftigten liegt laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) bei durchschnittlich 38 Stunden – das sind zehn Stunden weniger als vor 70 Jahren. Trotzdem steigt laut Umfragen der Stresspegel, und psychische Erkrankungen nehmen zu. Die Diskussion über die Work-Life-Balance, also ein angemessenes Verhältnis von Arbeit und Erholung, ist offensichtlich mehr als ein Mode-Thema.
Interesse an Teilzeitjobs steigt
Für mehr Freizeit würde jeder vierte Arbeitnehmer sogar auf einen Teil seines Gehalts verzichten – so jedenfalls das Ergebnis einer Umfrage der Unternehmensberatung EY. Und tatsächlich steigt die Zahl der Teilzeitbeschäftigten mittlerweile auch unter Männern: 2019 arbeiteten laut Statistischem Bundesamt rund zwölf Prozent aller männlichen Arbeitnehmer in Teilzeit, zur Jahrtausendwende waren es lediglich fünf Prozent.
Das liegt zweifellos auch am Rückzug des Alleinverdiener-Modells: Wenn die Partnerin ein ordentliches Gehalt mit nach Hause bringt, kann Mann seine Arbeitszeit eher reduzieren. Oder er muss es sogar, weil sie sich nicht alleine um die Kinder kümmern kann.
Helfen können klare Regeln für die Arbeitsteilung
Dass die Aufgabenverteilung zwischen Paaren immer wieder neu ausgehandelt werden muss, ist übrigens auch ein Stressfaktor: „Die Gespräche darüber finden ja meistens erst statt, wenn die Überlastung schon da ist“, sagt Christine Syrek, Professorin für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Der Hilferuf des gestressten Elternteils komme beim anderen dann oft wie ein Vorwurf an. Besser sei, frühzeitig klare Regeln für den Alltag aufzustellen.
Allerdings ist der Stresspegel laut einer Umfrage der Techniker-Krankenkasse (TK) auch bei Menschen unter 30 hoch – in einer Gruppe also, die das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie mehrheitlich noch gar nicht betrifft. 78 Prozent der 18- bis 29-Jährigen erklärten in der „TK-Stressstudie“ von 2021, sie fühlten sich manchmal oder häufig gestresst. Bei der vorausgegangenen Umfrage im Jahr 2016 hatte der Anteil der Gestressten in dieser Altersgruppe nur bei 66 Prozent gelegen.
Auch Freizeit kann stressig sein
Stress sei nicht allein eine Frage der Belastung durch Beruf, Studium oder Ausbildung, meint Syrek, die seit Jahren zum Thema Work-Life-Balance forscht. Viele Menschen neigten auch dazu, sich in ihrer Freizeit zu viel vorzunehmen. „In der Coronakrise haben es einige als Erleichterung erlebt, dass plötzlich nicht mehr jedes Wochenende verplant war“, sagt sie.
Nur daheim zu sitzen sei allerdings auch keine gute Lösung. „Man braucht eine Mischung aus passivem und aktivem Erholen.“ Denn Ausflüge und Aktivitäten mit Freunden seien Erlebnisse, von denen man zehren könne: „Man schöpft dadurch frische Energie, was dann auch bei der Arbeit hilft.“
Vielen fällt es schwer abzuschalten
Trotzdem – das zeigten verschiedene Studien – halte die Erholung selbst nach einem längeren Urlaub in der Regel nur eine Woche an. Umso wichtiger sei, beispielsweise die Mittagspause auch wirklich als solche zu nutzen – und nach Feierabend Abstand zur Arbeit zu gewinnen. „Gerade das Abschalten fällt aber schwer. Viele Menschen wälzen sogar nachts noch unerledigte Aufgaben im Kopf herum.“ Syreks Tipp: Kurz notieren, was als Nächstes anliegt und was einem dazu gerade eingefallen ist – den Zettel dann aber auch wirklich weglegen.
Zu den Problemen, eine klare Grenze zwischen Arbeit und Privatleben zu ziehen, trägt natürlich auch die ständige Erreichbarkeit via E-Mail und Smartphone bei. „Umfragen zeigen, dass viele Beschäftigte das Gefühl haben, auf jede Nachricht sofort reagieren zu müssen – selbst wenn ihre Führungskräfte diese Erwartung nie kommuniziert haben“, berichtet Syrek.
In der Freizeit keine Dienstmails
Vorgesetzte sollten daher auch unaufgefordert klarstellen, dass die Mitarbeiter eben nicht ständig erreichbar sein müssten. Und selbst entsprechend handeln. Wenn eine Führungskraft spätabends noch Dienstmails schreibe, fühlten sich die Adressaten eben unter Druck gesetzt, sagt Syrek – selbst wenn das nicht beabsichtigt sei. Arbeitnehmer sollten sich schützen, indem sie in ihrer Freizeit dienstliche Nachrichten aus- oder stummschalten.
Bei der Arbeit geht das logischerweise nicht. Und dort prasseln auf viele Beschäftigte inzwischen ständig Nachrichten auf verschiedensten Kanälen ein, was den Stresspegel ebenfalls erhöht.
Einige Berufe erfordern ständige Reaktionsbereitschaft
Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang eine Statistik aus dem jüngsten AOK-Fehlzeiten-Report. Besonders verbreitet sind psychische Erkrankungen demnach in der Dialogmarketing-Branche. Dazu gehören vor allem Callcenter und ähnliche Kundenservice-Stellen, deren Mitarbeiter permanent ansprechbar sein müssen. Auf 100 AOK-Mitglieder aus dieser Branche kamen 2020 fast 25 Krankmeldungen wegen psychischer Probleme – noch mehr als bei Pflegekräften (20 Fälle). Eine Entlastung kann bei Angehörigen dieser Berufsgruppen wohl nur eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen bringen.