Am Gewa-Tower in Fellbach wird seit November 2016 nicht mehr gebaut. Foto: Hans-Dieter Wolz

Seit Monaten hofft Fellbach auf einen Investor, der den Gewa-Tower, das dritthöchste Wohnhaus Deutschlands, fertig baut. Diese Hoffnung hat sich am Freitag vorerst zerschlagen.

Fellbach - Es gibt keinen Käufer für den ­Gewa-Tower. Mehr noch, es ist die Rede von erheblichen Baumängeln. Von mutmaßlichen Lücken beim Brandschutz bis hin zur Gefahr, dass Fenster in dem 107 Meter hohen Gebäude bersten könnten, wird in einer ­Liste mit 58 Punkten gesprochen. Der potenzielle Investor, auf dem die Hoffnungen zur Rettung des Wohnturms in den vergangenen Monaten gelegen hatten, wird den dritthöchsten Wohnturm Deutschlands nun nicht übernehmen. Das haben Recherchen unserer Zeitung ergeben.

Am Gewa-Tower wird seit einem Jahr nicht mehr gebaut. Der Wolkenkratzer in Fellbach befindet sich mehr oder minder im Rohbau – in den oberen Geschossen fehlen die Fenster. Keine der insgesamt 66 Wohnungen wurde fertiggebaut. Am 11. November vergangenen Jahres wurde bekannt, dass die Arbeiten auf der Baustelle eingestellt ­wurden. Der ursprüngliche Bauherr, die ­Gewa 5 to 1 GmbH und Co. KG, sprach von „Abstimmungsbedarf hinsichtlich der ­Finanzierung“ – wenige Tage später wurde der Insolvenzantrag gestellt.

Kaufpreis von 13,5 Millionen Euro

Nach Aussagen des vorläufigen Insolvenzverwalters, Ilkin Bananyarli von der Kanzlei Pluta, hat es in der Zwischenzeit zwei konkrete Interessenten gegeben. Mit einem wurde in den vergangenen Monaten exklusiv über den Kauf verhandelt. Als Preis wurden 13,5 Millionen Euro genannt. Nun ist allerdings klar, dass dieser Kauf nicht zustande kommen wird. „Diese Nachricht ist ein Rückschlag und kostet uns Zeit im Verkaufsprozess“, sagt Bananyarli. Und: „Wir waren uns in fast allen Punkten einig, doch jetzt kam leider überraschend der Rückzug des Investors“, berichtet der Rechtsanwalt­. Der vorläufige Insolvenzverwalter werde nun eine Lösung mit dem zweiten Investor vorantreiben.

Der Turm wurde in Teilen durch eine europaweit ausgegebene Anleihe finanziert. Der Vertreter der rund 150 Geldgeber, der Jurist Gustav Meyer zu Schwabedissen, will sich auf Anfrage unserer Zeitung nicht zu den Vorwürfen über mögliche Baumängel äußern. Er verweist auf die Folgen für den Wert der Anleihe am Kapitalmarkt.

Wie das Prestigeobjekt nun doch noch ­gerettet werden kann, ist indes völlig unklar. Insider berichten davon, dass sofort Verhandlungen mit dem zweiten Interessenten aufgenommen werden sollten. Bis Weihnachten, so die Hoffnung, solle dann klar sein, ob es mit einem zweiten Interessenten zu einem Kaufabschluss kommen kann.

Stadt weist Verantwortung von sich

Gefragt nach der Liste mit Baumängeln, erklärt Fellbachs Oberbürgermeisterin Gabriele Zull: „Die geäußerten Vorwürfe sind der Stadt erst seit Beginn dieser Woche bekannt, können jedoch nicht überprüft werden.“ Die Stadt habe den Bau des Turms „nach dem üblichen Verfahren begleitet und dabei externe Gutachter miteinbezogen“, so Zull. „Die ständige Kontrolle der Bauausführungen, die nicht die Statik oder baurechtlich relevante Bereiche betreffen, liegt ausschließlich beim Bauträger“, fügt die Oberbürgermeisterin jedoch hinzu.

Die Stadtverwaltung hoffe nun, dass sich der Sachverhalt zügig klären lasse, es zu einer Einigung zwischen den Beteiligten komme und eine neue Perspektive für den Gewa-Tower entwickelt werden kann, heißt es aus dem Rathaus weiter. Angesprochen auf die Liste der Baumängel erklärt ein Sprecher des vorläufigen Insolvenzverwalters: „Nach unserem Kenntnisstand soll es eine Liste geben. Wir werden uns natürlich bemühen, den Inhalt in Erfahrung zu bringen und dann zu prüfen.“ Der insolvente Bauherr erklärt auf Anfrage: „Der Bauherr weist die Vorwürfe zurück.“ Die Verantwortung für den schlüsselfertigen Bau habe bei der Baufirma gelegen. Die angesprochene Mängelliste kenne er gar nicht.

Stand heute sind 43 der insgesamt 66 Eigentumswohnungen im Turm verkauft. Ob und unter welchen Umständen die Käufer dieser Wohnungen, die bereits bis zu 70 Prozent des Kaufpreises bezahlt haben, ­irgendwann ihr Eigentum beziehen können, ist mit der Absage des Investors nun ­wieder vollkommen offen.

Auch die Frage, welchen Teil ihres Investments die rund 150 Geldgeber, also die ­Menschen, die die Anleihe zur Baufinanzierung gezeichnet haben, einmal wieder sehen werden, ist ebenfalls offen. Ihnen wurde eine Rendite von 6,5 Prozent in Aussicht gestellt. Insgesamt wurden über diesen Weg rund 35 Millionen Euro eingesammelt. Mit Blick auf den erhofften Abschluss, der nun gescheitert ist, war die Rede davon, dass die Anleihegläubiger zumindest 40 Prozent ihres Geldes wiederbekommen sollten.

Aus informierten Kreisen heißt es, dass die aktuelle Entwicklung am Immobilienmarkt, also die stetig steigenden Preise, die einzige Chance der Anleihegläubiger sein könnte und der Schaden am Gesamtprojekt aufgrund der Marktentwicklung doch noch ­relativ gering ausfallen könnte.

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