Woody Allen (li.) mit seinen Hauptdarstellern Emma Stone und Joaquin Phoenix am Set Foto: Warner

Studentin (Emma Stone) verliebt sich in Philosophie-Professor (Joaquin Phoenix) – und erlebt ihr blaues Wunder. Woody Allen variiert auch in seinem jüngsten Film, der an diesem Donnerstag in die Kinos kommt, Themen und Konflikte, die ihn seit jeher umtreiben.

New York – - Mr. Allen, „Irrational Man“ ist keine Ihrer leichten Komödien, sondern recht bitter. Wird Ihr Blick auf die Welt immer düsterer?
Oh nein, ich war immer schon pessimistisch und bleibe es. Da hat sich nichts geändert.
Wird der Pessimismus womöglich größer?
Nein, der war von Anfang an so groß, dass da eigentlich keine Steigerung mehr möglich war. Noch pessimistischer als in meiner Jugend kann man eigentlich nicht sein. Ich hatte immer schon ein sehr düsteres Bild vom Leben und von den Menschen.
Der Protagonist Ihres Films blüht erst auf, als er einen Mordplan schmiedet. Hatten Sie solche Gedanken schon selbst?
Mag schon sein. Ich würde sie nur nie in die Tat umsetzen. Würden ich alle umbringen, die ich am liebsten tot sehen würde, wäre ich am Ende wohl der letzte Mensch auf Erden.
Auch die Studentin Jill sucht Aufregung und ein wenig Gefahr. Wie geht es Ihnen?
Ich bitte Sie. Ich bin ein Mittelklasse-Feigling durch und durch. Risiko ist das Letzte, wonach ich strebe. Und eigentlich ist Jill eher wie ich. Sie würde sich normalerweise nicht mit einem so viel älteren, irrationalen Pseudo-Romantiker einlassen, sondern wäre besser dran mit ihrem netten College-Freund. Aber sie studiert nun mal Philosophie.
Und das bedeutet?
Leute, die sich viel mit Philosophie beschäftigen, erliegen oft dem Charme der Existenzialisten. Die sind nun einmal so wunderbar flamboyant, so dramatisch und wahrhaftig. Hegel, Leibniz, Spinoza – die sind ­natürlich brillant, aber eben auch schwerfällig. Da kann man schon verstehen, dass gerade auf junge Menschen die Existenzialisten einen besonderen Reiz ausüben, wie sie in ihren schwarzen Rollkragenpullovern rauchend in Cafés sitzen und Theaterstücke über Selbstmord schreiben. Davon kann man sich schon mal mitreißen lassen.
Aber Sie sind niemand, der sich von irgendetwas mitreißen lässt?
Nein, nie. Höchstens gedanklich, in meinem Zimmer. Ich bin wirklich niemand, der ­irgendetwas Ungewöhnliches tun würde. Ich habe in meinem Leben noch nicht einmal an einem Joint gezogen. Wie gesagt: durch und durch ein alles andere als mutiger Feigling aus der unteren Mittelklasse.
Sie haben nie Marihuana ausprobiert?
Ich bin einfach kein neugieriger Mensch. Die Leute denken das immer, weil ich Filmemacher bin. Aber ich bin wirklich kein bisschen experimentierfreudig. Würde meine Frau mich lassen, würde sich mein gesamtes ­Leben im Umkreis von 20 Blocks um unsere Wohnung herum abspielen.
Nicht einmal in den wilden Sechzigern konnte irgendwer Sie in Versuchung bringen?
Ich war schon damals so wie heute. Dabei war ich ja als Komiker, der in Nachtclubs auftrat, mittendrin im Geschehen. Ich war ständig umgeben von Jazz-Sängern und Folk-Musikern, ein Konzert jagte das nächste. Jeder, auch Leute, die doppelt so alt waren, konnten es kaum erwarten, alles auszuprobieren: LSD, ­Kokain, was immer sie in die Finger bekamen. Mich interessierte das kein bisschen.
Wenigstens ein Glas Wein?
Das schon, dafür konnte ich mich früher schon erwärmen. Also trank ich jeden Tag Wein. Bis ich eines Tages aufwachte und nicht mehr schlucken konnte. Mein Doktor sagte mir, dass durch Wein meine Speiseröhre verkrampft. Damit hatte sich mein Interesse an Wein natürlich auch wieder erübrigt.
Stichwort Interessen: Wann haben Sie selbst zur Philosophie gefunden?
Schon als junger Mann. Ich war um die 20, als ich das erste Mal heiratete, und meine Frau studierte damals Philosophie. Sie brachte ständig Bücher mit nach Hause und bat mich, ihr bei den Hausaufgaben zu helfen. So wurde mein Interesse geweckt. Und dann entdeckte ich plötzlich Philosophie überall, in Dostojewskis Büchern oder den Filmen von Ingmar Bergman.
Auch die Psychoanalyse hat stets eine wichtige Rolle in Ihrem Leben gespielt. Beeinflusst die Zeit auf der Couch Ihre Kreativität?
Ja, aber nicht so, wie viele vermuten. Viele Künstler fürchten, sie könnten danach nicht mehr schöpferisch tätig sein. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Psychoanalyse befreit. Wenn man das eine Weile mit Erfolg hinter sich gebracht hat, hat man einiges an Ballast abgeworfen und kann sich ganz auf die Arbeit konzentrieren. Mir hat sie jedenfalls sehr geholfen. Wenn auch natürlich nicht so sehr, dass ich jetzt ein positiver, glücklicher Mann wäre.
Ein weiteres großes Thema für Sie war immer New York, auch wenn „Irrational Man“ dort nicht spielt. Ist die Stadt nach all den Veränderungen der letzten 15 Jahre noch Ihre Stadt?
Manche der Veränderungen waren sicherlich nicht schlecht. Nur in den letzten beiden Jahren hat sich die Stadt nicht zum Besseren entwickelt. Man sieht viel mehr Obdachlose als noch vor fünf Jahren und viel mehr Leerstand. Man kann den Verfall der Stadt beobachten. Ich habe einfach das Gefühl, dass die Stadt gerade nicht gut geführt wird. Unser Bürgermeister de Blasio ist viel zu selten vor Ort, sondern reist durchs ganze Land. Und wenn er da ist, kümmert er sich meiner Meinung nach nicht um die wichtigsten Probleme. In New York gibt es dringlichere Fragen als die nach Pferdekutschen im Central Park. Aber in New York geht es immer auf und ab, also warten wir mal.
Können Sie uns etwas zu der Serie verraten, die Sie für Amazon entwickeln?
Der Fluch meines Lebens! Die sprachen mich vor zweieinhalb Jahren an, um mich von der Sache zu überzeugen. Dabei habe ich in meinem Leben noch nie eine Fernsehserie gesehen. Und ich habe auch nicht vor, es zu tun. Nachrichten, Basketball, Baseball – für mehr schalte ich nicht ein. Deswegen habe ich Amazon immer wieder abgesagt. Aber sie haben das Angebot immer weiter erhöht, und irgendwann war es so lukrativ und beinhaltete so viel kreative Freiheit, dass mein gesamtes Umfeld fand, ich könne es einfach nicht länger ablehnen.
Und was erwartet uns?
Es gibt keinerlei Vorgaben. Sechs halbstündige Folgen sollen es sein, wann und wo die Geschichte spielt, steht mir völlig frei. Ich kann in Frankreich drehen oder in Russland, in Farbe oder in Schwarz-Weiß. Ich kann mitspielen, muss es aber nicht. Und ob es komödiantisch wird oder ernst, ist ihnen auch egal.
Klingt nach traumhaften Bedingungen . . .
Mir erschien es wie ein Angebot, das man nur einmal im Leben bekommt. Und wie schwer können sechs Halbstünder sein, wenn ich doch einen Film nach dem nächsten schreibe? Aber es ist ein Albtraum. Ich ringe und ringe mit mir, aber es will keine Gestalt annehmen. Ich weiß beim besten Willen nicht, was dabei herauskommen wird. Auf jeden Fall fällt mir die Sache unglaublich schwer, und ich genieße die Arbeit keinen Moment lang. Ich habe mir da zu viel vorgenommen.
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